Stand: 09.02.2017 21:02 Uhr

"Zeit auf dem Schiff hat nichts mit Urlaub zu tun"

Die "Salomon" ist ein Segelschiff für Jugendliche, die straffällig geworden oder aus pädagogischen und therapeutischen Einrichtungen rausgeflogen sind. Das Schiff ist für die Jungs sozusagen eine der letzten Optionen. An Bord gibt es Arbeit, Schule, Struktur und natürlich Segeln. Jonathan Reist ist Co-Geschäftsführer des Schiffs-Eigners Stiftung Jugendschiffe Schweiz und arbeitet an Bord mit den Jugendlichen.

Warum ist Segeln so wichtig?

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Jonathan Reist arbeitet mit den Jugendlichen auf dem Segelschiff "Salomon".

Jonathan Reist: Der große Vorteil ist, dass wir miteinander ein Ziel erreichen und zusammen durch schwierige Situationen gehen, zum Beispiel, wenn es auf hoher See ordentlich schwankt und windet. Wir hängen alle voneinander ab. Egal, was man für eine Position hat, egal, wer man ist. Wenn jemand schlecht steuert und den Kurs nicht richtig hält, dann hat das direkte Auswirkungen auf die Anderen, die schlafen dann weniger gut. Das kann den Druck auf den Jugendlichen am Steuer schon etwas erhöhen. Segeln hat aber auch viel mit Selbstwertgefühl zu tun. Ein Junge, der nirgendwo funktioniert hat und hier jetzt die Segel handhaben kann und sogar Vormann wird - der ist mal was! Den Jungs fehlt ja oft komplett jede Art der Bestätigung. Bestätigung kennen sie, aber vor allem nur im Negativen. Sie sind cool, wenn sie kiffen, sie sind cool, wenn sie abhauen, alle ihre Freunde feiern sie, wenn sie Scheiße bauen und hier auf dem Schiff können wir das umdrehen.

Was genau kann das Segelschiff gegenüber anderen intensivpädagogischen Einrichtungen bieten?

Reist: Wir sind ein Mikrokosmos auf dem Wasser. Die Jugendlichen können eigentlich nicht flüchten. Natürlich hauen die mal ab, wenn wir vor Anker liegen. Das erleben wir ab und zu mal. Aber sie kommen immer wieder zurück und müssen sich dem, was sie gemacht haben, dann stellen. Was sie nicht können, ist vor der Beziehung mit uns flüchten. Wenn man so lange miteinander unterwegs ist, erlebt man sehr viel miteinander. Da kommen wir Betreuer mit den Jugendlichen auf eine Ebene, auf der wir ganz tiefgründige Gespräche führen können und so eine Ebene wäre in einem anderen Setting viel weniger möglich.

Also das Alleinstellungsmerkmal Ihres Angebots ist die Beziehung, die Sie zu den Jungs aufbauen?

Reist: Ja, weil die Jungs, die wir bekommen, sind vor allem eines gewohnt: den Beziehungsabbruch. Sie lernen jemanden kennen, fliegen da raus. Sie lernen wieder jemanden kennen, fliegen wieder irgendwo raus. Bei uns wissen sie, dass sie eine gewisse Zeit ganz konstant mit Menschen unterwegs sind, Tag für Tag. In einem Knast zum Beispiel kann das so nicht stattfinden. Wir leben mit den Jungs an Bord. Von daher ist das nicht nur ein Job, sondern eine Aufgabe.

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Dann sind Sie so etwas wie Familienersatz?

Reist: Ich denke, ja. Viele der Jungs können hier erleben, was es bedeutet, gemeinsam zu leben. In der Pädagogik wird das Wort Liebe nicht gern gesagt. Ich benutze es aber trotzdem bewusst oft, weil ich glaube, dass Liebe und Strenge ganz eng zusammengehören. Viele Jungs haben erlebt, was Strenge bedeutet: sie werden missachtet, sie werden nicht geliebt, sie werden aus der Gesellschaft ausgestoßen. Was sie brauchen ist Zuneigung, Liebe, Gespräche und sie müssen merken: "Ja, ich bin wertvoll." Gleichzeitig müssen wir auch streng mit ihnen sein. Sie müssen lernen, Strenge bedeutet nicht was Negatives, sondern was Positives. Wenn ich streng mit ihnen bin, dann meine ich es gut. Wenn die Jugendlichen zum Beispiel nicht lernen, anständig mit Erwachsenen umzugehen, dann wird das nichts im Leben. Wenn sie das nicht kapieren wollen, muss es eben eine Strafe geben. Das gehört für mich so zusammen.

Die Jungs an Bord müssen ja mindestens 40 Wochen auf der "Salomon" erfüllen und keiner schafft es, die erforderlichen Wochen am Stück zu bestehen. Worauf achten Sie bei der Wochenbewertung am meisten?

Reist: Auf das Zwischenmenschliche. Das heißt, auf die Kompetenzen im sozialen Bereich. Wenn jemand eine Ausbildung machen will, kann er seinem Chef nicht "Arschloch" oder "Hurensohn" an den Kopf werfen. Das geht einfach nicht. Da schauen wir viel stärker hin als zum Beispiel auf die Zimmerordnung. Die wird zwar auch bewertet, aber die wiegt nicht so schwer.

Wenn ich es provokant formuliere: Ich muss also als junger Mensch straffällig werden, um dann von der Gesellschaft finanziert ein Jahr über die Weltmeere segeln zu dürfen?

Reist: Es hat sich ja niemand ausgewählt, schwierig zu werden. Niemand will kriminell werden von Grund auf, niemand will in so eine Maßnahme reinrutschen. Das sind ja ganz viele Geschichten, die dazu führen, Lebenstragödien, Biografien, die wir alle nicht haben wollen.

Update: Betrieb eingestellt

Am 15. November 2017 haben die letzten betreuten Jugendlichen das Segelschiff "Salomon" verlassen und sind in pädagogische Anschlussprojekte gekommen. Das Projekt der Stiftung Jugendschiffe Schweiz und der Haus Wildfang GmbH wurde beendet, da das Geld für nötige Sanierungen am Schiff fehlte.

Es gibt aber viele Menschen, die nicht verstehen können, dass jugendliche Straftäter jetzt auch noch ein Jahr Segelurlaub für ca. 100.000 Euro spendiert bekommen.

Reist: Also das hat überhaupt nichts mit Urlaub zu tun. Wir machen wie andere Institutionen auch: Schule und Arbeitstraining. Und eben Nautik. Das Besondere ist, dass wir auf sehr engem Raum zusammenleben, was auch nicht nur schön ist, sondern auch viele Einschränkungen mit sich bringt. Und zu den Kosten: Die Jugendlichen, die zu uns kommen, in die wird ja sowieso schon Jahre lang investiert. Es ist ja nicht so, dass die jetzt auf ein Schiff kommen und plötzlich kosten sie Geld, sondern das sind Jugendliche, die schon während einer langen Zeit in unterschiedliche  Maßnahmen und Einrichtungen  gesteckt wurden, die alle nicht funktioniert haben. In der Regel versucht man als letzte Chance, sie bei uns zu platzieren. Wenn ein straffällig gewordener Jugendlicher keine Chance bekommt sich zu verändern, dann zahlt die Gesellschaft für ihn ein Leben lang. Also die Rechnung ist relativ einfach: Ja, er kostet Geld, er kostet viel Geld, aber das kostet er sowieso und man muss es jetzt investieren, sonst kostet er am Ende immens mehr. Wir haben eine sehr hohe Erfolgsquote: 60 bis 70 Prozent der Jugendlichen, die auf unserem Schiff waren, werden einen positiven Werdegang einschlagen, also ein geregeltes Leben führen. Wenn man diese 60 bis 70 Prozent an Jungs nimmt, die dem Staat dann irgendwann nichts mehr kosten, dann spart man sogar enorm viel Geld.

Das Interview führte Birgit Wärnke, NDR Fernsehen

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Dieses Thema im Programm:

DIE REPORTAGE | 06.04.2018 | 21:15 Uhr

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