Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Gorbatschow, Ströbele und das große Adieu

Stand: 02.09.2022 06:00 Uhr

Wenn berühmte Menschen sterben, die uns jahrzehntelang begleitet haben, sind das besondere Momente. Man fühlt sich ein bisschen allein. Aber nicht entmutigt, hofft jedenfalls Ulrich Kühn.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Ulrich Kühn

Irgendwann sind sie dann alle gegangen, die großen Wegbegleiter. Man hatte sie vielleicht unterwegs halb vergessen, doch plötzlich waren sie wieder da, erhoben ihre vertrauten Stimmen und man merkte auf. Die Stimmen wurden älter und matter, die Kräfte der Körper ließen nach. Aber die Schärfe der Gedanken, die Erfahrung langer Leben - das alles war ja noch da. Die Worte hatten Gewicht. Und sie entfalteten Wirkung.

Gorbatschow und Ströbele wollten die Welt verändern

Manche Menschen werden schon für ihre Zeitgenossen zu Epochenfiguren. Schwer zu sagen, warum. Sie hatten der Welt wohl was mitzugeben. Da war vielleicht eine einmalige Gelegenheit, ein historischer Moment. Da war aber auch ein großes Beharren, ein starker Wille mitzureden, auf dass die Welt nicht dieselbe sei, wenn man eines Tages stürbe. Michail Gorbatschow war so einer. Für manche auch Hans-Christian Ströbele. Völlig verschiedene Menschen, aber in einem Punkt verwandt: Als sie hier waren, sahen sie eine Welt vor sich, die sie verändern wollten. Und haben ein Leben darangesetzt.

Widersprüchliche Wegbegleiter

Ist das als Glorifizierung gedacht? Keinesfalls. Es ist nur mit Pathos gesagt. Wer nüchterner hinschaut, sieht ja vielleicht nur einen Generalsekretär der KPdSU, der zum Getriebenen der Umstände wurde. Und je nach Richtung des Blicks mutiert der Mann dann zur Lichtgestalt oder zum Landesverräter.

Leben wie diese sind eben selten ungebrochen. Auch Hans-Christian Ströbeles Leben nicht: Den einen blieb er der ewige Terroristen-Anwalt und Querulant im Übergrößen-Strickpulli auf dem Fahrrad. Anderen wurde er, zumal in seinen späteren Jahren, ein Vorbild an Treue zu sich selbst, an Unangepasstheit und Widerständigkeit. Ein jeder hat seinen eigenen Blick auf solche Wegbegleiter. Aber fast eine jede wird sagen: Ganz egal war’s jedenfalls nicht fürs Werden der Bundesrepublik Deutschland, wie Ströbele sein Leben geführt hat.

Nicht von jedem gemocht, aber für jeden relevant?

Wir Journalisten sprechen gern von Relevanz. Gemeint ist, dass etwas bedeutsam ist und von allgemeinem Interesse. Man könnte sagen: Michail Gorbatschow und Hans-Christian Ströbele haben höchst relevante Leben gelebt. Es sträubt sich aber etwas in mir, das so hinzuschreiben. Ist nicht jedes Leben von höchster Relevanz? Wenn man also herausfinden wollte, was sogenannte große Tote bedeutsam für alle machte, dann wäre es gut, sich selbst zu fragen, was man an Hoffnung auf sie warf. An Bewunderung. Oder an Abscheu und Wut.

Es wäre gut, sich zu fragen, was es für uns selbst bedeutet, wenn Menschen von so gewaltiger Wirkung aus unserm Leben verschwinden. Eines hoffentlich fernen Tages wird ja sogar Gerhart Baum nicht mehr in Talkshows sitzen, um uns eine Ahnung davon zu vermitteln, was Liberalismus mal war. Und spätestens dann müssen wir uns selbst in den Besitz einer solchen Ahnung bringen.

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Mit der Person stirbt nicht die Fähigkeit

Wenige können Ungebeugtheit und Würde so eindrucksvoll verkörpern wie einst Hildegard Hamm-Brücher. Es wäre aber doch eine seltsame Spielart von Kult, die Existenz herausragender Fähigkeiten ausschließlich an solche großen Persönlichkeiten zu knüpfen, und seien sie noch so begabt. Als ob mit dem Menschen zugleich die Fähigkeit aus der Welt verschwände, die ihn besonders machte. "Einen wie ihn werden wir nicht mehr sehen." Klar, es fühlt sich gut und pietätvoll an, einen Nachruf mit diesem Satz zu beenden. Der Nachruf-Schreibende kann nebenbei einen Abglanz der fremden Größe aufs eigene Ich umlenken. Aber ist es nicht in Wahrheit ziemlich merkwürdig, Helmut Schmidt als einzigartiges Weltpolitik-Orakel zu verabschieden, als könnte nach seinem Tod nie mehr jemand ihm gleichkommen? Ist es, bei allem Respekt, nicht ein bisschen kindlich?

Irgendwann sind sie alle gegangen, die großen Wegbegleiter. Sie haben respektvoll differenzierte Nachrufe verdient, keine Heldenlieder. Wir sind keine hilflos Alleingelassenen, wir müssen nur selbst zurechtkommen. Das tut manchmal weh, na klar, aber es gehört zum erwachsenen Leben. Und im Inneren lebt ja trotzdem weiter, was wir in dem anderen sahen. Darauf kommt es an; denn wenn der Augenblick da ist, wer weiß, wird sich eine neue Gorbi, ein neuer Gorbi entpuppen.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 02.09.2022 | 10:20 Uhr

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