NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
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NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
AUDIO: NachGedacht: Kein Verständnis (4 Min)

NachGedacht: Kein Verständnis

Stand: 21.10.2022 06:00 Uhr

Zuletzt hatte sich Alexander Solloch mit Entschuldigungen beschäftigt, die gar keine sind - und war stehen geblieben bei der seltsamen "Bitte um Verständnis". Auf der Frankfurter Buchmesse versucht er gerade, mehr zu verstehen.

von Alexander Solloch

Wenn uns damals der Mathelehrer zum Beispiel gesagt hätte: "Sechs mal sechs ist 66, daran arg zu zweifeln rächt sich" und uns anschließend um unser Verständnis gebeten hätte, dann hätten wir ihm dieses (falls wir zugehört hätten) doch keinesfalls gewährt. So blöd waren wir ja nicht! Einmal fragte er uns freudianisch: "Hab‘ ich mich verstanden?", aber auch da konnten wir ihm nicht weiterhelfen. Wir hatten einen Verdacht, aber keine letzte Sicherheit.

Und weil wir seitdem nicht wesentlich blöder geworden sind, wollen wir auch weiterhin vom Verständnis nichts wissen. Die Deutsche Bahn kann ja gern ihrem Hobby frönen, Zugverbindungen fünf Minuten, bevor’s losgehen soll, ausfallen zu lassen. Aber dann noch durchzusagen: "Wir bitten um Ihr Verständnis" - tumber geht’s ja wohl kaum. Wie soll man etwas verstehen, das einem nicht einmal im Ansatz erklärt worden ist?

Alles begann mit Wissenssendungen und Wissensreihen

Sowieso wird allzuviel Gewese ums Verstehen getrieben. Das fing wohl an vor etwa 20 Jahren, als die Fernsehanstalten aus Renommiergründen sogenannte Wissenssendungen und die Buchverlage bunt bebilderte Wissensreihen in ihre Programme aufnahmen und das Publikum - noch bevor es seiner Bestimmung gemäß hätte erschrecken können - mit den Worten besänftigte, hier würden nun aber zugegebenermaßen schwierige Themen einwandfrei verständlich dargeboten. Anstrengungsloser Wissenswohlstand war die Verheißung jener Zeit rund um den Jahrtausendwechsel.

Der gute Ruf des Verstehens ist auch durch Tatsachen nicht zu trüben. Immerzu soll man verstehen, kein Tag darf unverstanden verstreichen. Da fährt man also auf die Buchmesse, um mal alles hinter sich zu lassen - und soll am Ende doch nur: "verstehen". Die "Süddeutsche Zeitung" gibt ihrer Extrabeilage zur Messe den Titel: "Wer liest, versteht die Welt besser". Ich habe für diese aufdringliche Erwartung an die Literatur keinerlei Verständnis. Wenn wir sie und ihr geheimnisvolles Wesen besser verstünden, sähen wir von solchen Zuschreibungen ab. Zwar schaue ich hier in Messehalle 3 in lauter freundliche Antlitze, kann nun aber - auch bei genauem Hinsehen - nicht behaupten, dass all unsere zweifelnden Fragezeichengesichter schon ganz bereit wären, sich in entschlossene Ausrufezeichen zu verwandeln. Dass vor zwei Jahren die Frankfurter Buchmesse coronabedingt ganz ausfallen musste, sie im vergangenen Jahr nur mit erheblichen Einschränkungen stattfand und jetzt alles wieder so ist wie immer - Gedränge und Gewimmel und gelegentliche Hinweisschilder, man möge eineinhalb Meter Abstand zueinander halten, an deren Stelle man ebenso gut Schilder anbringen könnte, die darum bitten, Putin abzusetzen -, das alles ist nun offensichtlich kein Sachverhalt, den die Besucherinnen und Besucher im Gesamtzusammenhang verstünden. Aber es scheint, dass sie sich freuen.

Bücher sind nicht zum Verstehen da

Dass Verstehen letztlich nicht möglich ist, erfahren wir ja aus einem der größten Werke der britischen Literatur, "Horrendous Habits" von Philip Ardagh, unter dem Titel "Abscheuliche Angewohnheiten" von Harry Rowohlt ins Deutsche gebracht. Da sagt einmal Mrs Dickens zu ihrem Sohn Eddie, nachdem er sie aufgefordert hat, ihm irgendetwas zu erklären: "Also bitte, Edmund! Wie kommst du denn darauf? Dass ich eine Erwachsene bin, bedeutet doch nicht, dass ich irgendetwas oder irgendwen auf der Welt auch nur im Ansatz verstünde!" Damit wäre alles gesagt. Dieses Buch ist verständlicherweise vergriffen und unverständlicherweise nicht wieder neu aufgelegt worden.

Bücher sind nicht zum Verstehen da. Sie sind da, um da zu sein, jedem Zweck entzogen. Kim de l’Horizon - Anfang der Woche mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet - spricht von "Magie", von "Hexerei" und braut im "Blutbuch" viele tausend schöne Worte zusammen: "Ich werde mich jetzt hinsetzen und das Schreiben, diese Dachluke im Nebel der Dinge, öffnen und schauen, was kommt." Vielleicht ist das der Zauberspruch: Wir lesen, um zu lesen. Und wir schreiben, um zu verstehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 21.10.2022 | 10:20 Uhr

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