Die Flaggen von Deutschland und Großbritannien © picture alliance/dpa Foto: Monika Skolimowska

Gedanken zur Zeit: Wie blickt Großbritannien auf Deutschland?

Stand: 27.08.2021 18:23 Uhr

Was denken Menschen in anderen Ländern, wenn sie auf Deutschland blicken? Imke Köhler, Korrespondentin in London, hat jüngst erlebt: Das Deutschland-Bild in Großbritannien ist bunt. Enthält aber auch noch Tupfer aus der Vergangenheit.

Buckingham Palace in London mit menschenleerem Vorplatz © NDR Foto: Thomas Spickhofen
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von Imke Köhler

Bei der Fußball-EM in diesem Sommer war plötzlich der Hitlergruß zu sehen. Mein Kollege war beim Achtelfinale England gegen Deutschland im Wembley-Stadion und berichtete danach, dass in den Reihen der England-Fans hinter ihm der Hitlergruß gezeigt worden sei und dass er nach dem Sieg der englischen Mannschaft in derart verzerrte Gesichter geblickt habe, dass er sie nur noch als Fratzen beschreiben konnte. Auch waren die Gesänge von "Two world wars and one world cup" wieder zu hören - ein Fußball-Song, der Englands Siege über Deutschland feiert, die Siege der beiden Weltkriege und den bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1966.

Porträtfoto der ARD-Korrespondentin Imke Köhler. © BR Foto: Markus Konvalin
Imke Köhler ist seit 2019 ARD-Korrespondentin in London.

Damals, am Morgen dieses Finales 1966, hatte die Daily Mail geschrieben: "Westdeutschland mag uns heute in unserem Nationalsport schlagen, aber das wäre nur fair. Wir haben sie zweimal in ihrem geschlagen." Auch 30 Jahre später, 1996, titelte der Mirror noch: "Achtung Surrender! For You Fritz ze Euro Championship is Over". Verhöhnen und schmähen und dabei das eigene Ego aufpumpen, das hat mit Sportschlagzeilen sehr lange sehr gut funktioniert. Die britischen Boulevardmedien, die zu den besonders reißerischen zählen, haben die Deutschen lange Zeit als "Fritz", "Krauts" oder "Huns" bezeichnet. Inzwischen haben die martialischen Töne in der Presse deutlich nachgelassen, aber wenn man der These anhängen will, dass Sport ein perfekter Kriegsersatz ist, dann gilt das vor allem für Fußballbegegnungen England gegen Deutschland.

Szenen wie in Wembley verstören, aber solche England-Fans bilden nicht die britische Gesellschaft ab und ihr unreflektiertes Gebaren spiegelt nicht die generelle Haltung der Briten Deutschland gegenüber wider.

Deutschland und England: Eine ungleichen Liebe

Natürlich war die Sicht auf Deutschland jahrzehntelang vom Krieg geprägt, wie könnte es auch anders sein. Inzwischen ist die Kriegsgeneration leise geworden oder ganz verstummt, das Narrativ hat sich gewandelt und die Freundlichkeit gegenüber den Deutschen hat zugenommen, aber zumindest für die älteren Briten ist eines geblieben: Der Rückgriff auf die Weltkriege ist eine willkommene und eingeübte Form der Selbstvergewisserung. Großbritannien hat damals gewonnen und damit - wie es im Englischen so schön heißt - auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden. Dieser Triumph ist ein Anker im britischen Selbstbewusstsein. In den Schulen sind der Zweite Weltkrieg und der Holocaust fester Bestandteil des Lehrplans, daran kommt - zu recht - kein britischer Schüler vorbei. Bedauerlich ist allerdings, dass dieses horrende Kapitel deutscher Geschichte für viele Briten ein so zentraler Bestandteil dessen bleibt, was sie über Deutschland wissen, denn die moderne Bundesrepublik kennen viele von ihnen gar nicht. Deutschland ist kein klassisches Urlaubsland, viele Briten sind noch nie dort gewesen. In diesem Zusammenhang macht sich zweifellos auch bemerkbar, dass die Briten keine gesteigerte Notwendigkeit sehen, fremde Sprachen zu lernen. Während viele deutsche Schülerinnen und Schüler für einen Sprachurlaub nach England kommen und dabei schon in jungen Jahren erste Eindrücke von Land und Leuten gewinnen, reisen nur sehr wenige Briten für einen Sprachurlaub nach Deutschland.

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Wahrscheinlich trägt dieses Ungleichgewicht auch zu einer ungleichen Liebe bei, denn es scheint so zu sein, als würden wir Deutschen die Briten mehr mögen als umgekehrt. Allerdings: Die Briten sind ein patriotisches, stolzes Volk mit einem hohen Maß an Eigenliebe, ihre Sympathien gelten in erster Linie ihnen selbst. Und so sind den Briten andere Länder eher gleichgültig, das trifft nicht nur Deutschland. Versucht man, die ungleiche Liebe in Worte zu fassen, lässt sie sich vielleicht so beschreiben: Wir Deutschen sind von den Royals fasziniert, die Beatles sind fester und sentimentaler Bestandteil unseres Lebens, wir lieben den britischen Humor und finden die Briten in ihrer Art liebenswert skurril. Die Briten hingegen empfinden die Deutschen als ziemlich humorlos und langweilig - keine Attribute, die für die ganz große Zuneigung reichen. Dabei dürfen wir das "langweilig" sogar noch positiv verstehen, denn es beinhaltet, dass Deutschland als stabil und wenig skandalträchtig wahrgenommen wird. Abgesehen davon gelten Deutsche aber auch als besserwisserisch und regelversessen. So beäugen die Briten mit Unverständnis, wie ernst Deutsche rote Fußgängerampeln nehmen. In England werden sie eher als Empfehlung verstanden, stehenzubleiben.

Respekt für die deutsche Wirtschaftskraft

Immerhin, dem Fußball sei Dank, hat sich Deutschlands Image seit der WM 2006 deutlich gebessert. Ein Glücksfall zweifellos, dass Deutschland damals traumhaftes Sommerwetter zu bieten hatte, das der Stimmung sehr zuträglich war. Bei der WM haben viele Briten erkannt, dass die pflichtbewussten Deutschen auch richtig Party machen können. Außerdem erfreut sich Berlin ziemlich großer Beliebtheit: Wenn denn junge Briten nach Deutschland reisen, muss es für viele Berlin sein. Die Stadt gilt als hip, international und cool und ist unter anderem das Ziel junger Männer, die dort auf Bierbikes mit Freunden ihren Junggesellenabschied feiern.

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Stichwort Bier: Natürlich ist Deutschland auch für das Oktoberfest bekannt - noch mehr aber für seine Autos. "Ihr macht die besten Autos der Welt, und die kaufen wir", sagt mir ein Brite im Gespräch. Den Werbeslogan "Vorsprung durch Technik" kennt anscheinend jeder, auch der schottische Autoverleiher in Edinburgh, der ansonsten kein Deutsch spricht. Er hält mir, als ich auf Recherchereise bin, einen Schlüssel hin, lächelt wissend und sagt: "Vorsprung durch Technik". Das passt in dem Moment tatsächlich, weil er mir ungefragt einen Audi vermieten will, aber der Slogan steht in Großbritannien für mehr als nur diese Marke. Es ist die Kurzformel für Deutschlands Leistungsfähigkeit, für Innovation und Produktivität, Technik und Design, für deutsche Präzisionsarbeit und eine hochwertige Verarbeitung. Wenn die Deutschen von den Briten auch nicht geliebt werden, so werden sie für ihre Wirtschaftskraft doch respektiert - und nicht nur für die.

Zum Beginn der Corona-Krise im vergangenen Jahr ging der Blick regelmäßig zu uns auf den Kontinent. Als die Todeszahlen auf der Insel stark stiegen und Deutschland nur verhältnismäßig wenige Tote zu beklagen hatte, hieß es in fast jeder Pressekonferenz: Was macht Deutschland besser? Was können wir von Deutschland lernen?

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 28.08.2021 | 13:05 Uhr

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