Am 23.9. wurde Dr. Klaas-Hinrich Ehlers, Privatdozent an der Freien Universität Berlin, der Fritz-Reuter-Preis der Hamburger Carl-Toepfer-Stiftung verliehen. © Jan Wulf Foto: Jan Wulf
Am 23.9. wurde Dr. Klaas-Hinrich Ehlers, Privatdozent an der Freien Universität Berlin, der Fritz-Reuter-Preis der Hamburger Carl-Toepfer-Stiftung verliehen. © Jan Wulf Foto: Jan Wulf
Am 23.9. wurde Dr. Klaas-Hinrich Ehlers, Privatdozent an der Freien Universität Berlin, der Fritz-Reuter-Preis der Hamburger Carl-Toepfer-Stiftung verliehen. © Jan Wulf Foto: Jan Wulf
AUDIO: Fritz-Reuter-Preis für Klaas-Hinrich Ehlers (5 Min)

Fritz-Reuter-Preis für Forschungen zur Entwicklung des Plattdeutschen

Stand: 23.09.2022 12:24 Uhr

Für seine Forschungen zum Einfluss der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Mecklenburg gekommenen Flüchtlinge und Vertriebenen auf das Plattdeutsche ist der Linguist Dr. Klaas-Hinrich Ehlers mit dem Fritz-Reuter-Preis ausgezeichnet worden.

von Thomas Naedler

Eine neue Sichtweise auf Sprachwandel und Sprachaneignung ermögliche Klaas-Hinrich Ehlers mit seiner Arbeit, so teilt die Stiftung mit Sitz in Hamburg mit. Der Preis ist am Freitag bei einer Festveranstaltung verliehen worden.

Plattdeutsch als Zugang zur Gesellschaft und ihren Ressourcen

Wann eigentlich hat in Mecklenburg der Niedergang des Plattdeutschen begonnen? Und warum? Eine gängige Antwort lautet: Das war nach dem Zweiten Weltkrieg. Denn damals waren derart viele Flüchtlinge in den Nordosten gekommen, dass sich Einheimische und Neuangekommene vernünftigerweise darauf geeinigt hatten, miteinander Hochdeutsch zu sprechen. Diesem gängigen Erklärungsmuster widersprechen die Forschungen von Klaas-Hinrich Ehlers. Seine Erkenntnis: Ein Großteil der Vertriebenen passte sich an, auch sprachlich, lernte Plattdeutsch. Der Grund dafür, so Ehlers, lag in der Situation der Flüchtlinge. Viele von ihnen hatten alles verloren und damit ging es ihnen deutlich schlechter, als den Alteingesessenen. Die hatten zwar ebenfalls unter den Folgen des Krieges zu leiden, aber längst nicht so stark, wie die Hinzugekommenen. "Es gab einfach einen riesengroßen Unterschied und die dazugekommenen Vertriebenen waren zu einhundert Prozent abhängig von den Alteingesessenen", so Ehlers.

Plattdeutsch wichtig für Arbeitsplatz und soziale Kontakte

Die Forschungen des Linguisten Klaas-Hinrich Ehlers stützen sich unter anderem auf 90 Interviews, die er von 2010 bis 2015 mit Zeitzeugen, ihren Familien und ihren Freunden geführt hatte, zum Teil in Form von Befragungen. Sein Team hatte aber auch, ohne persönlich dabei zu sein, Alltagssituationen, wie ein gemeinsames Kaffeetrinken mit Erlaubnis der Anwesenden aufgezeichnet, über Mikrofone, die unauffällig im Raum standen. Das sollte dazu dienen, dass "normale" Sprachverhalten zu studieren. Und dabei zeigte sich: Viele, die als Kinder und Jugendliche nach dem Krieg nach Mecklenburg gekommen waren, sprachen ein exzellentes Plattdeutsch. So zum Beispiel in einer Familie aus Schwaan: Da hatte ein Mann, der mit 13 Jahren aus Oberschlesien in die Kleinstadt gekommen war, schon von anderen Jugendlichen Platt gelernt, auch in der Lehre sprachen alle Plattdeutsch. Klaas-Hinrich Ehlers fasst die Erzählungen dieses Zeitzeugen so zusammen, "Man ist rumgereist, auf die Höfe, und hat da hat er Platt gesprochen und er meinte so mal nebenbei, naja, und dadurch, dass ich Niederdeutsch sprechen konnte, bin ich dann auch immer zum Frühstück eingeladen worden."

Niedergang des Plattdeutschen erst in den 1960er Jahren

"Der Bruch liegt nicht 45, sondern der Bruch liegt Anfang der 60er Jahre. Das lässt sich aus den erzählten Familiengeschichten, aus diesen Sprachgeschichten der Familien rekonstruieren. Dann haben nämlich die Eltern aufgehört, mit ihren Kindern Niederdeutsch zu sprechen", sagt Klaas-Hinrich Ehlers. Das wiederum hatte damit zu tun, dass Hochdeutsch zum Schlüssel wurde für sozialen Aufstieg, für Bildung und Mobilität. Auch Massenmedien wie Radio und Fernsehen bekamen immer mehr Einfluss und dort wurde eben Hochdeutsch gesprochen. Das führte wiederum dazu, so Ehlers, dass viele Menschen, die in den 50er und 60er Jahren geboren wurden, zwar bestens Plattdeutsch verstehen, weil sie es bei Eltern und Großeltern gehört hatten, es aber selbst nicht sprechen. Wurden sie doch in der Regel in der Schule, aber auch Zuhause dazu aufgefordert, Hochdeutsch zu sprechen.

Reuter-Preis: Anerkennung auch für die Bewahrung von Familienschicksalen

Mit seiner Arbeit hat Klaas-Hinrich Ehlers gerade noch rechtzeitig Mecklenburger Lebensgeschichten gesichert, die sonst verloren wären. Nicht wenige der von ihm Befragten sind inzwischen gestorben, oder nicht mehr in der Lage, ihre Geschichten zu erzählen. So aber sind diese Zeitzeugnisse bewahrt, für die Sprachwissenschaft, aber auch für Historiker, denen das Material nun ebenfalls zur Verfügung steht. "Ich bin auch gerührt, dass das erkannt worden ist und bin sehr stolz. Also, das ist wirklich eine ganz tolle Anerkennung und auch eine Motivation, weiterzumachen", so Ehlers. Der Fritz-Reuter-Preis der Carl-Toepfer-Stiftung ist mit einer Anerkennung von 10.000 Euro verbunden, damit ist er der höchstdotierte Preis im Bereich des Niederdeutschen. Er wird alle zwei Jahre vergeben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturjournal | 22.09.2022 | 19:24 Uhr

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