Stand: 01.07.2019 17:35 Uhr

Inspiration durch den Zen: Die Malerin Ina Ockel

von Janek Wiechers

Die Künstlerin Ina Ockel hockt auf den Knien auf dem Boden ihres Ateliers. Vor ihr steht ihre aktuelle Arbeit: eine mit Kohle und Tusche schwarz grundierte Leinwand, auf die sie mit akribischer Kleinarbeit feine, vertikale Striche gezeichnet hat. Daran hat sie Reihen, sich nach oben hin verjüngender, blattartiger Formen gesetzt. Das Motiv wiederholt sich gleichmäßig über die gesamte Fläche. Mit Buntstift füllt die 50-jährige Künstlerin einige der Blattformen farbig gelb und grün auf.

"Dieses Handwerkliche dabei, es wirklich so einzeln aufzutragen, stört mich jetzt gar nicht", sagt Ockel und ergänzt: "Dann sitze ich eben einen Nachmittag auf Knien. Und genau diese Ruhe und Langsamkeit muss da reingehen. Und ich bin irgendwie davon überzeugt, dass das auch in so ein Bild mit einfließt. Und wenn es dauert, dann dauert's halt."

Zu Besuch im Atelier von Ina Ockel

Kontemplation als roter Faden

Das Bild, obwohl noch nicht fertig, hat schon jetzt etwas Meditatives: "Diese Wirkung! Dass es fast wie in Wasser getaucht ist, wie Wasserpflanzen, die sich wie im Wassergrund bewegen, hat was ganz Leises und Sanftes."

Diese Kontemplation zieht sich durch alle Arbeiten der in Braunschweig lebenden Künstlerin. Sie verweist in ihrer Kunst oft auf die Natur, arbeitet mit floralen Formen. Das zeigt sich nicht nur in ihren Bildern und Zeichnungen, sondern auch in den Skulpturen aus Ton, Wachs, Bronze oder Holz, die überall im Atelier herumstehen. Es sind in sich versunken wirkende Figuren und Köpfe, die teilweise zu schlafen scheinen. Alles in zurückgenommen Farben: rostiges Braun, pudriges Weiß, pudriges Beige, Grafitschwarz und Sienarot.

Parallel zum Zen-Buddhismus

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Hochkonzentriert arbeitet Ina Ockel an einem Bild.

Das zurückgenommene Material, die meditativ-konzentrierte Arbeitsweise und der reduzierte Ausdruck der Arbeiten - Ina Ockels Kunst und wie sie entsteht erinnert an ost-asiatische Kunstformen. Japan oder Korea kommen einem in den Sinn. Eine Haltung, die als Wabi-Sabi bekannt ist, ein ästhetisches Konzept des Zen-Buddhismus: "Ich habe eine große Faszination dafür. Diese Reduziertheit - mit möglichst wenig Mitteln - möglichst viel auszudrücken. Das ist eine Form von Verdichtung, die ja auch in der Poesie ist. Wenig Farben, einfache Formen, Licht und Schatten."

Die Arbeiten Ockels sind voller mystischer Symbolik, es finden sich archaische Formen, inspiriert von der Natur, der Landschaft und dem Menschen. Es sind einfache Formen und Gegenstände, die aber eine starke Ausstrahlung entfalten: "Sei es ein Boot oder das Blatt oder die Blüte - und das im Zusammenspiel. Und daraus im Grunde etwas Neues, etwas Anderes, in einer fremden Kombination herzustellen. Ich glaube schon, ein bisschen Poesie habe ich auch gern dabei."

"Künstlerin wird man nicht durch Ausbildung"

Ina Ockel wurde 1969 in Bad Düben in der DDR geboren. Sie lernte zunächst Bauzeichnerin in Magdeburg, studierte Bauingenieurwesen und später Architektur in Buxtehude. Ein reines Kunststudium hat sie nie absolviert. Nach einem jahrelangen Job als Architektin kehrte sie erst kürzlich diesem Leben den Rücken zu, und arbeitet heute fast ausschließlich als bildende Künstlerin.

"Das Formengestalten ist für beide Bereiche - Architektur und Kunst - gleichermaßen wichtig und Inhalt. In der Architektur konnte ich es nicht so ausleben. Ich glaube auch nicht, dass man Künstlerin oder Künstler durch irgendeine Ausbildung wird, sondern man ist es."

Atelier in eigener Altbauwohnung

Ein richtiges Atelier hat Ina Ockel derzeit nicht. Sie arbeitet momentan zu Hause. Ein Raum ihrer 2-Zimmer-Altbauwohnung fungiert als Atelier. Inzwischen wird es jedoch langsam eng in dem überschaubaren Raum, der zugleich als Lager für die zum Teil großformatigen Bilder und die nicht gerade platzsparenden Skulpturen dient.

"Als ich so zweigleisig gefahren bin, ist das hier einfach so entstanden. Das Atelierangebot ist in Braunschweig nicht besonders groß, aber ich arbeite hier schon ganz gern. Wenn ich ein schönes Angebot finden würde für ein Atelier: ja. Aber solange es jetzt nicht absolut notwendig ist, würde ich erst mal so weitermachen."

Ina Ockel in ihrem Atelier. © NDR/ Janek Wiechers Foto: Janek Wiechers

Zu Gast bei der Malerin Ina Ockel

NDR Kultur Klassisch in den Tag

Kontemplation zieht sich als stetes Thema durch die Arbeiten der Braunschweiger Bildhauerin und Malerin Ina Ockel. NDR Kultur hat sie in ihrem Atelier besucht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 01.07.2019 | 06:40 Uhr

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