Stand: 19.08.2019 13:19 Uhr

Graffiti-Kunst beim Urban Nature Festival Hannover

von Agnes Bührig

Für viele sind sie ein Zeichen von Vandalismus, für manche Ausdruck von Kunst: Graffitis. In Hannover hat sich das Kulturbüro der Stadt dieser Form der Street-Art angenommen und im vergangenen Jahr städtische Flächen freigegeben, auf denen Graffitis legal gesprüht werden dürfen. Am vergangenen Wochenende kam die Szene beim Urban Nature Festival zusammen, um Flächen unterhalb des Heizkraftwerks Linden, die Ihmehall, gemeinsam neu zu gestalten - flankiert von Führungen, einer Podiumsdiskussion mit ausländischen Künstlern und einer Filmvorführung.

Die zu besprühenden Wände sind so hoch, dass ein Gerüst für die Künstler errichtet wurde.

Matze hat sich eine Spraydose mit gelber Farbe geschnappt, eine Atemmaske über die Nase gezogen und die schwarze Basecap auf seinem Kopf nach hinten gedreht. Mit kurzen, konzentrierten Bewegungen sprüht der 33-jährige Kommunikationsdesigner ein Netz aus Linien und geometrischen Formen auf eine Betonwand. Später sollen sie das Wort "Calimero" ergeben. Die Technik dafür hat er im Studium mit Schwerpunkt Grafikdesign erprobt: "Man versucht, von der Grundkonstruktion wie beim Skelett erstmal den Buchstaben zu verstehen und ihn dann zu verändern. Dann eine bestimmte Art von 'Swing' mit reinzubringen, bis es den gewünschten Effekt hat."

Sogenanntes Style-Writing macht Großteil der Kunstwerke aus

Riesige Schriftzüge aus bunten Zahlen und Buchstaben, die kunstvoll ineinander verschlungen sind - das sogenannte Style-Writing -, macht den Großteil der Kunstwerke aus, die während des Festivals entstehen. Daneben gibt es Graffitis, die an Comics oder grafische Zeichnungen erinnern, an Expressionismus und Pop-Art. Die Einflüsse seien so vielfältig wie die Szene selbst, sagt Jonas Wömpner, der das Urban Nature Festival mit organisiert hat. Der Künstler setzt sich für mehr Akzeptanz von Graffitis ein.

Banksy als gutes Vorbild

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Ein Beispiel für den "Swing", der die gestalteten Schriftzüge auszeichnet.

Erfolgreiche Vorbilder wie Banksy sind dabei hilfreich. "Banksy ist jemand, der aus der Graffiti-Kultur kommt. Er ist mit der Hip-Hop-Kultur sozialisiert und hat seinen Erfolg mit seinen Schablonen gefunden, die er überall anbringt. Er hält seine wahre Identität gut geheim. Da merkt man halt auch, dass er aus der Graffiti-Szene kommt, weil du als Graffiti-Writer nicht am Kuchentisch bei Mutti erzählen kannst: 'Ich hab' nächste Woche die Reise nach Neapel vor. Wir wollen da ganz viele Züge bemalen.'", erzählt Wömpner.

Auf der Podiumsdiskussion auf dem Festival geht es um die Frage, wie man Graffitis mehr Anerkennung verschaffen kann. Rosie McLay aus Bristol erzählt, sie habe schon mit 18 Jahren erste Kunstmärkte mit günstigen Standmieten für Künstler unter Brücken und in Garagen organisiert. Ihr Kollege Thomas Sledmore berichtet, Bristol gelte zwar als Mekka für Street-Art, doch am liebsten begrenzt auf Festivals - und nicht frei wuchernd im Stadtraum.

1.000 Quadratmeter legale Sprühfläche in Hannover freigegeben

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Alle zwei Wochen gibt es mithilfe des Kulturbüros Hannover offene Treffen für interessierte Graffiti-Künstler.

Ein Zwiespalt, den Bernd Jacobs vom städtischen Kulturbüro Hannover kennt: "Wir haben vor zwei Jahren zu einem offenen Treffen eingeladen, um zu gucken: Was will die Street-Art-Community in Hannover? Dann haben wir fast ein ganzes Jahr überlegt: Welche Flächen brauchen sie? Was für Qualitäten müsste das haben? Wir haben mit der Stadtverwaltung gearbeitet und versucht, das eher so positiv zu machen: Flächen werden eh genutzt, dann kann man doch auch gleich die Flächen freigeben."

1.000 Quadratmeter Fläche zum legalen Sprühen wurden daraufhin in Hannover freigegeben. Mit Unterstützung des Kulturbüros entstand zudem eine Internetseite und alle zwei Wochen gibt es jetzt offene Treffen für alle Interessierten. Eine positive Entwicklung, die Jan begrüßt. Der 20-Jährige gestaltet auf dem Festival an einer Wand gerade ein Farbgewitter aus Pastelltönen. "Das ist wichtig, damit wir unser Hobby ausleben können. Es ist eine Kunstform und ich verstehe die Leute nicht, die das so einseitig betrachten und stigmatisieren."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.08.2019 | 19:00 Uhr

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