Eine Videoinstallation in den Räumen der Kestnergesellschaft. Auf dem Bildschirm sind drei in blauen Anzügen gekleidete Menschen auf einer Baustelle zu sehen. © Dirk Pauwels Foto: Dirk Pauwels

Kestner Gesellschaft startet in den Kunstherbst

Stand: 11.09.2021 17:20 Uhr

Die Kestner Gesellschaft in Hannover startet mit einem neu gestalteten Café, einer fest eingebauten Cinémathèque und den neuen Ausstellungen "Stage Fright" und "Fair Game" in den Kunstherbst.

von Agnes Bührig

"Let it come, let it come, the time we can love" - an der Fassade der Kestner Gesellschaft formuliert der britische Künstler Tim Etchells in großen, weißen Neonbuchstaben seinen Wunsch: eine Welt zu bewohnen, die es wert ist, geliebt zu werden. Die Textzeile geht auf ein Gedicht des französischen Dichters Arthur Rimbaud vom Ende des 19. Jahrhunderts zurück, sie könnte aber auch Ericka Beckman inspiriert haben.

"Reach Capacity": Videoinstallation über explodierenden Immobilienmarkt

"Wir investieren in die Zukunft" ist in ihrer neuen, performativen Videoinstallation "Reach Capacity" zu hören. Damit reagiert die Videopionierin, Jahrgang 1951 und ausgebildet am California Institute of the Arts, auf den explodierenden Immobilienmarkt ihrer Heimatstadt New York. Im Video stolzieren drei junge, agile Immobilieninvestoren in blauen Anzügen über Plätze, die sich plötzlich in bunte Spielfelder auf schwarzem Hintergrund verwandeln.

Das Bild zeigt eine Frau, die als Kleid die Ruine eines Gebäudes zu tragen scheint. © Nicolas Party Foto: Adam Reich
Nicolas Partys "Portrait with Ruin" (2021) ist Teil der Ausstellung "Stage Fright" in der Kestner Gesellschaft in Hannover.

Immer wieder hinterfragt Ericka Beckman in ihren Arbeiten, wer die Spielregeln in einer Gesellschaft bestimmt, sagt Kuratorin Julika Bosch, die die Einladung der Künstlerin angestoßen hat. "Sie ist eine Künstlerin, die sich viel mit Spielen und sportlichen Wettkämpfen beschäftigt, und dabei insbesondere mit Regeln und Strukturen", erzählt Bosch. "Und die sind immer auch symptomatisch für die Entwicklung und Aufrechterhaltung von Normen und Handlungen in unserer Gesellschaft."

Sensitiver wird es im ersten Stock. Auf der Galerie, wo bisher oft etwas stiefmütterlich Zusatzmaterial großer Ausstellungen platziert wurde, ist das Café Tender Buttons eingezogen. Der Name geht auf die gleichnamige Gedichtsammlung der amerikanischen Autorin und Kunstsammlerin Gertrude Stein zurück. Die Möbel sind bequem und geradlinig: grün gepolsterte, eckige Fauteuils zu Tischchen mit avantgardistischen Ständern. Dazu fällt der Blick auf ein riesiges, 16 mal 4 Meter großes, farbenfrohes Wandgemälde der gebürtigen Südkoreanerin Jongsuk Yoon.

Jongsuk Yoon: Begeisterung für Maschsee und Ihme

"Ich habe überlegt: Was kann ich hier machen?", erzählt Yoon. "Und dann fiel mir ein: Ich habe ein paar Mal den Maschsee und die Ihme besucht, und die haben mir so gut gefallen. Ich wollte diese Begeisterung über das Haus und über diese Orte - den See und den Fluss - ins Haus bringen und darstellen."

Das Bild zeigt eine Höhle in Grüntönen, im Hintergrund fällt Licht durch die Öffnung nach außen. © Nicolas Party, Courtesy the Artist und Kaufmann Repetto, Milan / New York Foto: Adam Reich
Grotte als Referenzpunkt: Nicolas Partys "Cave" (2020).

Zur Landschaft kommt die beeindruckende, überdimensionierte grüne Grotte, in die Nicolas Party die große Kuppelhalle verwandelt hat. Wie Stalaktiten lässt der Künstler, geboren 1980 in Lausanne, grüne Farbschichten in allen Schattierungen über Decke und Wände tropfen. Von unten wachsen Stalagmiten empor, dunkle Flächen deuten weitere, im Dunkel liegen Hohlräume an. Kunsthistorische Vorbilder sind Giottos Fresken in Assisi oder die realistischen Gemälde Gustave Courbets im 19. Jahrhundert.

Die Grotte ist der Ort, an dem in der Renaissance Naturmythen auf die sich entwickelnden exakten Wissenschaften trafen, sagt Lea Altner, die die Ausstellung mitkuratiert hat: "Die Grotte ist einfach als Referenzpunkt interessant für Party, weil es kulturgeschichtlich so ein religiös-romantischer, geheimnisvoller Ort ist, und dann als Naturimitation eigentlich seit der Renaissance in Gartenarchitekturen eingebunden wurde. Also das, was wir auch in den Herrenhäuser Gärten sehen."

Neue Cinémathèque zeigt Kunstfilme

Wie also beeinflussen Bilder, die wir schon kennen, die Wahrnehmung von neuer Kunst? Das lässt sich nicht zuletzt in der neu entstandenen Cinémathèque mit kurzen Kunstfilmen überprüfen. Viel zu entdecken gibt es also ab Sonnabend in der Kestner Gesellschaft in Hannover.

Eröffnet wird die neue Schau am Sonnabend ab 19 Uhr mit "Cirkus", einer Live-Installation des italienischen Künstlers Marcello Maloberti, auf dem Goseriedeplatz gegenüber der Kestner Gesellschaft.

Weitere Informationen
Ein kleiner Bauzaun steht vor der kestnergesellschaft in Hannover. © NDR Foto: Eric Klitzke

Kulturpartner: Kestner Gesellschaft Hannover

Im Herzen Hannovers gelegen, zählt die Kestner Gesellschaft zu den größten und bekanntesten Kunstvereinen Deutschlands. extern

Kestner Gesellschaft startet in den Kunstherbst

Der Kunstverein in Hannover lockt mit einem neu gestalteten Café, einer Cinémathèque und den neuen Ausstellungen "Stage Fright" und "Fair Game".

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kestner Gesellschaft
Goseriede 11
30159 Hannover
Telefon:
0511 70120 – 0
E-Mail:
kestner@kestnergesellschaft.de
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11 - 18 Uhr, Montag geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 11.09.2021 | 17:20 Uhr