Stand: 04.12.2018 13:45 Uhr

Käte Steinitz' Kunstschatz geborgen

In den 20er-Jahren stand sie als eine der wenigen Frauen im Mittelpunkt der jungen avantgardistischen Kunstszene Hannovers, ihr Werk ist jedoch bis heute wenig bekannt: Die Rede ist von Käte Steinitz - Künstlerin, Autorin und Mäzenatin. Nach jahrelangen Verhandlungen mit den Erben in den USA ist es dem Sprengel Museum jetzt gelungen, ihren Nachlass mit mehr als 1.500 Werken nach Hannover zu holen.

von Agnes Bührig

Isabel Schulz hat einen großformatigen Pappordner aufgeklappt und holt eine Zeichnung mit Skizzen von Tänzerinnen hervor. Sie ist im Sprung begriffen, tragen den typischen Kurzhaarschnitt der 20er-Jahre, dazu hängende Ohrringe. Die Entstehungszeit schätzt die Kunsthistorikerin und Leiterin des Kurt Schwitters Archivs im Sprengel Museum auf den Zeitraum der 20er- oder Anfang der 30er-Jahre: "Steinitz war sehr oft in den Ballettsälen, auch in der Oper hier in Hannover. Sie kannte einige Tänzer und Choreografen persönlich sehr gut und hat immer diese Bewegungsstudien gemacht. Diese Dynamik hat sie gereizt. Und sie hatte eine wirklich große Gabe, das Wesentliche ganz knapp, konturhaft festzuhalten, auch in Porträts. Diese Dynamik der 20er-Jahre, die man ja auch aus Filmen kennt, die wird uns da ganz lebendig überliefert."

Sprengel Museum hebt Käte-Steinitz-Kunstschatz

Die künstlerische Avantgarde in Hannover

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"Hahnepeter (Familie Hahnepeter Nr. 1) [Merz 12]" ist ein Dada-Kinderbuch und eines von mehreren gemeinsamen Werken von Kurt Schwitters und Käte Steinitz.

Zum Ende des Ersten Weltkriegs folgt Käte Steinitz, Jahrgang 1889, ihrem Mann aus Berlin nach Hannover. In der "Reichshauptstadt" hat sie Kunst studiert, in der Provinzhauptstadt kümmert sie sich um das Familienleben mit drei Töchtern. Und sie beginnt zu zeichnen, zu fotografieren und Texte zu verfassen. Ihre Wohnung in der Georgstraße entwickelt sie zu einem Treffpunkt der Kunstszene, nach dem Salon-Prinzip lädt Käte Steinitz zu Tanztees und Musikabenden ein, sagt der Direktor des Sprengel Museums, Reinhard Spieler: "Das ist Käte Steinitz' großer Verdienst: Künstlerinnen und Künstler zusammengebracht zu haben, und ihnen die Möglichkeit gegeben zu haben, sich auszutauschen, immer an Ideen zu arbeiten. Also, sie ist vor allen Dingen eine ganz wichtige Figur der Moderne, der Avantgarde in den 20er-Jahren hier in Hannover, wo Hannover wirklich zu einem der Zentren der modernen Bewegung wurde."

Der Nachlass kehrt aus dem Exil zurück

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Dr. Isabel Schulz (links) ist Leiterin des Kurt Schwitters Archivs im Sprengel Museum Hannover (hier mit Dr. Emma Chambers, Kuratorin der Tate Galerie, London).

Sie ist ein Leben lang mit Kurt Schwitters befreundet, erwirbt zudem immer wieder Werke von Kollegen, darunter George Grosz, Hannah Höch und der Fotograf Hein Gorny, bevor sie 1936 vor den Nationalsozialisten in die USA flüchtet. Unter den mehr als 1.500 Arbeiten des Nachlasses werden sich noch etliche Entdeckungen machen lassen, schätzt Reinhard Spieler. Vier Jahre lang verhandelte das Sprengel Museum mit Käte Steinitz' Erben und überzeugte ihren Enkel Henry Berg, dass der Nachlass nach Hannover gehört, sagt Isabel Schulz: "Steinitz' Korrespondenz zum Beispiel ist hier im Nachlass von Kurt Schwitters vorhanden und sie war eben sowieso schon immer eine wichtige Figur der Kultur und Kunst in Hannover in den 20er-Jahren. Und so entstand es dann, dass ich mich mit dem Henry Berg vor einigen Jahren in Berlin getroffen habe. Dann bin ich nach Amerika gefahren, hab mir den Nachlass anschauen können und habe auch gedacht: Wenn nicht zu uns, wohin dann sonst?"

Die Mäzenatin Käte Steinitz und das kollektive Schaffen

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Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel Museums Hannover, möchte Käte Steinitz' Wirken mit einem Kunstpreis würdigen.

Mehr als 1.000 Zeichnungen, Gemälde, Aquarelle, Fotografien sowie fünf expressive Hinterglas-Bilder von Käte Steinitz aus den Jahren 1915 bis 1965 umfasst der Nachlass. Gegenständlich-figurativ spiegeln sie die Großstadt in Szenen auf der Straße, im Zoo, in der Unterhaltungsbranche mit Jazz-Bands, Tänzern und Sängerinnen als Motiv. Ein Kulturschatz, der weiteres Licht in die avantgardistische Kunstszene in Hannover in den 20er-Jahren bringen wird und dessen Erschafferin nach dem Willen von Reinhard Spieler in voraussichtlich zwei Jahren auch mit einem Kunstpreis gewürdigt werden soll: "Mit dem Nachlassnehmer Henry Berg und der Familie zusammen hatten wir mal angedacht, einen Preis für kollektives Schaffen ins Leben zu rufen, weil das ihr Engagement vielleicht auch trifft: Leute zusammenzubringen und nicht nur selbst auf das große Ego zu setzen, sondern das gemeinschaftliche Handeln, das würde da im Mittelpunkt stehen, das ist unsere Idee."

Zu sehen sind Direktor Reinhard Spieler und Kuratorin Isabel Schulz beim Öffnen der eingetroffenen Kisten mit dem Nachlass von Käte Steinitz im Sprengel Museum Hannover.

Sprengel Museum erhält Käte Steinitz' Nachlass

NDR Kultur - Klassisch unterwegs -

Das Sprengel Museum erhält mehr als 1.500 Werke aus dem Nachlass der Künstlerin, Autorin und Mäzenatin Käte Steinitz. Darunter sind auch Werke von George Grosz und Kurt Schwitters.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 04.12.2018 | 15:20 Uhr

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