Stand: 03.09.2018 14:53 Uhr

Identitätssuche beim Zinnober-Wochenende Hannover

von Agnes Bührig

Zinnober, so nannte Kurt Schwitters in den 1920er-Jahren seine Künstlerfeste in Hannover. Unter dem gleichen Titel gab es dort am vergangenen Wochenende erneut ein Fest der Kunst: Am Sonnabend und Sonntag öffneten 57 Galerien, Ateliers, Projekträume und Kunstvereine mit den Werken von rund 300 Künstlern ihre Räume und präsentierten gegenwärtige Kunst der unterschiedlichsten Genres.

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Bitte betreten - das Kunstwerk von Ole Blank.

Künstler Ole Blank erklärt einem Besucher sein Kunstwerk: ein breiter Streifen Sand auf dem Boden, der die Struktur von Steinen eines Gehweges aufweist. Ungläubig fragt der Mann an seiner Seite nach, ob er das Kunstwerk jetzt tatsächlich betreten soll. Eine Irritation, mit der der Künstler auf den urbanen Raum aufmerksam macht, "den Untergrund, über den wir tagtäglich laufen und den wir kaum noch bewusst wahrnehmen", sagt Ole Blank und erklärt:

"Es geht darum, dass man sich selber in diese Oberfläche einschreiben kann, während man darüber läuft und eben durch diese minimale materielle Verschiebung in dieser Arbeit, die Form auf so eine ganz neue Art und Weise wahrnehmen kann."

Gemeinsames Entwickeln im Vordergrund

Prozesshaftes Arbeiten ist für die junge Generation von Künstlern eine wichtige Ausdrucksweise. Das sieht man auch an den Arbeiten in der Ateliergemeinschaft von Ole Blank. Gemeinsam mit sechs Absolventen der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig begann der 27-Jährige im vergangenen Sommer seine Kunstwerke in dem großen Raum in einem Industriegebäude im Norden Hannovers zu entwickeln. Doch hier arbeitet nicht nur jeder für sich, sondern unter dem Stichwort "projektKLUB" entwickeln sie auch gemeinsam künstlerische Positionen, sagt der Künstler David Schomberg:

"Was man merkt, ist, dass es immer mehr kollektive Gruppen gibt, wo Künstler zusammenkommen, um zusammen etwas zu schaffen. Wo man die Chance hat, vielleicht eine andere Öffentlichkeit zu bekommen, andere Dinge zu realisieren und wo man in dieser Ellenbogengesellschaft vielleicht auch ohne Ellenbogen irgendwo hinkommt."

Jubiläumsschau in der Galerie Robert Drees

Anfang des Jahres entstand so die Gruppenausstellung "Acht" für die städtische Galerie Kubus: Reste abgebauter Stände der Messe Hannover wurden zu einer gemeinsamen ortsspezifischen Installation. Ein urbanes Thema, wie es sich am Zinnober-Wochenende auch in der Galerie Robert Drees findet. Franziska Stünkel aus Hannover präsentiert dort mehrschichtige Schwarz-Weiß-Fotografien. Sehr poetisch spiegeln sie die Gleichzeitigkeit urbanen Lebens in den Metropolen der Welt. Daneben hängen Bilder, die auf den ersten Blick ebenfalls wie Fotos wirken.

"Thomas Dillmann ist ein Künstler in Hannover, der leise im Verborgenen arbeitet", sagt Aussteller Robert Drees und ergänzt: "Und der - wenn man genau herantritt - im Hyperrealismus unheimlich komplexe Bildgeschehen, städtische Räume abbildet: Fassaden, Straßenräume. Ganz häufig leicht unheimliche Orte, die er aber in einer unglaublichen Präzision teilweise mit Einhaar-Pinseln in mehrmonatiger Arbeit in kleinen Formaten zu bannen imstande ist."

Identitätsfragen im Zentrum

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Arbeitet auch in der Ateliergemeinschaft "projektKLUB": Künstler David Schomberg.

"EINSNULLNULL" hat Robert Drees seine 100. Ausstellung genannt. In der Jubiläumsschau präsentiert der Galerist die 21 Künstlerinnen und Künstler seiner Galerie. Viele von ihnen beschäftigt das Thema Identität. Sabine Dehnel hat Models im Studio fotografiert, nachdem sie ihre Körper bunt angemalt und wieder angezogen hat. Doch ihre Köpfe sind nicht zu sehen, dafür halten sie Fotos von Augen in der Hand. Einen Raum weiter hinterfragen zwei Porträts derselben Person, verschieden getuscht, deren Selbst.

Wer bin ich, in dieser urbaner werdenden Welt? Eine Frage, auf die die 21. Ausgabe des Kunstwochenendes Zinnober am vergangenen Wochenende in Hannover facettenreiche künstlerische Antworten lieferte. 

Übersicht

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.09.2018 | 19:00 Uhr