Ingo Meyer © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder

Hildesheimer Museum in Geldnot: "Es wird weniger Ausstellungen geben"

Stand: 23.06.2022 17:06 Uhr

Das Roemer- und Pelizaeus-Museum ist in akuter Geldnot. Wenn nichts getan würde, wäre das Museum spätestens im Oktober insolvent, wie ein Sprecher der Stadt Hildesheim dem NDR Niedersachsen sagte.

Ingo Meyer © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder
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Gewaltige Steinsarkopharge, ägyptische Wandmalereien, die die Besucher*innen tiefer eintauchen lassen in die Welt der Pharaonen, und wundersame Fabelwesen, riesige Skulpturen aus Stein - nur einige Exponate des Roemer und Pelizaeus Museums Hildesheim. Der Name geht zurück auf die beiden Stifter: Hermann Roemer und Wilhelm Pelizaeus. Die Sammlung des Museums in Hildesheim ist weltberühmt. Dazu gibt es regelmäßig aufwendig kuratierte Sonderausstellungen.

Man kann sich also kaum vorstellen, warum dieses Museum keine Besucher finden sollte. Und doch wurde bekannt, dass das Haus in Hildesheim sehr stark in die Schieflage geraten ist. Es steht kurz vor der Insolvenz. NDR Kultur hat mit dem Oberbürgermeister von Hildesheim, Dr. Ingo Meyer gesprochen.

Herr Meyer, wenn man von so einer Schieflage eines Museums hört, denkt man, das sei keine Überraschung im dritten Jahr der Pandemie. Aber das ist in diesem Fall nicht der einzige Grund, oder?

Ingo Meyer: Ja, das stimmt. Natürlich hat die Pandemie auch hier Auswirkungen gehabt, gar keine Frage. Es zeichnete sich jedoch schon länger ab, dass es langfristig einer Hilfestellung bedarf und dass wir dort eingreifen müssen, um das in eine andere Richtung zu bringen. Aber dass es doch so gravierend ist, dass wir jetzt so schnell und heftig eingreifen müssen, das hatten wir in der Tat nicht erwartet.

Dass Sie als Oberbürgermeister nicht jeden Abend die Eintrittsgelder zählen, das ist klar. Aber es gibt Aufsichtsräte, Rechnungshöfe - warum hat sich das so langfristig so schlecht entwickeln können?

Meyer: Ja, das ist eine völlig berechtigte Frage. Es ist durchaus erkennbar gewesen, dass dort nachjustiert werden muss. Das Haus hat in den letzten 20 Jahren ungefähr immer das gleiche Geld bekommen, und Sie können sich vorstellen, dass das dann immer schwieriger wird. Es gab zwar vor einigen Jahren eine Finanzspritze von zusätzlich 100.000 Euro, die Jahr für Jahr zur Verfügung gestellt werden. Damit ist das, was man irgendwann mal im Rahmen des Zukunftsvertrages mit dem Land Niedersachsen eingespart hatte, wieder ausgeglichen worden. Das reicht aber natürlich nicht. Es sind aber auch einige andere Fehler unterlaufen. Dass die Personalkosten in den letzten zwei, drei Jahren trotz Pandemie derart schnell gestiegen sind, ist so nicht tragbar. Das kann eine Stadt wie Hildesheim, die ja die alleinige Trägerin eines solch großartigen und großen Hauses ist, nicht leisten.

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Sie haben gesagt, das sei mit Tariferhöhungen allein nicht zu erklären. Womit ist es dann zu erklären, dass die Personalkosten gestiegen sind?

Meyer: Stellenausweitungen, zusätzliche Stellen und so weiter.

War das unabgesprochen, aus der Not heraus? Wie ist das gekommen?

Meyer: Das war offenbar ein schleichender Prozess. In den vergangenen Jahren war das Haus sehr mit dem Umzug des Magazins beschäftigt. Die ganzen Sammlungsgegenstände sind vielfach nicht so gelagert worden, wie man das eigentlich erwarten muss und darf, und da ist uns ein großer Schritt nach vorne gelungen, indem das neue Zentralmagazin hergerichtet worden ist. Der ganze Umzug und überhaupt das Magazin so herzurichten, dass das dort ordnungsgemäß und nach neuestem Stand der Technik gelagert werden kann, hat sicherlich auch viel Kraft gekostet. Für diesen Zeitraum bedurfte es zusätzlichen Personals. Erstaunlich ist nur, dass die Personalkosten nicht so nachhaltig zurückgegangen sind, wie wir das eigentlich erwartet hatten.

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Jetzt gibt es von der Stadt 1,6 Millionen Euro Soforthilfe und dann jährlich rund 300.000 Euro - so der Plan. Allerdings muss das Museum beim Personal einsparen - das kann man ja nicht von heute auf morgen. Wie kann man 250.000 Euro so schnell einsparen?

Meyer: Wir haben nicht gesagt, dass das ausdrücklich beim Personal geschehen muss. Aber selbstverständlich wird es auch beim Personal sein müssen. Da wir 2017 durchaus auch gute Leistungen erbringen konnten, muss das auch machbar sein. Wir werden uns mehr darauf fokussieren, die Besucherinnen und Besucher noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen, und alles muss dem untergeordnet sein. Es wird weniger Ausstellungen geben, aber dafür eine große Ausstellung pro Jahr - wie aktuell die Seuchen-Ausstellung. Die Besucherinnen und Besucher müssen sich darauf verlassen können, dass jedes Jahr, wenn das Roemer- und Pelizaeus-Museum zu einer entsprechenden Ausstellung einlädt, man hingehen muss, egal, was dort gezeigt wird, weil es immer interessant und spannend sein wird. Das ist das Ziel und das ist auch erreichbar, weil wir großes Potenzial haben und es auch in der Vergangenheit gute Arbeit geleistet worden ist.

Aber nicht immer ist zum Beispiel die Werbung so gelaufen, wie wir uns das vorgestellt haben. Das ist ein weiterer Aspekt, der auch dazu geführt, dass die Besucher nicht mehr so zahlreich erschienen sind. Dass das in der Pandemie-Zeit weniger war, das steht außer Frage. Aber natürlich konnte man, wenn man sich den langjährigen Vergleich ansieht, auch schon vorher erkennen, dass es sich nach unten entwickelt hat.

Ich weiß, dass das kein Hildesheimer Phänomen ist und dass das in vielen anderen Häusern auch so ist. Aber genau deswegen brauchen wir eine noch stärkere Besucherfokussierung, die den Besucher, die Besucherin in den Mittelpunkt stellt. Denn die Ausstellung muss die Menschen interessieren, die potenzielle Besucher sind. Das ist bei der aktuellen Ausstellung gut gelungen, deswegen sollte man sich die tatsächlich unbedingt anschauen. Aber das war nicht immer der Fall.

Das Interview führte Mischa Kreiskott.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.06.2022 | 16:15 Uhr

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