Yang Fudong: "No Snow on the Broken Bridge", 2006 © Yang Fudong, Sammlung Wemhöner

"Keine akademisch gesteuerte Entscheidung": Chinesische Kunst in Goslar

Sendedatum: 19.07.2021 07:20 Uhr

Heiner Wemhöner sammelt Kunst nach Bauchgefühl. Ein Teil seiner Sammlung ist nun im Mönchehaus Museum zu sehen. Sie zeigt einen Querschnitt durch mehr als 20 Jahre zeitgenössische chinesische Kunst.

von Janek Wiechers

Vor rund 20 Jahren, um die Jahrtausendwende herum, da begann der internationale Kunstbetrieb, verstärkt nach China zu blicken. Parallel zum immensen wirtschaftlichen Aufschwung boomte mehr und mehr auch die Kunst. Einer, der sich früh für diese Kunstszene interessierte, war der Herforder Unternehmer und Kunstsammler Heiner Wemhöner. Inzwischen besitzt er die wohl größte private Sammlung chinesischer Gegenwartskunst in Deutschland. Einen Teil davon präsentiert jetzt das Mönchehaus Museum für moderne Kunst in Goslar unter dem Titel "Focus China".

In China ein Tabu: die Darstellung des nackten Körpers

Zuoxiao Zuzhou heißt die Fotografin eines Bildes. Großformatig zeigt es mehrere übereinandergestapelte nackte Leiber auf einer Wiese vor einer beeindruckenden Berglandschaft. Der nackte Körper, dessen unbekleidete Darstellung bis heute ein Tabu in der chinesischen Gesellschaft ist, ist immer wieder ein Thema in der in Goslar ausgestellten Kunst. Neben Malerei und Skulptur ist es vor allem Fotografie.

Faszinierend ist, "dass man Entdeckungen machen kann, dass man nicht diese Positionen, die im Westen immer wieder genannt werden sieht, sondern auch andere darüber hinaus. Die formale als auch thematische Vielfalt der chinesischen Kunst", sagt Bettina, Ruhrberg, die Direktorin des Mönchehaus in Goslar. Es ist bereits ihre zweite Ausstellung, die sich ausschließlich mit asiatischer Kunst beschäftigt. Vor Kurzem erst ist die Vorgängerausstellung mit japanischer Kunst zu Ende gegangen. Jetzt also China.

Selbstporträt des Künstlers Zhang Huan, entstand Ende der 1990er-Jahre. © Zhang Huan, Sammlung Wemhöner
Selbstporträt des Künstlers Zhang Huan, entstand Ende der 1990er-Jahre.

Mit festem Blick schaut ein junger, kahlgeschorener Mann einen aus einem großformatigen Foto an. Er scheint die Betrachtenden zu fixieren. Sein nackter Körper ist bedeckt mit chinesischen Schriftzeichen, aufgetragen auf traditionelle Weise mit dem Pinsel. Das verrätselte Fotoselbstporträt des Künstlers Zhang Huan entstand Ende der 1990er-Jahre.

70 Werke aus der China-Sammlung Heiner Wemhöners

Zu sehen sind rund 70 Werke aus der großen China-Sammlung des Maschinenbau-Unternehmers Heiner Wemhöner. Es ist keine Schau, die sich einem bestimmten Thema widmet, ein roter Faden lässt sich daher nicht wirklich ausmachen. Aber - und das ist das Spannende - die Ausstellung lässt tatsächlich Entdeckungen zu. Ganz im Sinne des Sammlungsbesitzers, der seine Kunst nach Bauchgefühl kauft. Arbeiten, die ihn persönlich berühren und ansprechen, wie er sagt: "Keine akademisch gesteuerte Entscheidung. Es ist alles zufällig. Es ist kein System und kein Plan".

Mit dieser Haltung hat Wemhöner eine der umfangreichsten deutschen Sammlungen chinesischer Kunst der Gegenwart aufgebaut. Um die Jahrtausendwende, als er in der Nähe von Schanghai zwei Fabriken baute, kam er in Berührung mit der Kunstszene vor Ort. Und lernte sie zu schätzen: "Dass es chinesischer Kunst gab, war mir zu dem Zeitpunkt gar nicht bewusst. Und dann bin ich zufällig in eine Galerie gekommen. Ich bin da rein und habe gleich was gekauft."

Kunst zwischen Ästhetik und politischer Aussage

Inzwischen enthält Wemhöners rund 1500 Werke umfassende Sammlung auch etwa 300 Objekte aus China. Ein Teil davon ist jetzt in Goslar zu sehen. Darunter auch ein Foto des Biennale-Teilnehmers Yang Fudong. "No snow on the broken bridge", heißt es. Darauf sind zwei weiß gekleidete junge Frauen zu sehen, die auf einem umgestürzten Baum sitzen und versonnen in die Ferne blicken.

"Eine Fotoarbeit, entstanden in Houngzhou. Die Geschichte dahinter ist eine Brücke. Wenn es im Winter schneit, gibt's auf der einen Seite der Brücke Schnee und auf der anderen Seite nicht. Der Künstler Yang Fudong hat diesen Platz entdeckt und hat dort zwei Schauspielerinnen positioniert. Ich finde es sehr romantisch", erzählt Wemhöner.

Yan Fudong spielt in dem Foto wie in vielen seiner Arbeiten auf die rapiden Veränderungsprozesse in China an, indem er traditionelle Mythen und Geschichten zitiert und sie mit heutigen Themen kontrastiert. Wie bei Fudong erschließen sich die Bedeutungsebenen auch in den anderen Arbeiten in der Goslarer Ausstellung nicht auf Anhieb. Neben der ästhetischen Qualität der Werke, ist es zudem auch eine oftmals subtile politische Aussage, die die Kunst so spannend mache, so die Kuratorin Bettina Ruhrberg.

"Keine akademisch gesteuerte Entscheidung": Chinesische Kunst in Goslar

Seit dem 17. Juli ist die Ausstellung "Focus China" im Mönchehaus Museum für moderne Kunst in Goslar zu sehen.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Mönchehaus Museum Goslar
Mönchestraße 1
38640 Goslar
Telefon:
05321 – 49 48
E-Mail:
info@moenchehaus.de
Preis:
Erwachsene: 5 Euro, Kinder: 1,50 Euro
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 11 bis 17 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 19.07.2021 | 07:20 Uhr