Stand: 07.05.2019 09:40 Uhr

Ausstellung präsentiert Mode-"Blog" von 1520

von Janek Wiechers

Mode-Blogger, Influencer, Fashion-Victim - alle diese Anglizismen bezeichnen Personen, die sich vor allem im Internet mit dem Schönmachen beschäftigen. Dabei ist die Freude, sich gut anzuziehen, alles andere als neu. Einer, der schon vor 500 Jahren großen Spaß an Mode hatte, ist Matthäus Schwarz, der Buchhalter der Augsburger Kaufmanns-Dynastie Fugger war. Er schuf ein Buch, das als einzigartige Quelle für die Männer-Mode der Renaissance gilt und nun erstmalig in der Ausstellung "Dressed for Success" im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig gezeigt wird.

Trachtenbuch des Matthäus Schwarz © Foto: C. Cordes, Herzog Anton Ulrich-Museum

Ein Ur-Vater der Modeblogger

Kulturjournal -

Schon 500 Jahre vor Instagram lies sich Matthäus Schwarz gerne in bunten und auffälligen Outfits abbilden. Diese Gemälde sind nun im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig zu sehen.

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Im Schein einer Lampe liegt in einem Glaskasten verwahrt ein kleines Büchlein, nur etwa 17 mal 11 Zentimeter groß. Auf dem prächtigen Einband aus Ziegenleder sind Vergoldungen und geprägte Ornamente. Im Innern des Büchleins hat sich auf rund 140 Seiten aus Kalbspergament Matthäus Schwarz, der Buchhalter der Familie Fugger, selbst ein modisches Denkmal gesetzt. "In 139 Bildern zeigt sich Matthäus Schwarz in seiner verschiedenen Kleidung", sagt Martina Minning, Kuratorin am Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig. "Neben seinen buchhalterischen Fähigkeiten hat er ein Faible für Mode und beginnt in seinem 23. Lebensjahr ein Modetagebuch anzulegen. Er lässt mehrfach im Jahr kleine Miniaturen von sich anfertigen, mit seinem neusten Outfit. Das ist eine einzigartige Quelle der Kostümgeschichte."

Über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren lässt sich in dem Büchlein verfolgen, welche Mode in der elitären Augsburger Kaufmannsgesellschaft im Umfeld der Familie Fugger en vogue war: opulente Mäntel aus Samt, feine Wamse aus Seide und edler Spitze, eng anliegende Hosen, Krägen aus Marderpelz und Röcke aus Kamelhaar. Dazu trägt Schwarz nicht minder pompöse Accessoires: "Ringe oder eine Kette, ein schöner Degen. Hut - ganz wichtig", erläutert Minning, "Und Schuhe! Kuhmaulschuhe, die vorne ganz abgeflacht sind. Hornschuhe, bei denen der Teil vorne so ein bisschen hochgerollt ist. Oder auch Schuhe, die ganz feine Prägungen, Schlitze hatten."

Die Modewelt der Augsburger Kaufmannsgesellschaft

In einer Art Selbstversuch dokumentiert Schwarz, den man heute als eine Art Mode-Blogger bezeichnen könnte, durchaus eitel, was er am Leibe trägt. Dafür beauftragt er Zeichner, die seine Kleidung mit großer Detailtreue abbilden. Schwarz selbst beschreibt dazu in dem Buch, das er schlicht "Klaidungsbuechlein" nennt, seine Kleidung in kurzen Texten. "Er beschreibt ein Wams aus Spanien oder italienische Seide, die Farben, die Materialien, die Schnitte - jedes Mal ganz genau. Die sinnlichen Qualitäten von Stoff von Accessoires haben ihn interessiert", erklärt Minning.

Matthäus Schwarz und seine Outfits

Das Modebüchlein bei aller sichtbaren Eitelkeit als Spiegel eines ichbezogenen, prahlerischen Fashion-Liebhabers abtun zu wollen, würde aber sicher zu kurz greifen. Denn Matthäus Schwarz trieb neben einem unübersehbaren Hang zur Selbstdarstellung auch ein historisches Interesse an, sagt Kuratorin Martina Minning: "Er sieht, dass sich die Mode entwickelt. Oder wandelt. Er selber möchte über einen längeren Zeitraum - etwa 15 oder 10 oder 20 Jahre - selbst seine Kleidung festhalten und schauen: Tut sich da was?"

Das charmante kleine Modebüchlein beginnt Schwarz im Jahre 1520 rückblickend bereits bei seiner Geburt 1497. Eine erste Zeichnung im Büchlein zeigt ihn in groben Windelstoff gewickelt - seine allererste Modeerfahrung. Später ist er als Kind in Spielkluft und als Jugendlicher im einfachen Kittel zu sehen. Mit seiner Karriere in der Kaufmanns-Dynastie der Fugger werden Schwarz' Outfits dann zusehends edler und teurer - sie sind somit Spiegel seines gesellschaftlichen Aufstiegs. Schwarz' Aufzeichnungen enden im Jahre 1560 und zeigen ihn in schwarzer Trauerkleidung aus Anlass des Todes seines Dienstherren Fugger.

Das 500 Jahre alte Modebüchlein in jedem Detail

Matthäus Schwarz' "Klaidungsbuechlein" liest und betrachtet sich heute wie ein Katalog der Männer-Mode der Renaissance. Es ist so wertvoll, dass das Herzog Anton Ulrich-Museum den Besuchern nur wenige Seiten im Original präsentiert: "Wir können nur ausgewählte Seiten zeigen", erklärt Minning, "zu Beginn jedes Monats werden wir dann einmal blättern. Aber um den Besuchern nicht nur sechs Bilder zeigen zu können, sondern alle 139, haben wir uns für einen Leucht-Leporello entschieden. Es ist jede Doppelseite dann zum Leuchten gebracht."

Und das dann in deutlich vergrößertem Format. So lassen sich alle Details der Blätter gut erkennen. Das Büchlein an sich ist bereits einen Besuch wert. Doch die Sonderschau in Braunschweig geht noch einen Schritt weiter, erklärt Minning: "Ausgehend von diesem Buch hat dann der Besucher noch mal die Möglichkeit, anhand der Bilder in diesem Buch Kunstwerke zu sehen, die im unmittelbaren Kontext von Matthäus Schwarz entstanden sind. Mit politischen, religionsgeschichtlichen und weiteren Ereignissen."

Es geht in der Ausstellung also nicht nur um Fashion. Vielmehr sollen rund 200 Gemälde, Holzschnitte, Münzen, Kleidungsstücke und Dokumente - darunter viele Leihgaben von Museen aus der ganzen Welt - auch das Lebensumfeld des Mode-Fans Matthäus Schwarz lebendig werden lassen.

Ausstellung präsentiert Mode-"Blog" von 1520

Mode-Blogging vor 500 Jahren: Das Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig zeigt in der Ausstellung "Dressed for Success" Matthäus Schwarz' Kleidungstagebuch aus dem 16. Jahrhundert.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Herzog Anton Ulrich-Museum
Museumstraße 1
38100  Braunschweig
Telefon:
053112250
E-Mail:
info.haum@3landesmuseen.de
Öffnungszeiten:
Dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr
Montags geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 07.05.2019 | 06:40 Uhr