Stand: 19.09.2018 16:38 Uhr

Anne Collier: Die Illusion des unschuldigen Fotos

von Agnes Bührig

Eine Ausstellung mit Fotografien der US-Künstlerin Anne Collier ist Auftakt eines Projektes des Sprengel Museums Hannover, das sich der Geschichte der Fotografie nach 1940 annimmt. Die 1970 geborene und in New York lebende Künstlerin erklärt, sie sei vor allem daran interessiert, "Objekte mit einer komplizierten Geschichte zu fotografieren" und "eine Spannung zu erzeugen - zwischen dem was abgebildet wird und wie es abgebildet wird".

Frauen beim Fotografieren: Rot- und blaustichige Fotos aus den 1970er- und 80er-Jahren am Strand, im Restaurant, in Gesellschaft, ihre Gesichter oft vor der Kamera versteckt. Dann eine zweite Sammlung von Fotos, diesmal zum Thema Selbstbild: Frauen mit Kamera, die sich selbst knipsen - vor dem Spiegel in der Wohnung, als Spaßbild mit Freundin im Rückspiegel eines Autos, im Außenspiegel auf Reisen, der den Blick auf eine südliche Küste freigibt.

Anne Collier: "Photographic" im Sprengel Museum

Weinende Frauenaugen als Motiv

"An der Stelle wird auch sehr deutlich, dass es historische Fotos sind, die sie gesammelt hat, über Jahre, im Internet und auf Flohmärkten gefunden hat, und dann eben eine bestimmte Selbstwahrnehmung von Frauen und hier besonders in den 70er- und 80er-Jahren reflektiert", sagt der Kurator der Ausstellung, Stefan Gronert, und ergänzt: "Das führt zwangsläufig zu der Frage: Wie wäre es denn heute, hätte sich viel geändert?"

Als Ausgangsmaterial dafür dienen Anne Collier Fotos mit einer emotionalen Bildsprache: Motive sind Augen, Wolken und Wellen aus der Werbefotografie, die sie im Studio neu arrangiert, fotografiert und vergrößert. In ihrer Serie "Woman Crying" der letzten Jahre zeigt sie Augen von weinenden Frauen. Großformatig lenken diese den Fokus auf Verletzlichkeit und Erotik der Frau. Dann wieder erinnert eine isolierte, überdimensionale Träne aus einem Comic an die Popart eines Robert Rauschenberg.

Entlarvung klischeehafter Inhalte

"Es gab diese erstaunlichen Comics aus den 70er- und 80er-Jahren, von denen ich noch nie gehört hatte", berichtet Anne Collier. "Sie waren für Mädchen gemacht und handelten vor allem von unglücklichen Beziehungen. Und auf fast jeder Seite waren die Frauen damit beschäftigt, zu heulen oder ihre Verhältnisse zu beenden. Ich habe mich schon früher mit dem Thema Abstraktion beschäftigt, indem ich starke Vergrößerungen hergestellt habe. Das wollte ich hier mit diesem emotionalen Inhalt des Weinens machen."

Anne Collier wurde 1970 in Los Angeles geboren, ihre eigene visuelle Prägung fällt in die Zeit der "Pictures Generation". Künstler wie Richard Prince oder Louise Lawler begannen in den späten 1970er Jahren damit, mit Medienbildern zu arbeiten und deren klischeehafte Botschaften zu entlarven. Fotografien aus dieser Zeit inszeniert Anne Collier in ihrem Studio aufs Neue und schafft so Distanz. Etwa, wenn sie Magazinseiten abfotografiert, auf denen mit erotisch posierenden Frauen Werbung für Kameras und Objektive gemacht wird.

Was hat sich heute geändert?

"Es führt einem einfach vor Augen, was zu einer bestimmten Zeit für Objektivierungen von Frauen stattgefunden haben im Kontext von kommerzieller Werbung für Kameras und Fotografiezubehör", findet Stefan Gronert und fragt: "Hat sich das heute eigentlich geändert?"

Eine Frage, die mit der #MeToo-Bewegung eine neue Aktualität erhalten hat. Doch obwohl es mit Hilfe der Kameras in Smartphones heute mehr Möglichkeiten gibt, das alte Stereotyp mit einem eigenen Bild zu korrigieren, ist eine gewisse Sexualisierung der Frau immer noch vorhanden, sagt Kurator Stefan Gronert.

Suche nach Antworten

"Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es ein stereotypes, sehr verbreitetes Frauenbild gibt", so der Kurator: "Nicht nur durch Objektivierung von Frauen durch Männer, sondern auch, weil sich Frauen bestimmte Objektivierungsmuster selbst angeeignet haben. Die Darstellungen sind sicherlich anders, man erkennt sicherlich einen historischen Wandel, aber ich glaube, dass sich viele Formen der Objektivierung erhalten haben, leider."

Women With Cameras (Anonymous) 2016 in der Ausstellung "Anne Collier: Photografic" im Sprengel Museum © Courtesy of the artist; Anton Kern Gallery, New York; Galerie Neu, Berlin; The Modern Institute/Toby Webster Ltd., Glasgow © Anne Collier Foto: Anne Collier

Anne Collier: die Illusion des unschuldigen Fotos

NDR Kultur Klassisch in den Tag

Sie habe Interesse daran, Objekte mit einer komplizierten Geschichte zu fotografieren, sagt Anne Collier. Das Sprengel Museum widmet der US-Künstlerin die erste Einzelausstellung in Deutschland.

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Sie zu entlarven, dafür bietet die Ausstellung auf spannende Weise Raum. Nicht zuletzt mit der Frage "Was sind die Auswirkungen", für die Anne Collier mit ihrer Arbeit "What are the effects" nach Antworten sucht: physisch, psychologisch, stimulierend oder depressiv, gut oder schlecht? Alles mit einem Fragezeichen versehen!

Anne Collier: Die Illusion des unschuldigen Fotos

Sie habe Interesse daran, Objekte mit einer komplizierten Geschichte zu fotografieren, sagt Anne Collier. Das Sprengel Museum widmet der US-Künstlerin die erste Einzelausstellung in Deutschland.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Sprengel Museum, Calder-Saal
Kurt-Schwitters-Platz
30169  Hannover
Telefon:
(0511)168 - 438 75
E-Mail:
Sprengel-Museum@Hannover-Stadt.de
Preis:
7 Euro, ermäßigt 4 Euro, Freitags freier Eintritt, Gruppen ab 10 Personen 5 Euro
Öffnungszeiten:
Dienstag 10 bis 18 Uhr
Mittwoch bis Sonnabed 10 bis 18 Uhr
Sonntag/ Montag / Feiertage geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.09.2018 | 17:10 Uhr

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