Sendedatum: 18.01.2010 22:30 Uhr  - Kulturjournal  | Archiv

1.000 Jahre Michaeliskirche Hildesheim

Michaeliskirche in Hildesheim.  Foto: Jost Schilgen
Michaeliskirche in Hildesheim.

Es hat ein Andenken sein sollen, für die Ewigkeit - ein Geschenk für Gott, um in den Himmel zu kommen. Um das zu schaffen, wollte der Politiker, Kunstliebhaber und Bischof Bernward von Hildesheim eine perfekt konstruierte Kirche bauen, eine, die auf die Zahl drei abgestimmt ist: Vater, Sohn und heiliger Geist. "Wir sehen zum Beispiel immer zwei Säulen, einen Pfeiler", stellt Bauleiter Jürgen Götz fest. "(...) Das ist der niedersächsische Säulenwechsel. Das bedeutet, dass sich wieder die Zahl drei darstellt. Zwei Säulen, drei Bögen. Wieder die Zahl drei, wieder die Trinität, und das wiederholt sich dreimal. Das gibt der Kirche eine unglaubliche Offenheit und Lockerheit." 

Und natürlich hat die Kirche drei Kirchenschiffe. Bernward glaubte, dass nur ein in sich harmonischer Bau die göttliche Schöpfung wiedergeben könne. Und so ließ er die Michaeliskirche symmetrisch durchkonstruieren - in der Länge und in der Breite. 

Den Stil der Gotik vorweggenommen

Inspirieren ließ sich der Bischof von frühromanischen Kirchen aus ganz Europa. Mit seiner Bauweise nahm die Kirche im 11. Jahrhundert bereits den Baustil der Gotik vorweg. Um die göttliche Schöpfung auch bildlich darzustellen, ließ Bernward eine Säule aus Bronze gießen, die in 28 Stationen das Leben Jesu erzählt. Diese Bronzekunst war damals revolutionär.

Bernward finanzierte aus seinem Privatvermögen etliche Kunstschätze, wie das Bernwardkreuz, das Teile des Kreuzes von Jesus beinhalten soll, oder eine eigene Bibel. Exponate wie diese zeigt das Dommuseum Hildesheim zum 1.000-jährigen Bestehen des Gotteshauses ab Ende Februar.

Was die Michaeliskirche aber 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe gemacht hat, ist ihre Decke. "Diese Decke ist von der Größe her einzigartig in Europa und der Welt: 27 Meter lang und acht Meter breit", so Götz. "Sie stellt im Grunde genommen die Geschichte der Christenheit dar: von Adam und Eva im Westen und Gottvater auf dem Thron. Durch das gesamte Bild zieht sich ein Baum, der die Generationen, die Geschichte der christlichen Kirche darstellt."

Im Zweiten Weltkrieg fast ganz zerstört

Bernward starb 1022. Die Michaeliskirche ernannte er zu seiner Grabeskirche. In der Zeit der Reformation wurde Bernwards Werk durch eine Mauer geteilt. Seine Krypta blieb katholisch, der Rest wurde protestantisch, ein Politikum - auch bei einem Besuch von Kaiser Wilhelm II. "Wilhelm wollte unbedingt am Grab von Bischof Bernward stehen. Dies war ihm sehr wichtig", erzählt Götz. "Er war aber durch und durch Protestant und hat sich geweigert, durch den katholischen Eingang an dessen Grab zu treten. Aus diesem Grund wurde die 1543 vermauerte Öffnung zwischen der evangelischen Kirche und der katholischen Krypta aufgebrochen und er schritt dann hindurch. Danach wurde sie sofort wieder zugemauert."

Anfang des 19. Jahrhunderts war die Kirche so baufällig, dass sie zweckentfremdet wurde. Zwischenzeitlich wurde sie sogar als psychiatrische Anstalt, als Kegelbahn und als Strohlager genutzt. Als Kirche wurde sie immer nur halbherzig instand gesetzt. Im Zweiten Weltkrieg brannte sie dann fast komplett aus. Die wichtigsten Kunstschätze konnten jedoch rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.

Erst 1960 konnte St. Michaelis wiedereröffnet werden. In den letzten Jahren wurde sie für das 1.000-jährige Jubiläum 2010 saniert. Heute, so sagt man in Hildesheim, sei die Michaeliskirche wieder so, wie sie Bernward einst erbaut hatte. "Ich stehe manchmal auf der Kanzel oder am Altar und denke, ob es nicht einfach reichen würde, zu schweigen", sagt Pastor Dirk Woltmann, "denn diese Kirche hat an sich eine so große Aussagekraft, dass ich glaube, dass das schlichte Wahrnehmen dessen, was einen hier umgibt, schon Predigt genug wäre."

190 Jahre nach seinem Tod wurde Bischof Bernward von Hildesheim heilig gesprochen. Durch den Kirchenbau wollte er in den Himmel kommen - und auf Erden hat er ein großes Andenken geschaffen.

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Kulturjournal | 18.01.2010 | 22:30 Uhr

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