Ein Gemälde eines Ehebettes, das mit weißer Bettwäsche bezogen ist vor buntem Hintergrund. © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: Egbert Haneke

Kunsthalle: Provokante Gesellschaftskritik von Werner Büttner

Stand: 14.10.2021 12:25 Uhr

Die Kunsthalle Hamburg widmet dem international bekannten und provokanten Maler Werner Büttner eine Ausstellung zum Abschied seiner Lehrtätigkeit an der Hochschule für Bildende Künste: "Last Lecture Show".

Gemälde von vier Frauen in schwarzen Bikinis vor einem großen orangfarbenen Turm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: Egbert Haneke
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von Anette Schneider

Ausstellungen in England und den USA, umfangreiche Retrospektiven in Karlsruhe und Bremen: Längst gehört Werner Büttner zu den großen Malern Deutschlands, dessen Werk durchdrungen ist von provokanter Gesellschaftskritik. Doch erst in dem Moment, in dem der Maler, der seit 1989 an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg lehrt, sich aus der Professur verabschiedet, traut man sich nun auch in der Hansestadt, ihm eine große Abschiedsausstellung auszurichten.

Künstlerische Wurzeln in der Hausbesetzerszene der 80er-Jahre

Anfang der 80er-Jahre: Punk. Hausbesetzerszene. Mittendrin: Werner Büttner, der mit Albert Oehlen und Martin Kippenberger die bürgerliche Kunstszene aufmischte, die Farben grob auf die Leinwand knallte und mit trivialen Motiven, wie etwa einer Serie über "Die Probleme des Minigolfs in der europäischen Malerei", die hehren Vorstellungen von Malerei zertrümmerte. "Wir waren eine kleine Randalegruppe, die glaubte, Recht zu haben mit dem, was sie machte", erzählt Büttner. "Und sich Gehör verschaffen wollte. Was auch einigermaßen gelungen ist", sagt der Maler. Grinst. Und beteuert: "Inzwischen bin ich ruhiger geworden. Ich bin nicht mehr der junge Mann von damals." Doch in der Ausstellung wird schnell klar: Büttner ist kritisch wie eh. Und der Antrieb ist auch der alte geblieben: "Es geht immer gegen Dummheit und Stumpfsinn."

Werner Büttner: Werte des Kapitalismus werden genussvoll zerlegt

Eine ganze Etage bespielt der 67-Jährige nun: Ob das vermeintliche Ideal ehelicher Zweisamkeit, das bei ihm in zwei leeren Menschen-Hüllen endet, ob Arbeit als vermeintlicher Daseinssinn, die Vernichtung der Natur oder die zynische Flüchtlingspolitik - in großformatigen Gemälden und kleinen Collagen zerlegt der Künstler genussvoll Werte und Heilsversprechen der kapitalistischen Gesellschaft, offenbart deren Verlogenheit. Wobei die einst grobe Malweise in den letzten Jahren zwar glatter, aber keineswegs versöhnlich wurde.

"Hier hatte ich ja die Gelegenheit mal darüber nachzudenken: Was habe ich eigentlich in diesen 40 Jahren gemacht?", schildert Büttner. "Und gibt es da rote Fäden in dem, was ich gemacht habe? Und dann glaubte ich, welche zu entdecken und habe die jetzt in verschiedenen Abteilungen poetisch-philosophischer Art geordnet: 'Flucht ins Duett' oder 'Parallelkreaturen'. Insofern ist vielleicht dieser existenziell-philosophische Unterbau ein Konzept."

Gesellschaftskritik unerbittlich und provozierend

Verbunden mit Bild-Titeln, die mal das Dargestellte bestätigen oder hinterlistig-doppelbödig neue Sichtweisen eröffnen, erweisen sich all diese "roten Fäden" als Teil einer unerbittlichen - und damit provozierenden - Gesellschaftskritik: Die endlosen Skandale um sexuelle Gewalt in der Kirche? Ein großes Gemälde zeigt einen alten Mann in ausladendem Mantel und mit skulpturenhaft versteinertem Kopf, der sich schwer auf einen Regenschirm stützt. Titel: "Ein ganz, ganz lieber Gott".

Die völlige Entfremdung durch Arbeit und Konsum? Auf 2,40 Meter Höhe knallt Büttner dem Betrachter eine Figur vor die Augen, die aus einer zertrümmerten Cola-Flasche mit Pappkarton als Kopf besteht. Lapidarer Titel: "Angeschlagene Figur". In Zeiten grassierender political correctness wirkt diese ätzende Kritik unglaublich belebend.

Ist Werner Büttners Kunst eine "letzte Lektion" an die Welt?

Das findet auch Kunsthallendirektor Alexander Klar, der die Ausstellung möglich machte: "Wie mir weh getan wird, das ist jetzt erst einmal nebensächlich. Hauptsache es wird weh getan! Das ist eine Haltung aus den 80ern. Ich finde, das ist schon ein sehr wertvoller Aspekt heutzutage! Es gab Widerstand! Das ist etwas, das wir fast schon wieder lernen müssen. Die meisten Arbeiten sind aus den letzten zehn Jahren, aber der Gestus, die Haltung und auch die Art, wie Werner Büttner an Themen herangeht, das ist schon ganz anders als heute."

"Last Lecture Show" heißt die unbedingt sehenswerte Ausstellung, deren Titel natürlich auf das Ende von Werner Büttners Professur an der Hochschule für Bildende Künste anspielt. Doch bei dem, was sie über den Zustand unserer Gesellschaft zeigt, lässt er sich auch als Abgesang auf die Welt lesen: Die "letzte Lektion"? Der Laden kann dicht machen. Zu retten ist eh nichts mehr.

Weitere Informationen
Blick auf die Hamburger Kunsthalle. © NDR Foto: Eduard Valentin

Kulturpartner: Hamburger Kunsthalle

Seit 150 Jahren ist die Hamburger Kunsthalle ein lebendiger Ort für die Begegnung und Auseinandersetzung mit der Kunst. extern

Kunsthalle: Provokante Gesellschaftskritik von Werner Büttner

Die Kunsthalle Hamburg widmet dem Maler und Kunstprofessor Werner Büttner eine Abschieds-Ausstellung mit dem Titel "Last Lecture Show".

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall 5
20095  Hamburg
Telefon:
(040) 428131-200
E-Mail:
info@hamburger-kunsthalle.de
Preis:
14 Euro, ermäßigt 8 Euro, Kinder und Jugendliche frei
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr
Donnerstag: 10 bis 21 Uhr
Hinweis:
Einlass-Zeitfenstertickets können im Vorverkauf online erworben werden.
Der Erwerb eines Tickets vorab ist nicht verpflichtend, wird aber empfohlen, da die Ticketverfügbarkeit vor Ort nicht garantiert werden kann.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 14.10.2021 | 09:20 Uhr