Stand: 29.09.2022 11:33 Uhr

"Tausend Zeilen": Bully Herbig bringt Relotius-Skandal ins Kino

von Walli Müller

Michael Bully Herbigs Film "Tausend Zeilen" befasst sich mit dem großen deutschen Presseskandal um Claas Relotius. Gelungen ist ihm eine ausgewogene Mischung aus Satire und Drama - mit Elyas M'Barek und Jonas Nay in den Hauptrollen.

Nachdem erst neulich eine Fernsehserie nochmal die Geschichte der gefälschten Hitler-Tagebücher erzählte, auf die der "Stern" einst hereinfiel, befasst sich nun ein Kinofilm mit dem anderen großen deutschen Presseskandal: dem Fall Claas Relotius. Der Reporter hatte dem "Spiegel" weitgehend erfundene Reportagen verkauft und wurde dafür als "Edelfeder" hofiert, bis die Sache im Jahr 2018 aufflog. Eine Medienfarce, wie sie sich ein Komiker nicht besser hätte ausdenken können. Jetzt kommt "Tausend Zeilen" von Regisseur Michael "Bully" Herbig in die Kinos.

Aus Claas Relotius wird Lars Bogenius, aus Juan Moreno, der den Kollegen entlarvte, wird Juan Romero und aus dem "Spiegel" das Nachrichtenmagazin "Chronik". Damit macht Michael Herbig gleich deutlich, dass sein Film zwar auf dem wahren Fall und dem Buch "Tausend Zeilen Lüge" von Juan Moreno basiert, dass er aber auch künstlerische Freiheit braucht. Er kann ja schlecht nur Männer vor Laptops zeigen.

Romero bekommt mit Bogenius den Auftrag für eine Titelstory

Der Film beginnt in Mexiko. Reporter Romero - gespielt von Elyas M'Barek - versucht, mit Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen, die Richtung amerikanische Grenze ziehen. Er bekommt einen Anruf von seinem Ressortleiter, der ihn diese Titelstory zusammen mit Bogenius machen lässt.

Lust auf diese Teamarbeit hat Romero nicht, denn insgeheim ist er neidisch auf den Kollegen, dem die Stories offenbar zufliegen und der fesselnder formulieren kann als jeder andere. Und tatsächlich: Wieder einmal wirkt sein eigener Text leblos und blass im Vergleich zu den Action-Schilderungen, die Bogenius von selbst ernannten Grenzschützern auf der US-Seite zu bieten hat. Diesmal aber wird Romero stutzig.

"Tausend Zeilen" - Satire und Drama in einem

Sein Reporter-Instinkt rebelliert so sehr, dass er seine Zweifel dem Ressortleiter mitteilt. Aberwitzig ist, dass der Schwindler weiter volles Vertrauen genießt, während der integre Journalist als Kollegenschwein abgetan wird.

Ist das nun zum Lachen oder Weinen, Satire oder Drama? Regisseur Herbig entscheidet sich für beides. Für die Schmunzelszenen ist Jonas Nay als Lügenbaron Bogenius zuständig. Er sitzt gemütlich vor kubanischer Fototapetenkulisse und nippt am Mojito, während er halsbrecherische Feldeinsätze zusammenflunkert.

Und dann sind da noch der Chefredakteur und der Ressortleiter der "Chronik", gespielt von Jörg Hartmann und Michael Maertens. Eitle, selbstgefällige Schnackertypen, die sich mit Bogenius' Fake-Stories schmücken, dafür aber Reporter, die nur mit Wasser kochen, belächeln und verhöhnen.

Unterhaltsames Plädoyer für Fakten-Check

Die klischeehafte Überzeichnung der Verantwortungsträger ist nicht nur lustig, sondern vielleicht auch ein klein wenig gefährlich, weil sie Vorurteile gegenüber der angeblichen "Lügenpresse" bestätigen könnte. Aber Elyas M'Barek ist ein überzeugendes Gegengewicht als redlicher, akribisch recherchierender Journalist, der nicht locker lässt. Die bodenständige Rolle steht ihm wirklich gut.

"Tausend Zeilen" funktioniert, weil der Film einfach eine klasse Story zu erzählen hat, die sich keiner ausdenken musste. Und weil Michael "Bully" Herbig den an sich trockenen Stoff gekonnt aufpeppt mit Grafiken, Freeze-Bildern und den lustig illustrierten Fantasy-Geschichten des Hochstaplers. Ein unterhaltsames Plädoyer für Fakten-Check, in und außerhalb von Redaktionen.

 

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"Tausend Zeilen"

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2022
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
Mit Elyas M’Barek, Jonas Nay, u.v.a.
Regie:
Michael "Bully" Herbig
Länge:
93 Minuten
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
ab 29. September 2022

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 26.09.2022 | 07:55 Uhr

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