Stand: 17.09.2020 06:00 Uhr

Skurrile Szenen mit lakonischen Pointen

von Katja Nicodemus

Gerade gingen die 77. Filmfestspiele von Venedig zu Ende. Im vergangenen Jahr gewann dort der schwedische Regisseur Roy Andersson den silbernen Preis für die beste Regie für seinen Film "Über die Unendlichkeit". Eigentlich hätte der Film im Frühjahr in die Kinos kommen sollen, doch Corona-bedingt wurde er verschoben. Nun aber läuft der Löwen-Gewinner in Deutschland an.

Es gibt wenige Regisseure, deren Handschrift man in jedem einzelnen Bild erkennt. Roy Andersson ist ein solcher im höchsten und im schönsten Maße eigenwilliger Filmemacher. Auch in seinem neuen Werk "Über die Unendlichkeit" versammelt Andersson wieder lose arrangierte Dramolette, statisch inszenierte Alltagsszenen, Sketche, die manchmal mit lakonischer Pointe enden.

Aneinandergereihte, absurde Alltagsbegebenheiten

Die Ruhe der Situationen verleiht ihnen etwas Existenzialistisches und stets ist es nur ein einziger Satz, der die Szenen beschreibt. Etwa wenn wir ein Liebespaar sehen, das über einem gigantischen Panorama der vom Krieg zerstörten Stadt Köln schwebt.

Eine Frau wartet am Bahnsteig scheinbar vergeblich auf ihren Geliebten - der schließlich doch noch kommt. Eine geschlagene Armee schleppt sich durch eine Winterlandschaft. Ein vom Glauben verlassener Priester trinkt in einem Zug eine halbe Flasche Messwein - und geht schleifenden Schrittes in die Kirche. Dann wieder sehen wir den Priester beim Arztbesuch. Er erzählt von seinen Alpträumen. Doch will er ärztlichen oder weltanschaulichen Beistand?

Roy Anderssons Film wird dem vom Glauben abgefallenen Priester weiter folgen. Immer absurder werden dessen Versuche, sich Hilfe bei dem Arzt zu holen.

Szenen wie Bühnenbilder

Verbunden werden all diese Szenen durch ein stets weißlich gehaltenes Ambiente, durch bühnenhafte Tableaus, die sich in der Unendlichkeit verlieren. Worauf läuft die theaterhafte Präzision dieses Kinos hinaus? Auf nichts. Oder auf alles. Oder auf das, was das Leben ausmacht.

Eine der schönsten Szenen zeigt eine Frau, die in einer Bar ein Glas Champagner trinkt. Wie mit dem Vergrößerungsglas zeigt Roy Andersson hier den Inbegriff des Genusses. Die Frau lächelt, lässt sich von ihrem Begleiter nachschenken.

Die menschliche Komödie zum Zuschauen

Leider muss man es sagen, Anderssons Film hätte eine bessere Synchronisation verdient. Zum Glück läuft der Film bundesweit auch im Original mit Untertiteln.

Roy Anderssons Filme erzählen von der menschlichen Komödie. Vielleicht ist auch das schon eine übergestülpte Idee. In manchen Momenten wirken die ausgeblichenen Welten von "Über die Unendlichkeit" wie ein metaphysischer Raum - egal ob Himmel oder Hölle. In diesem Raum tun die Figuren das, was sie schon immer getan haben: trinken, Kriege führen, lieben, grübeln.

Roy Andersson schaut ihnen dabei zu. Sollten Außerirdische verstehen wollen, was den Menschen ausmacht, in seinem großen Streben, in seinen kleinen Schwächen und seinen Sehnsüchten: Sie müssten sich einen Roy-Andersson-Film anschauen.

Über die Unendlichkeit

Genre:
Komödie
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Schweden, Deutschland, Norwegen
Zusatzinfo:
mit Martin Serner, Jessica Lothander, Tatiana Delaunay
Regie:
Roy Andersson
Länge:
78 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
17. September 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 17.09.2020 | 06:40 Uhr

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