Stand: 03.02.2020 13:08 Uhr  - NDR 90,3

Rosa von Praunheim über seinen Film "Darkroom"

von Danny Marques Marcalo

Hape Kerkeling und Alfred Biolek werden diesen Mann niemals vergessen: Filmemacher Rosa von Praunheim war es, der sie Anfang der 90er-Jahre in einer Talkshow öffentlich als schwul outete. Rosa von Praunheim ist die schwule Ikone des deutschen Films. 150 Filme hat er gedreht. Fast immer geht es darin um das Leben schwuler Männer in Deutschland. So auch in seinem neuen Film "Darkroom", der am Sonntag seine Hamburg-Premiere im Abaton am Grindel feierte. NDR 90,3 hat den Künstler vor der Premiere getroffen.

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150 Filme hat der heute 77-jährige Regisseur und Autor Rosa von Praunheim schon gedreht.

Ein paar Wochen ist es erst her, da hat Rosa von Praunheim auf einem Filmfestival im Saarland einen Preis für sein Lebenswerk erhalten. Zunächst habe er gedacht, er bekomme einen Nachwuchspreis, weil Saarbrücken ein Nachwuchsfestival sei, erzählt von Praunheim. "Dann sagte man mir, er sei fürs 'Lebenswerk'. Das ist ein Todesoscar!", meint der Filmemacher und fügt hinzu: "Aber ich mache noch weiter! Ich bin jung und dynamisch."

Die wahre Geschichte eines Serienmörders

77 Jahre ist Rosa von Praunheim alt. Geboren wurde er 1942 als Holger Radtke in Riga. Noch immer ist er der Mann für den großen Auftritt, mit knallbunten Kostümen auf den roten Teppichen in aller Welt. Im Abaton Kino ist er aber seriös, mit dunkelblauem Hemd, unauffälliger Brille. Er trinkt Spezi. Sein neuer Film "Darkroom" erzählt die wahre Geschichte eines Berliner Serienmörders, der in Darkrooms, also dunklen Räumen, in denen man sich zum Sex trifft, Männer mit K.-o.-Tropfen getötet hat.

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Der Kinofilm "Darkroom" basiert auf einer wahren Mordserie im schwulen Milieu.

"Dadurch, dass es ein schwuler Fall war, hat er meine Aufmerksamkeit bekommen. Es ist insofern interessant, weil der Täter als sympathisch beschrieben wird. Unauffällig, aus dem bürgerlichen Milieu." Eigentlich habe er gute Lebensaussichten gehabt, so von Praunheim. "Es ist ein Rätsel, warum er Leute mit K.-o.-Tropfen umgebracht hat."

Rosa von Praunheims Thema: Schwules Leben in Deutschland

Das schwule Leben in Deutschland, das ist Rosa von Praunheims Thema. Sein für den WDR gedrehter Dokumentarfilm "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", sorgte 1971 für einen handfesten Skandal. Immer wieder provoziert er und steht damit für die Rechte von Homosexuellen ein. Anfang der 90er-Jahre lässt er in einer Talkshow eine Bombe platzen. Er sagt darin: "Hape Kerkeling hätte zum Beispiel eine Vorbildfunktion. Der ist jung, der ist hübsch. Ich habe ihn gefragt: 'Sag mal, würdest du dich öffentlich machen?' Da hat er gesagt, 'Ja, jetzt noch nicht, aber vielleicht später. Schau dir Bio an, warum kann er nicht einfach sagen, ich bin schwul?'"

Porträt Rosa von Praunheim mit pinkem Zylinder

Öffentliches Outing

NDR Info - ZeitZeichen -

Am 10. Dezember 1991 outet der Filmemacher Rosa von Praunheim Prominente gegen ihren Willen, um sie zu Solidarität mit der Homosexuellengemeinschaft zu bewegen.

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Alfred Biolek und Hape Kerkeling sind damals zwei der beliebtesten Entertainer in Deutschland. Rosa von Praunheim hat sie nicht geoutet, um sich selber in den Vordergrund zu spielen. "Das Outing war Anfang der 90er-Jahre, das war eine sehr, sehr fürchterliche Zeit: auf dem Höhepunkt der Aidskrise." Es sei für ihn eine wichtige Aktion gewesen, prominente Schwule um Solidarität zu bitten. "Kerkeling und Biolek haben Jahre später positiv darüber gesprochen, und waren froh, dass sie geoutet sind und dass sie 'normal' leben konnten", so Rosa von Praunheim.

Er wird danach einige Zeit lang zur Zielscheibe der Boulevardpresse und hat es schwer, seine Filme zu machen. Doch das ist lange vorbei: Mittlerweile dreht er nahezu ununterbrochen. Rosa von Praunheim hat weltweit Retrospektiven seiner Filme, zum Beispiel in New York und in Brasilien. Mit seinem Lebensgefährten genießt er das Leben, war zum Beispiel im Bucerius Kunst Forum, in der aktuellen David-Hockney-Ausstellung. Er sei ein Künstler, "den ich unheimlich liebe. Mit ihm und dem Tänzer Nurejew hatte ich - ich glaube 1970 - das Vergnügen ein Abendessen zu haben", so von Praunheim.

Zwei neue Filme - und kein Ende in Sicht

Während sein Film "Darkroom" gerade im Kino angelaufen ist, hat er schon zwei neue Filme fertiggestellt. Einen über eine, wie er sagt, "unbekannte Sexualpraktik", und einen über schwule Opernsänger. 150 Filme hat Rosa von Praunheim schon gemacht. Ein Ende ist nicht in Sicht.

"Darkroom" läuft seit dem 30. Januar bundesweit in ausgewählten Kinos. FSK: ab 16 Jahren.

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Filmografie von Rosa von Praunheim auf filmportal.de

Umfassende Filmografie von Rosa von Praunheim auf filmportal.de, der Online-Präsenz des Deutschen Filminstituts und Filmmuseums in Zusammenarbeit mit CineGraph extern

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 03.02.2020 | 19:00 Uhr

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