Stand: 04.10.2019 12:28 Uhr  - NDR Kultur

Thomas Heises sensationelle Doku über seine Familie

Heimat ist ein Raum aus Zeit
, Regie: Thomas Heise
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Auf der vergangenen Berlinale wurde Thomas Heises Dokumentarfilm "Heimat ist ein Raum aus Zeit" als Sensation gefeiert, in den folgenden Monaten gewann er einen Preis nach dem anderen - etwa den Deutschen Dokumentarfilmpreis 2019. Dreieinhalb Stunden lang erzählt Heise die Geschichte einer Familie - seiner Familie - durch Schriftstücke.

Dieser Film sucht einen Weg zu dem, was deutsche Heimat sein könnte. Er handelt von einem Land, das er im Laufe von dreieinhalb Stunden erst entstehen lässt. In "Heimat ist ein Raum aus Zeit", diesem monumentalen und dabei doch so filigranen Film, erzählt Thomas Heise die deutsche Geschichte der letzten hundert Jahre fast ausschließlich mit privaten Zeugnissen seiner Familie. Er montiert Auszüge aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Schulaufsätzen. All diese Texte liest Heise mit ruhiger Stimme selbst vor. Er startet mit einem Brief, in dem sein Großvater seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg schildert.

"Heimat ist ein Raum aus Zeit": Schriftstücke erzählen Geschichte

Heises jüdische Großmutter Edith und sein Großvater Wilhelm stehen am Anfang dieser Chronik. Mit ihrer Liebesgeschichte und ihren Briefen beginnt ein Fluss der Worte in der Zeit. Es sind textgewordene Gedanken, die uns in ein Jahrhundert hinein geleiten - und in seine menschengemachten Katastrophen. Bewusst hat Heise darauf verzichtet, das Material zu dramatisieren. Das Drama erzählt sich von allein. Verzweifelt versucht Heises Großvater seine Entlassung aus dem Schuldienst zu verhindern. Heise liest die Streichungen und Änderungsversuche, die nervösen Formulierungen dieses Briefes an die Nazibehörde mit.

Thomas Heise liest aus persönlichen Schriftstücken

Zu den Texten stellt Heise assoziative Bilder: Landschaften, die Wiener Straßenbahn, verfallene NVA-Kasernen, Rangierbahnhöfe, Wälder im deutschen Osten, einmal auch eine abgesackte Autobahn. Es sind Bilder, die seinen Film zu einem Resonanzraum für die Sprache werden lassen. Und für die Ereignisse: Heises Großeltern werden die Nazizeit in Berlin überleben, die jüdische Verwandtschaft in Wien nicht. In einer eindrücklichen Sequenz liest Heise die Briefe dieser Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen vor, während er die von den Nazis erstellte Liste der zu deportierenden jüdischen Wiener und Wienerinnen filmt. Zwanzig Minuten lang. Dann eine Schwarzblende - und dann legt Marika Rökk los.

Vom 1. Weltkrieg über die DDR in die Gegenwart

In Thomas Heises Film wird Erfahrung zu Geschichte - und umgekehrt. Erschütternd sind die Briefe seines jungen Vaters aus dem Zweiten Weltkrieg, die Beschreibungen von Tod und Zusammenbruch.

Thomas Heises Bogen führt von den Großeltern väterlicherseits über zwei Weltkriege und den Alltag in der DDR in unsere Gegenwart. Heises Mutter Rosemarie hat vor ihrer Ehe eine Beziehung zu einem Westdeutschen, dessen Briefe ebenfalls in den Film einziehen. Sein Vater wird als Philosophie-Professor in der DDR unter anderem Rudolf Bahro und Wolf Biermann unterrichten. Ergreifend ist ein Brief der Mutter an Christa Wolf, in dem sie die Schriftstellerin in ihrer Solidarität mit Heiner Müller bestärkt.

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Krieg und Wiederaufbau, die Liebe und ihr Scheitern, Studium, Alltag, Clinch mit den Eltern, die ewige Rebellion der Kinder. Einer der letzten Texte von "Heimat ist ein Raum aus Zeit" stammt von Heiner Müller. Seine Worte über die Zeit nach dem Mauerfall könnten auch über unsere Gegenwart geschrieben worden sein.

"Heimat ist ein Raum aus Zeit" ist nicht nur der Versuch, sondern das offene Projekt eines Heimatfilms. So geschieht es, dass man einen Film wie eine fatale, zarte, traurige, nachdenkliche deutsche Heimat bewohnen kann, der man gemeinsam mit dem Regisseur und seiner Familie ins Auge blickt.

Heimat ist ein Raum aus Zeit

Genre:
Dokumentation
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Regie:
Thomas Heise
Länge:
218 Min.
FSK:
ab 6 Jahren
Kinostart:
26. September 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 26.09.2019 | 07:20 Uhr

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