Torsten Körner: "Wir brauchen wieder mehr Frauen im Parlament"

Stand: 17.08.2021 13:44 Uhr

Mit dem Film "Die Unbeugsamen" wirft Regisseur Torsten Körner einen Blick auf die Frauen in der Bonner Republik. Ein Gespräch über alte und aktuelle Zeiten.

Mit dem Wirtschaftswunder ging es aufwärts im Westen Deutschlands. Politische Profiteure des Aufstiegs waren allerdings nur die einen. Die Bonner Republik wurde von Männern beherrscht, die wenigen Frauen, an denen es überhaupt irgendwie gelang, auf die politische Bühne jener Zeit zu kommen, die wurden verspottet, angepöbelt, schikaniert. Die, die es aber trotzdem sogar ins Rampenlicht schafften, die nennt ein Film, der in der kommenden Woche bei uns in den Kinos dann veröffentlicht wird "die Unbeugsamen". Gedreht hat ihn Biograf und Filmregisseur Torsten Körner.

 

Herr Körner, Sie haben mit etlichen dieser Frauen aus jener Zeit, auch aus allen Bundestagsfraktionen in der Bonner Republik, gesprochen. Was war da ihr Eindruck, wie dick musste das Fell dieser Frauen sein, um diese Unflätigkeiten auszuhalten?

Torsten Körner: Die mussten natürlich unbeugsam sein. Die mussten sich eine dicke Haut zulegen. Die mussten auf die Männer und die Angriffe reagieren. Das sind aber alles starke Frauen. Und das erzählt der Film auch. Der Film reduziert die Frauen auch nicht nur auf Objekte sexistischer Angriffe. Wir sehen die Frauen als begnadete Rednerinnen, als charismatische Frauen, als engagierte Sach- und Fach-Politikerin. Mir war es wichtig, dass man die Frauen aus dieser Opferrolle herausnimmt und ganz im Gegenteil zeigt, dass diese Männerrepublik, die die alte Bonner Republik über weite Strecken war, in der Rückschau eben keine Männerrepublik war, sondern dass wir auch sehr viele starke und erinnernswerte Politikerinnen hatten. Und ich glaube, das ist wichtig im Hinblick auf die Zukunft von Politik und auch für junge Frauen und Politikerinnen, die Leitbilder suchen.

Nun hört man aus vielen dieser Äußerungen in ihrem Film ja nicht eine Simone de Beauvoir oder eine Alice Schwarzer, sondern eher Politik-Pragmatikerinnen. Wenn es kein feministischer Überbau war, lässt sich irgendwie subsumieren, was diese Frauen dann in diese starke Position gebracht hat?

Körner: Es war natürlich letzten Endes viel schwieriger, sich als Politikerin und Frau in einem Männerparlament zu behaupten, als in der Frauenbewegung Forderungen aufzustellen. Das eine war Real-, Sach- und Fachpolitik, das andere Utopie und erst einmal unverbindlich. Da konnte man frecher sein.

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Szene aus dem Film "Die Unbeugsamen"; Frauen stehen zusammen im Bundestag. © Malte Ossowski/SVEN SIMON

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Es gab aber auch Berührungspunkte zwischen den Parlamentariern und der Frauenbewegung. Doch die Frauen im Parlament mussten erst einmal ihre eigenen Ellenbogen durchsetzen. Sie mussten Macht überhaupt erst einmal erobern, um dann bestimmte Dinge durchzusetzen.

Ich würde schon sagen, dass das ein feministischer Film ist. Aber er erzählt die Geschichte von professionellen Politikerinnen und nicht die Geschichte der Frauenbewegung.

Nennen Sie ein paar Namen. Welche Frauen porträtieren Sie da in diesem Film?

Körner: Es gibt ganz erstaunliche Politikerin zu entdecken, wie Waltraud Schoppe und Rita Süssmuth, die die erste Frauenministerin der Bundesrepublik war. Christa Nickels von den Grünen, Renate Schmidt, Herta Däubler-Gmelin. Vielen Politikerinnen begegnen wir nur teilweise im Archiv, weil sie schon verstorben sind wie Marie-Elisabeth Lüders von der FDP. Es ist also ein Generationenporträt über Zeiten, Generationen und auch über Parteigrenzen hinweg. So zeigt der Film starke Politikerinnen in der Bonner Ära.

Sie sagen, es ist ein Zeiten-Porträt. Der Film zeigt aber auch eine Entwicklung hin zu einer - wenn auch sehr, sehr geringfügigen - Verbesserung. Ist diese mit der Zeit gekommen? Wie groß war eigentlich der Anteil dieser Vorreiterinnen, dieser Vorkämpferinnen, womöglich dieser Avantgarde?

Körner: Der war groß. Er ging natürlich einher mit einem gesellschaftlichen Fortschritt und auch mit den Forderungen der Frauenbewegung. Der Fortschritt ist unbezweifelbar. Wir haben eine Bundeskanzlerin und eine Verteidigungsministerin. Allerdings ist der Frauenanteil in den letzten Jahren wieder zurückgegangen. Nur knapp 31 Prozent der Parlamentarier sind Frauen - das ist genau wie 1998.

Weltweit sehen wir, dass Frauen in Parlamenten unter Druck sind, weil es viele populistische Strömungen gibt, die ja immer dieses Leitbild der "Frau am Herd" oder "die Frau zu Hause in der familiären Welt" propagieren. Dagegen müssen wir, wenn wir wollen, dass Demokratie lebt und lebendig bleibt, auch ankämpfen - gerade als Männer. Denn wir haben nichts davon, wenn wir einseitig das Parlament dominieren. Ich glaube, dann werden wir eher blind für Bedürfnisse der Gesellschaft. Also wir brauchen wieder mehr Frauen in dem Parlament.

Ihr Film richtet den Blick sehr deutlich auf die Bonner Republik, also auf die alte Bundesrepublik. Mit dem Zusammenschluss von BRD und DDR ist aus dem Osten ein ganz anderes Frauenbild mit eingeflossen. Haben Sie den Eindruck, dass sich das in der praktischen Politik, im politischen Alltag bemerkbar gemacht hat?

Körner: Nein. Ich glaube, es ist vielleicht eine List der Geschichte, dass Angela Merkel eine Ostdeutsche Bundeskanzlerin geworden ist und somit die alte Bonner Republik, die Männerrepublik, rückblickend erobert hat. Denn im Wiedervereinigungsprozess sind viele Errungenschaften der DDR auf familienpolitischem und frauenpolitischem Gebiet verloren gegangen. Das ist bedauerlich, wenngleich ich glaube, man kann die DDR und die Bundesrepublik da nicht unmittelbar miteinander vergleichen. Zwar hatten die Volkskammer deutlich mehr Frauen im Parlament. Nun war die Volkskammer aber auch ein recht ohnmächtiges Instrument. Und im Politbüro kann ich mich an keine Frau erinnern. Von daher waren die Frauen in der DDR in vielfacher Hinsicht doppelt betrogen. Denn sie mussten ja auch die ganze Familienarbeit leisten, zusätzlich zum Werktätigen-Dasein in den Betrieben und Kombinaten. Da lässt sich dann wiederum vergleichen, dass Frauen in beiden Teilen Deutschlands eigentlich hinten anstehen mussten, auch wenn sich die DDR progressiver gab.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 17.08.2021 | 18:00 Uhr

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