Armin Mueller-Stahl © imago images Foto: Oliver Langel

Armin Mueller-Stahl: "Glück ist kein Dauerzustand"

Stand: 12.12.2008 12:47 Uhr

Am 17. Dezember wird Armin Mueller-Stahl 90. Lesen Sie ein Gespräch von 2008, als er Jean Buddenbrook für Heinrich Breloers "Buddenbrooks" spielte. Mit NDR.de sprach er 2008 über Glück, Angst, Familie, die DDR und über Tom Tywker.

Er hat Filmkarriere in drei Ländern gemacht: in der DDR, der Bundesrepublik und zuletzt in den USA. Das Multitalent arbeitet auch als Regisseur, Maler, Zeichner, Musiker und Schriftsteller. Für Heinrich Breloer spielte er bereits die Figur des Thomas Mann in "Die Manns" und 2008 für dessen "Buddenbrooks"-Verfilmung, die im Dezember 2008 ins Kino kam. Der Weltstar Armin Mueller-Stahl sprach über Glück, Selbstbewusstein und erzählte, weshalb er nicht aufhören möchte zu arbeiten.

Sie haben gesagt, Sie spielen den Konsul Jean Buddenbrook, dann zum Abschluss Ihrer Karriere nur noch für Tom Tykwer in "The International". Ist mit der Rolle des Patriarchen in den "Buddenbrooks" ein Traum in Erfüllung gegangen?

Schauspieler Armin Mueller-Stahl © dpa - Report Foto: Jan Woitas
Armin Mueller-Stahl

Armin Mueller-Stahl: Das war kein Traum. Ich habe auch nicht gewusst, dass der eines Tages auf mich zukommt. Ich habe das gerne gemacht, weil ich mit Heinrich Breloer sehr gut gearbeitet habe, weil wir ähnlich denken. Er brennt wirklich für eine Geschichte. Ich schätze an ihm, dass er sich Stoffe aussucht, die nicht a priori die Quotenbringer sind. Denn die Monster haben die Quoten: Hitler ist überall im Kino. Aber keiner will Werke von Humanisten wie Thomas Mann verfilmen. Breloer konnte "Die Manns" nur machen, weil er den Erfolg mit dem Drama "Todesspiel" [Fernsehfilm von 1996/97 über die RAF, Anm. d. Red.] hatte. Die "Buddenbrooks" waren für ihn sicher nicht leicht durchzubringen.

Am Set von "The International" kündigten Sie an, dass Sie aufhören. Jetzt sind Sie wiederum dem Versprechen, nur noch einen Film mit Ihrem Sohn drehen zu wollen, untreu geworden. Sie haben an der Seite von Tom Hanks im Drama "Angels and Demons" von Ron Howard gespielt. Was ist aus dem Projekt mit Ihrem Sohn geworden?

Mueller-Stahl: Es steht noch aus, darüber will ich nicht sprechen. Ich fühlte mich übrigens ins Gefängnis gesetzt, als die "Bild"-Zeitung geschrieben hatte "Mueller-Stahl hört auf". Das klang so, als ob ich alles fallen lasse, mitten aus dem Film gehe und sage: "Schluss, aus." So war es ja nicht. Mich interessiert im Moment meine Einsamkeit, meine Sachen, die ich zu Hause mache. Heute bin ich dankbar, dass ich diesen spontanen Entschluss gefasst und sofort Ja gesagt habe, als der Regisseur Ron Howard mir sagte: "Ich will, dass du diesen Kardinal spielst". Das, was der Kardinal Ratzinger mal war, bevor er Papst wurde. Wir hatten so viel Freude beim Drehen. Das sind so angenehme, uneitle Leute. Mein Gott, war das schön!

Zu den "Buddenbrooks" - Jean Buddenbrook lässt einen Schriftsatz aufsetzen, dass er sich aus dem Geschäft zurückzieht und es seinem Sohn überträgt. Können Sie sich das vorstellen - Schluss, ich arbeite nicht mehr?

Mueller-Stahl: Das kann und will ich mir gar nicht vorstellen. Ich glaube, ich werde nicht aufhören, es sei denn, der Bleistift oder Pinsel wird mir aus der Hand genommen. Das ist beim Konsul Buddenbrook anders. Die meisten Leute knüpfen ihr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen an den Erfolg ihres Berufes. Es ist nur nicht alles richtig daran. Es gibt Dinge, die auch in einem vorhanden sind: Erfahrung, Wissen, Würde. Bei Thomas Mann ist ganz deutlich, wenn Jean Buddenbrook zum Schluss Misserfolge hat, rutscht dessen Selbstbewusstsein. Plötzlich ist sein Grund fließender Sand. Das ist damals wie heute. Es ist falsch, sein Selbstbewusstsein nur an die berufliche Karriere zu knüpfen.

Ihnen ist in der DDR Mitte der 1970er-Jahre von staatlicher Seite der berufliche Boden unter den Füßen weggezogen worden. Was hat Sie aufrecht gehalten?

Mueller-Stahl: Es war nur eines, abgesehen von meiner Frau - ich bin einer der seltenen Außerirdischen, die eine glückliche Ehe führen: Es war ganz wichtig, kreativ zu sein. Ich habe den "Verordneten Sonntag" geschrieben [Roman von 1981, Anm. der Red]. Ich hatte mehr Worte als Bilder im Kopf gehabt und geschrieben. Beim Schreiben entdeckte ich wieder den Musiker. Es war darüber hinaus eine Therapie, weil das, was ich dort niedergeschrieben habe, jenes war, was mich bedrückt hatte. Ich entdeckte den Spaß, mit dem Material Sprache umzugehen. Es wurde immer einfacher, je älter ich wurde. Mit der Zeit wird man simpler in seinen Ausdrücken, im Umgang, in der Komposition. Man lernt viel über sich und die Kunst. Das sind Dinge, die einen aufrecht halten.

Gehört Jean Buddenbrook als integrer Geschäftsmann seiner Zeit einer ausgestorbenen Spezies an?

Mueller-Stahl: Das ist schwer zu sagen, wer oder was ausgestorben ist. Ob der Konsul, die Zeit, oder beides. Wenn die Leute ihren Betrieb verlieren, Verluste einfahren, werden sie unsicher, sterben. Das gibt es heute wie damals.

Bis auf die Episode der Zwangspause scheint Ihre Berufsgeschichte die eines konstanten Erfolges gewesen zu sein. Ist das Fleiß, Glück, Talent oder eine Mischung aus allem?

Mueller-Stahl: Glück muss ich schon gehabt haben. Ich habe, ehrlich gesagt, nie darüber nachgedacht. Mir wird gesagt: Sie müssen ja alles richtig gemacht haben. Die wissen natürlich nicht, dass ich viele, viele Downs gehabt habe. Das Leben ist doch nicht eine gerade Straße. Für keinen, der bald 80 Jahre alt ist. Was ich alles erlebt habe! Ich wäre in beiden Systemen, die ich überleben musste, beinahe draufgegangen. Einmal als Panzervernichtungstrupp mit 13 Jahren und dann noch mal, als man mir sagte: Passen Sie auf, dass es Ihnen nicht so passiert wie in Ihrem Film "Die Flucht" [DDR-Produktion von 1977, in der Armin Mueller-Stahl als Protagonist auf der Flucht stirbt. Anm. d. Red. ]. Und ich habe Rollen abgesagt. Als man mir Rollen in der "Schwarzwaldklinik" oder in "Der Alte" anbot, habe ich auf meine innere Stimme gehört. Will ich der "Alte" sein? Ein Doktor in der "Schwarzwaldklinik"? Nein. Und es hat sich ausgezahlt.

Wenn das Leben bedroht war, hat man vielleicht nicht mehr vor so vielen Dingen Angst ...

Mueller-Stahl: Ich habe viel Angst gehabt. Bis zum heutigen Tage habe ich Lampenfieber und Herzschlagen vor Begegnungen, auch vor gewissen Szenen, die ich zu spielen habe. Aber das Entscheidende ist, was Kennedy gesagt hat: Man muss gerade die Momente im Leben aufsuchen, vor denen man Angst hatte.

Was ist Glück für Sie?

Armin Mueller-Stahl: Glück ist kein Dauerzustand. Es ist ein Moment. Aber die meisten sind nicht in der Lage, das Glück wirklich zu genießen. Weil sie dem gleich wieder einen Riegel vorschieben und sich fragen: Was kommt morgen wieder? Und schon drosseln sie das kurze Glücksgefühl. Man muss in der Lage sein zu sagen: Jetzt ziehe ich das durch und genieße.

Das Gespräch führte Patricia Batlle, NDR.de.

Weitere Informationen
Armin Mueller-Stahl © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Sebastian Kahnert

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 16.12.2020 | 19:00 Uhr

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