Szene aus Tell in Göttingen © Deutsches Theater Göttingen
Szene aus Tell in Göttingen © Deutsches Theater Göttingen
Szene aus Tell in Göttingen © Deutsches Theater Göttingen
AUDIO: "Tell" als szenische Lesung im Theater Göttingen (3 Min)

"Durch diese hohle Gasse muss er kommen" - mal ganz anders

Sendedatum: 30.09.2022 07:20 Uhr

Der Schweizer Autor Joachim B. Schmidt erzählt die historische Geschichte von Wilhelm Tell in seinem Roman "Tell" erfrischend neu. Nun kommt sie als szenische Lesung in Göttingen auf die Bühne.

Walter spürt die Blicke der anderen. Er ist der älteste Sohn Wilhelm Tells. Dieser steht fünfzig Schritt entfernt. Ein bärtiger, untersetzter Mann. Die Waffe hängt an ihm herab.

"Ich weiß, dass Vater einen Apfel aus dieser Entfernung treffen kann. Doch mit dieser Armbrust hat er noch nie geschossen."
"Tell stell dich hier hin und schieß' den Apfel vom Kopf deines Jungen."
"Einige Leute schreien unterdrückt auf. Bekreuzigen sich." Szene aus "Tell"

Es ist eine der bekanntesten Szenen und doch ist sie anders - sowohl auf der Bühne im Deutschen Theater Göttingen, als auch in dem Roman "Tell" von Joachim B. Schmidt.

Der Apfelschuss im Zentrum der Tell-Geschichte

Für den Autor ist der Apfelschuss der Kern der Geschichte: "Also die Vorstellung, dass man seinem eigenen Kind einen Apfel vom Kopf schießen müsste, das ist für mich der blanke Horror. Da muss eine ganz spezielle Beziehung zwischen dem Vater und dem Kind bestehen, ein Vertrauen. Aber vielleicht schwingt da noch etwas anderes mit. Dass der Tell dann wirklich macht, was ich nicht könnte, das hat mich fasziniert."

Deshalb schreibt Schmidt die Geschichte neu. Tell ist bei Schmidt kein Held. Kein Freiheitskämpfer. Auch kein Tyrannenmörder. Er ist ein Einzelgänger. Ein Eigenbrötler. Ein Außenseiter. Distanziert zu seiner Frau, zu seinen Kindern und vor allem zum heranwachsenden Walter: "Für mich war einfach sehr wichtig, dass er als Mensch rüberkommt. Nicht als Übermensch, wie er oft dargestellt wird. Aber er hat bei mir schwere Lasten zu tragen, da hat sich was abgespielt in der Vergangenheit." Was Tell dann auch mit sich herumschleppt. Zum Vorteil der Geschichte.

Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt

Aus den Figuren werden bei Schmidt Charaktere mit persönlichen Gefühlen und Erlebnissen. Das war ein Grund, warum Regisseur Florian Eppinger das Stück unbedingt auf die Bühne bringen wollte: "Dieser neue Blickwinkel auf Tell ist einfach toll. Joachim B. Schmidt hat die Nationalpolitik, die da mit Schillers Stück gemacht wurde 1804, gar nicht bedient, sondern hat gesagt, was ist das für einer. Das ist ein armer Bergbauer, sehr weit hinten im Tal. Wenn man jemand lange unter Druck setzt, dann passiert halt irgendwas."

Und auf der Bühne des Deutschen Theater Göttingen passiert viel - obwohl es nur vier Schauspieler sind. Sie sind die Dörfler, die Frauen und Kinder der Familie oder die Habsburger Soldaten. Wie im Roman erzählt jeder die Geschichte aus einer, aus seiner Perspektive. Dabei aber immer mit Blick auf die Hauptfigur: "Das ist auf jeden Fall nicht der Tell wie man ihn erwartet, nicht wortgewandt wie bei Schiller, ganz im Gegenteil", erzählt die Dramaturgin Sarah Charlotte Becker. "Bei uns ist er sehr, sehr lange stumm und tritt gar nicht auf - was ja auch ein interessanter Kniff des Romans ist. Der ist eben nicht aus Sicht von Tell erzählt, sondern aus Sicht von allen anderen Charakteren der Geschichte."

Besondere Nähe von Tell zum Publikum

Sarah Charlotte Becker nennt das einen klugen Schachzug des Autors. Auf diese Weise kann er eine besondere Nähe herstellen. Tells Verhalten wird so verständlich und nachvollziehbar, erklärt Schmidt: "Wir sind also mittendrin im Geschehen, in den Köpfen der Personen. Auch darum, um es noch ein bisschen aktueller, spannender und dringlicher zu machen." Und glaubwürdiger.

Schmidt ist selbst in den Schweizer Alpen aufgewachsen und lebt seit 16 Jahren in der Einsamkeit Islands. Wie karg diese Bergwelt ist, das fängt er für den Schauspieler Lukas Beeler sehr treffend ein: "Das ist einfach in dieser Welt gut beobachtet, wo das stattfindet. Der kennt seine Leute, über die er erzählt. Das steckt ein bisschen in der Schweizer DNA, in den Bergen zumindest."

 

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"Durch diese hohle Gasse muss er kommen" - mal ganz anders

Joachim B. Schmidt erzählt die Geschichte von Wilhelm Tell erfrischend neu. Nun kommt sie als szenische Lesung in Göttingen auf die Bühne.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Deutschs Theater Göttingen
Theaterplatz 11
37073 Göttingen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 30.09.2022 | 07:20 Uhr

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