Szene aus "Der eingebildete Kranke" von Molière auf der Bühne des Theaters Neustrelitz. © Theater Orchester Neubrandenburg Neustrelitz Foto: Christian Brachwitz

Molières "Der eingebildete Kranke" begeistert in Neustrelitz

Stand: 29.08.2022 14:29 Uhr

In Molières Komödie von 1673 geht es um die naive Medizingläubigkeit kränkelnder Reicher - und die Unfähigkeit von Ärzten, die keine Selbstzweifel kennen. Seit dem 13. August steht es auf dem Spielplan.

von Annette Ewen

Der eingebildete Kranke namens Argan nimmt eine ganze Reihe an Medikamenten ein, denn er leidet. Es geht ihm schlecht. Er hat einen nervösen Darm oder meint, ihn zu haben, ganz zur Freude seines Arztes Dr. Purgon und seines Apothekers Monsieur Fleurant. Die haben ihm eine gründliche Darmreinigung verordnet - Haushälterin Toinette muss Argan seinen Nachttopf reichen - mal wieder.

Schlichtes Bühnenbild - moderne Interpretation

Szene aus "Der eingebildete Kranke" von Molière auf der Bühne des Theaters Neustrelitz. © Theater Orchester Neubrandenburg Neustrelitz Foto: Christian Brachwitz
Jonas Münchgesang (3.v.r.) spielt die Hauptfigur Argan, der vor allem an der Zeit leidet.

Das Bühnenbild auf dem Vorplatz des Landestheaters in Neustrelitz ist schlicht: farbig angestrahlte Säulen des Eingangs, in der Mitte ein überdimensionales Kissen, Argan im Schlafanzug und Morgenmantel mit langem, zotteligem Haar und wirrem Blick - ein Hypochonder, der nicht nur körperlich leidet. Er kämpft um seine Rolle als Patriarch. Seine Tochter ist verliebt, aber nicht in den für sie vorgesehenen Mann. Und die Nachrichten aus aller Welt schlagen Argan auf den Magen. Gespielt wird er von Jonas Münchgesang. "Wir haben versucht, es so zu interpretieren, zu verstehen, zu spielen, dass es nicht ein klassischer alter Mann ist, der wirklich sehr, sehr kränklich ist", erklärt er. "Wir wollen auch nicht nur auf diese Hypochonder-Schiene gehen, sondern zeigen, dass er vor allem an der Zeit leidet - wie eine kranke Spinne im Netz, die versucht, die Felle, die alle wegschwimmen, zusammenzuhalten - sodass es auch in die Richtung Überforderung geht."

"Ein großer Klassiker, der nicht so schnell mal gemacht ist"

Das Neustrelitzer Ensemble zeigt eine moderne Fassung mit weniger Rollen als ursprünglich und moderner Sprache. Erstmals wurde der eingebildete Kranke 1673 gespielt, Argan wurde damals von Molière selbst verkörpert. Es war dessen letztes Stück und letzte Rolle, denn nach einem Zusammenbruch auf der Bühne starb er kurz nach der Aufführung. Nicht nur diese Tatsache sorgte beim Regisseur der Neustrelitzer Aufführung Andreas Kloos für eine gehörige Portion Respekt: "Molière ist toll, aber nicht einfach. Es liest sich immer so lustig, locker, aber es ist schon sehr vielschichtig, und man muss sich gut vorbereiten. Das ist einfach ein großer Klassiker, der nicht so schnell mal gemacht ist."

Dem Publikum gefällt es

Auf der Bühne leidet Argan mehr denn je. Ist es die Galle oder der Darm? Es drückt jedenfalls. Hausdame Toinette verfolgt ihren ganz eigenen Plan, um Argan zu heilen. Sie verkleidet sich als Arzt. Mit österreichischem Akzent verschreibt sie eine neue, eigenwillige Therapie: einen Schwamm. Also putzt Argan für die innere Reinigung. Dem Publikum gefällt es. Mareike Schulz ist extra aus dem brandenburgischen Rheinsberg angereist. Das Stück habe sie sehr, sehr gut unterhalten, sagt sie.

Argan erhört auf dem Weg der Besserung die Bitten seiner Tochter. Sie darf ihren Angebeteten heiraten. Darauf gibt es einen Champagner - natürlich schrubbend auf den Knien.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 27.08.2022 | 15:40 Uhr