Der Tod als Comic-Held: "Le Grand Macabre" feiert Premiere

Stand: 24.09.2021 06:00 Uhr

Am Mecklenburgischen Staatstheater hat György Ligetis Oper "Le Grand Macabre" Premiere gefeiert. Dabei nahm der neue Schweriner Operndirektor Martin G. Berger das Publikum mit auf die Bühne und überraschte mit einer provokanten Inszenierung.

von Karin Erichsen

Operndirektor Martin G. Berger möchte mit dieser Produktion von "Le Grand Macabre" eine neue Ära im Schweriner Musiktheater einleiten. Seine Oper soll aktuell und gesprächswertig sein, das Publikum "mittendrin statt nur dabei". Und so staunten die Premierengäste gestern nicht schlecht, als sie statt ins Große Haus durch Proben- und Produktionsräume auf die Bühne geführt wurden. Auf Klappstühlen sollten sie dort im Kreis auf einer Drehscheibe Platz nehmen. Die abgeschlossene Kulisse um das Publikum wirkte wie ein Zirkuszelt, in der Mitte so etwas wie eine Manege.

Hier lag bereits ein junger Comic-Leser mit Klamotten im Bettzeug. Und um diesen jungen Mann mit Schnauzbart und fettigem, langen Haar - nicht gerade ein Sympathieträger - drehte es sich. Mit ihm ist Regisseur Martin G. Berger ein Kunstgriff gelungen: Er teilt die Rolle des Todes, der bei György Ligeti plötzlich einem Grab entsteigt und sich Nekrotzar nennt, in zwei Figuren. Zum einen ist da jener junge, mit sich und der Welt unzufriedener Mensch und zum anderen auch ein Comic-Held, der auf einmal zum Leben erwacht. Als eine Mischung aus Terminator und Frankenstein will der Comic-Held das fiktive Fürstentum Breughelland mittels eines Kometenschlages in Feuer und Blut ertränken. Denn er hält es für verkommen und ist sich darin einig mit seinem jungen Alter Ego.

Leben, Lust und Leidenschaft in diversen Spielarten

Was den beiden missfällt, zeigen große Videoprojektionen auf den Zeltwänden: Von einem blasierten Fürsten wird dort Leistung eingefordert, klischeehafte Rollenbilder von Ehe und Familie werden eingeblendet und wechseln sich ab mit Sport- und Pornoszenen einschlägiger Fernsehkanäle. Selbst seine biederen Eltern muss der Jugendliche bei skurrilen Sadomaso-Spielen beobachten. Auf all diese Bilder folgen Szenen aus den wilden 20er-Jahren, auf deren überschäumende Lebenslust vor dem Einbruch des Nazi-Terrors Martin G. Berger Bezug nimmt.

Als Gegenspielerin der beiden selbsternannten Rächer von Tugend und Gerechtigkeit tritt eine androgyne Venus auf, die für Leben, Lust und Leidenschaft in den diversen Spielarten steht. Um das Publikum auf der Drehscheibe herum entfaltet sich mannigfaches Leben. Um nichts von der Bilderflut zu verpassen, müssen die Zuschauenden permanent die Köpfe drehen, Hälse recken und höchste Aufmerksamkeit walten lassen.

Klare politische Botschaften vor der Bundestagswahl

Der Fürst des fiktiven Breughellandes merkt von all dem Treiben nichts. Weit ab vom Geschehen residiert er in der prächtigen Fürstenloge des Theaters und wird von seinem Schwarzen wie von seinem Weißen Minister mit gegensätzlichen politischen Konzepten geplagt, die letztlich auf das Gleiche, nämlich Inhaltslosigkeit, hinauslaufen. In der Schweriner Inszenierung treten die Minister als überdimensionierter weißer Hase und schwarzer Rabe auf. Ihre Konzepte lauten: "Angst machen" versus "Wut schüren".

Als es sich nicht länger vermeiden lässt, betreten auch sie die Manege und der Hase lässt den Fürsten am Vorabend der Bundestagswahl explizit ausrufen, wovor Angst geboten sei: "Rot-Rot-Grün", "Genderstern", "Schwulsein", "Ausländer". Und der Fürst ruft noch eigenmächtig aus, das müsse man wohl sagen dürfen, aber er sei kein Nazi - bevor er dann in den Fängen des Rabens Wut schürt, unter anderem auf Bill Gates und die Corona-Impfpolitik. Ein Volksauflauf jubelt wiederum auf Großleinwand, denn die Chorsänger sind an wechselnden Orten hinter den Kulissen verteilt.

Der Geheimdienstchef des Breughellandes in Person einer vollkommen desorientierten, jungen Frau warnt noch einmal in gellendem Koloratursopran eindringlich vor der Ankunft des Todes. Und dann wird es ernst: Der junge Nekrotzar macht Schluss mit dem Treiben im Bühnenraum und schickt die Premierengäste auf die roten Theatersessel im Großen Haus, "wo sie ja auch hingehören". Von dort sollen sie den unmittelbar bevorstehenden Kometeneinschlag miterleben.

Wecker, Pfeifen, Autohupen ergänzen das Orchester

Das surreale Geschehen auf der Bühne wird von Generalmusikdirektor Mark Rohde und der Mecklenburgischen Staatskapelle konzentriert begleitet durch Musik, die auf schräge Effekte setzt und das Spiel der Protagonisten atmosphärisch begleitet, unterstützt oder verstärkt. Das Orchester ist mit allerhand "Spezial-Instrumenten" verstärkt, zum Beispiel Wecker, Autohupen, Trillerpfeifen, Rasseln, Schellen, Bongos, Kongas, Gongs und vielen mehr. Bläser, Schlagwerke und Tasteninstrumente verteilen sich auch auf die Balkone am Bühnenrand.

Das Publikum reagiert überwiegend fasziniert von der Fülle der ungewohnten Klangeindrücke und Bilder. Insbesondere Morgane Heyse beeindruckt in ihren grotesken, dadaistisch anmutenden Koloraturarien als Geheimdienstchef und als Stimme der Venus. Martin Gerke als junger Nekrotzar spielt den Kämpfer für Anstand und Moral mit großer Leidenschaft und sorgt vor allem bei seiner Publikumsansprache für ausgelassenes Gelächter.

Unterhaltsam waren ebenfalls die skurrilen Texte und falschen Zitate dieser Oper, die von allen Beteiligten mit einer hinreißenden Selbstverständlichkeit rezitiert wurden. Auch die deutlichen, politischen Botschaften nahm das Publikum hin. Ligeti hätte sich wahrscheinlich dagegen verwahrt, er hatte derartige "Aktualisierungen" seines Werkes stets als "verflachend" abgelehnt. Martin G. Berger hingegen sieht in dem Mangel an weltanschaulicher Festlegung gerade die Schwäche des Librettos und ist ausgiebig schöpferisch tätig geworden. Mag sich das Publikum darüber streiten - die Diskussion zu entfachen, ist eine Kernaufgabe des Theaters.

Weitere Informationen
Schauspieler mit unheimlicher weißer Maske mit übergroßer Hakennase. © NDR Foto: Axel Seitz

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Am Mecklenburgischen Staatstheater hat György Ligetis Oper "Le Grand Macabre" Premiere gefeiert und überraschte mit einer provokanten Inszenierung.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Mecklenburgisches Staatstheater/Großes Haus
Alter Garten 2
19055 Schwerin
Kartenverkauf:
Kartentelefon: (0385) 53 00-123
Öffnungszeiten Theaterkasse: Dienstag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag: 16 bis 18.30 Uhr
Besonderheit:
Premierendatum: 25.09.2021
Hinweis:
Le Grand Macabre
Oper in zwei Akten von György Ligeti
Libretto von György Ligeti und Michael Meschke
Nach Michel de Ghelderodes Schauspiel "La Balade du Grand Macabre"

Inszenierung: Martin G. Berger
mit: Sebastian Kroggel, Morgane Heyse, Morgane Heyse, Cornelia Zink, Gala El Hadidi Markus Sung-Keun Park, Martin Gerke
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 24.09.2021 | 19:00 Uhr

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