"Der koschere Himmel": Rasanter Start in neue Kammerspiele-Saison

Stand: 21.09.2021 11:20 Uhr

Mit einer Uraufführung der jüdischen Komödie "Der koschere Himmel" sind die Hamburger Kammerspiele in ihre Jubiläumssaison gestartet. Die neue Gastronomie im Theater sorgte allerdings für Diskussionen.

von Daniel Kaiser

Dieser Abend hat alle Zutaten, die eine jüdische Komödie so braucht: Es wird auf Deutsch und auf Jiddisch gestritten, die Mischpoke aus Israel reist an und bringt das ganze Chaos auf einen neuen Level, und die Kulturen reiben sich mit Wortwitz und Schärfe aneinander. Dazu eine Portion schwarzer Humor.

Szenenbild: "Der koschere Himmel" Hamburger Kammerspiele © Bo Lahola
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"Der koschere Himmel": Corinna Harfouch spricht aus dem Jenseits

Bernhards jüdische Mutter ist tot. Ihr letzter Wille ist ein jüdisches Begräbnis auf einem christlichen Friedhof bei ihrem christlichen Mann. Gar nicht so einfach! Markus Majowski als schluffig-phlegmatischer Sohn ist bei der Organisation der Bestattung überfordert. Immer wieder schaltet sich die Mutter aus dem Jenseits ein: Es ist die Stimme von Corinna Harfouch, die im Theater erklingt. Helen Schneider als angeheiratete Cousine Tova pocht herrlich energisch bis hysterisch auf die jüdischen Bestattungsregeln.

Ein Geiger begleitet und kommentiert das Geschehen 

Szenenbild: "Der koschere Himmel" Hamburger Kammerspiele © Bo Lahola
Bernhard (Markus Majowksi, Mitte) ist bei der Organisation der Bestattung seiner Mutter überfordert.

Der junge Geiger Emanuel Meshvinski steht mit schwarzem Mantel und Hut und seiner Geige mittendrin und begleitet und kommentiert als "Fiddler on the Roof" das Geschehen. Mal fiedelt er "Für Elise", mal was von Bach, mal imitiert er einfach ein Handyklingeln. Eine wunderbare Idee! Franz-Joseph Dieken als Cousin Fred hat immer einen jüdischen Witz oder eine Weisheit auf seinen sarkastischen Lippen. Antje Otterson als Bernhards Frau Jutta verliert anschaulich die Geduld mit ihrem Mann, und Raika Nicolai zeigt in fünf Rollen, wie sie sich in eine Schuldirektorin und einen Friedhofsverwalter verwandeln kann.  

Riccardo Ferreira: In acht Rollen komisch

Die meisten Lacher hat an diesem Abend Riccardo Ferreira. Er spielt gleich acht kleinere Rollen: vom palästinensischen Kioskbetreiber, über einen orthodoxen Priester bis zum schmierigen Bestattungsunternehmer, der seine Särge anpreist wie auf dem Fischmarkt. Der junge Schauspielstudent schenkt dem Abend mit seiner Mimik und seinem Timing die entscheidende komische Würze.

Am Ende immer rasanter

Der Beerdigungs-Konflikt im Stück von Lothar Schöne wirkt vielleicht etwas gedrechselt und unrealistisch, aber er bringt die Nuancen und Eigenarten der Kulturen, Religionen und Konfessionen witzig und kenntnisreich auf den Punkt. Der jüdische Witz von Komödien wie "Alles auf Zucker" trifft auf die antike Tragödie Antigone, in der es ja auch um eine verhinderte Bestattung geht. Gerade im ersten Teil hätte Sewan Latchinian, der künstlerische Leiter der Kammerspiele, das Stück gern noch ein bisschen turbulenter inszenieren können. Da fehlte manchmal der Drive. Und doch ist der "Der koschere Himmel" ein am Ende immer rasanterer und interessanter Start in diese besondere Saison.  

Erstes Kammerspiele-Publikum zahlte Briketts statt Eintrittsgeld

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Axel Schneider, Intendant der Hamburger Kammerspiele und Sewan Latchinian neuer künstlerischer Leiter schauen durch einen geöffneten roten Vorhang © picture alliance/dpa | Axel Heimken Foto: Axel Heimken

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Mit einem Jahr Corona-Verspätung beginnt mit diesem Stück eine Jubiläums-Spielzeit, die sich immer wieder den jüdischen Wurzeln des Hauses zuwenden will. Theaterchef Axel Schneider erinnerte in einer launigen Rede an seine Anfänge vor 18 Jahren, vor allem auch an den Gegenwind und die Medienkampagnen gegen ihn damals, als in der Zeitung von "Kummerspielen" statt Kammerspielen zu lesen war. "Es hat sich gelohnt durchzuhalten", bilanziert er heute. Kultursenator Carsten Brosda würdigte in seiner Rede die Kammerspiele als wichtiges Hamburger Privattheater. Das erste Publikum 1945 habe mit Briketts bezahlt. Das zeige, wie wichtig Kultur den Menschen gerade in Krisensituationen sei. Seit der Zeit von Ida Ehre sei das Haus immer wieder Aufführungsort für moderne, anspruchsvolle Stoffe geworden. Statt auf Klassiker zu setzen, habe schon Ida Ehre das Theater für Stücke wie Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" geöffnet.

Jubiläums-Spielzeit zwischen jüdischem Erbe und Buddha-Bar 

An diesem Premieren- und Jubiläumsabend, an dem es so sehr um die Geschichte und die besondere Aura des Hauses geht, sind manche Gäste über die Neuerungen im Erdgeschoss gelinde gesagt erstaunt. Eigentümer Jürgen Hunke ist nämlich dabei, den gesamten Komplex insgesamt zu erneuern und zu verjüngen. Dazu hat er jetzt statt eines gediegenen Theaterrestaurants einen hippen Ausschank eingerichtet: "Buddha-Bar" steht mit leuchtenden Buchstaben über dem Eingang. Manche im Premierenpublikum empfinden das als unpassend. "Ida Ehre würde sich im Grabe umdrehen", schimpft einer. "Hauptsache der Theaterbetrieb der Kammerspiele bleibt davon unberührt", hofft ein anderer. Die Kammerspiele zwischen dem bedeutenden Erbe und den neuen Hunke-Ideen - das wird eine interessante neue Spielzeit.

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Mit der Uraufführung der jüdischen Komödie sind die Hamburger Kammerspiele in ihre Jubiläumssaison gestartet.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Hamburger Kammerspiele
Hartungstraße 9-11
20146  Hamburg
Telefon:
(040) 41 33 44 0
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 20.09.2021 | 19:00 Uhr