"Der Sandmann" feiert Premiere im Hamburger Thalia Theater

Stand: 09.01.2023 08:51 Uhr

Wegen Corona musste das Stück immer wieder verschoben werden - doch am Sonntagabend war es so weit: Im Hamburger Thalia Theater hatte "Der Sandmann" Premiere, eine Oper von Robert Wilson und der britischen Popmusikerin Anna Calvi nach einem romantischen Schauermärchen von E.T.A. Hoffmann.

von Peter Helling

Aus dem dunklen Zuschauerraum tritt ein junger Mann an den Bühnenrand und blickt auf die Reste einer Party, ein Tortenbüffet, umgeworfene Klappstühle, eine leere Bühne für eine Vorstadt-Band. Offenbar blickt er auf die Reste seiner eigenen Trauerfeier. Ein Leichenschmaus - die Leiche ist er selbst.

Der Sandmann - Alptraumfigur aus der Kindheit

Ein Kellner tritt auf, beginnt den Raum wiederherzurichten. André Szymanski lässig, beiläufig, doppelbödig. In ihm meint der junge Mann eine Alptraumfigur aus der Kindheit wiederzuerkennen, den Sandmann:

"Ihr Aussehen hat sich tief in mein Inneres eingebrannt." - "Verzeihung, aber wir haben uns im Leben noch nie gesehen." Szene aus dem Stück "Der Sandmann"

Im Leben nicht - im Tod wohl schon. Wir blicken in einen aufgelassenen Tanzsaal des Todes. Ein starker, hochkonzentrierter Beginn.

Wunderbar: Gabriela Maria Schmeide als Muttermonster

Szene aus dem Stück "Der Sandmann" auf der Bühne des Thalia Theaters in Hamburg © Thalia Theater Foto: Emma Szabó
Merlin Sandmeyer spielt in "Der Sandmann" die Figur Nathanael.

Merlin Sandmeyer als Nathanael mit dünnem Schnurrbart und hellem Anzug spielt großartig: eine scheue, hypernervöse Erscheinung, durch dessen Körper immer wieder Zuckungen fahren, als wäre er besessen. Langsam kommt Leben in die tote Bude: Seine Verlobte, deren Bruder und seine Mutter betreten wie Geister die Bühne. Wie die Verwandtschaft der Addams Family. Mit silbriger Beton-Frisur Gabriela Maria Schmeide als Muttermonster, wunderbar übergriffig

"Der Sandmann, das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen, und wirft ihnen Hände voll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen!" Szene aus dem Stück "Der Sandmann"

Publikum angetan von musikalischer Umsetzung

"Der Sandmann" - diese romantische Schauergeschichte von E.T.A. Hoffmann als Oper: Die Liveband auf der Bühne des Thalia Theaters spielt traumverlorenen, düsteren Pop von Anna Calvi, und das Thalia-Ensemble singt kraftvoll, zart, säuselnd, rockig. "Toll, was die da musikalisch gemacht haben", so die Meinung aus dem Publikum.

Trotz guter Effekte kann Inszenierung nicht überzeugen

Szene aus dem Stück "Der Sandmann" auf der Bühne des Thalia Theaters in Hamburg © Thalia Theater Foto: Emma Szabó
"Der Sandmann" im Thalia Theater: Gute Effekte oder intellektuelle Fassung von "König der Löwen"?

Tatsächlich, das große Plus der Inszenierung von Charlotte Sprenger ist, wie sich hier wirklich jede Logik auflöst, wie der Eindruck eines Live-Alptraums entsteht, wo eine Trauerfeier quasi rückwärts erzählt wird, wo blau gekleidete Kinder Stephen-King-Grusel verbreiten, wo sogar eine riesige Pferdefigur durch ein Oberlicht bricht: Das tropft wie ein eingerissener Augapfel. Gute Effekte. Überzeugend ist das allerdings nicht: "Es ist schon ein bisschen verwirrend - gerade im Vergleich zu dem, wie die Geschichte eigentlich ist", so eine Stimme aus dem Publikum. Andere meinen: "Mir kommt es vor wie die intellektuelle Fassung vom 'König der Löwen'", bezeichnen die Inzenierung schlicht als "Klamauk!" und kritisieren das "Niedersachsenpferd, was da runterkommt" oder resümieren: "Ein Vergnügen kann ich nicht finden. Der Hauptdarsteller hat mir sehr gut gefallen, aber ich muss ganz ehrlich sagen, es hieß, das wäre der große Durchbruch für E.T.A. Hoffmann gewesen, also: Der ist nicht rübergekommen."

Leider klingen die Texte viel zu oft ironisch daher gesagt, man versteht nicht wirklich, was sie meinen. Erst am Ende, als Nathanael zum Moderator seiner eigenen Beerdigungs-Show wird, als er mit André Szymanski einen dunklen Zwilling findet, bekommt der Abend Zug und poetische Kraft.

Höhepunkt: Der Auftritt Toini Ruhnkes als Olympia

Und dann tritt Toini Ruhnke als Olympia auf, als künstliche Frau. Im Original eine offensichtliche Männerfantasie, die Charlotte Sprenger hier in etwas Neues verwandelt. Eine vom Pferd gestiegene Kriegerfigur, als Sinnbild für alles, was der Mensch erschafft: sinnlos, ergreifend schön, tödlich wie der Krieg. Es ist der Höhepunkt einer Inszenierung, die sich nicht zu einem Ganzen zusammensetzt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.01.2023 | 07:20 Uhr

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