Buch-Cover: Marlene Streeruwitz - Tage im Mai © S. Fischer Verlag

"Tage im Mai": Marlene Streeruwitz sucht nach dem Leben vor Corona

Stand: 03.02.2023 06:00 Uhr

Erst die Coronapandemie, dann der Ukraine-Krieg: Der Krisenmodus bestimmt unsere Gegenwart - auch in Marlene Streeruwitz' Roman "Tage im Mai". Dieser kann formal überzeugen, ist im Ganzen aber doch zerfasert.

von Nadine Kreuzahler

Eine Wohnungstür fliegt zu, hastig steigt eine Frau die Stiegen zum Ausgang hinab - nur weg. Von wo und vor wem sie da flieht, ist nicht klar. Am meisten wohl vor sich selbst und den Verhältnissen.

Das Elend. Wie immer. Es war in der Brust versammelt gewesen. Im Begriff, in den Kopf hinaus. Zu schwappen. Hinaufzuschwappen. (...) Es war der Schmerz über alles. (...) Der Schmerz über das Leben insgesamt. Über alles, was schmerzte. Überhaupt. Der Krieg. Der Krieg gerade. Der verstärkte das. Verschärfte die Konturen. Leseprobe

Die Einsamkeit nach Corona

Konstanze heißt diese Frau Mitte 50. Sie ist Übersetzerin, Geld und Aufträge sind knapp, viele berufliche Kontakte in der Coronapandemie weggebrochen, ihre Beziehung kaputtgegangen. Von ihrer neuen Wohnung aus kann Konstanze direkt auf den Prater gucken, auf Riesenrad, Wilde Maus, Touristengruppen und Kirmestreiben, und fühlt sich einsamer als je zuvor.

Es ging ja längst alles. Obwohl. Gerade. Es waren alle krank. Alle geimpft. Alle krank. (...) Nein. Sie konnte niemanden zu sich lassen. Noch nicht. Aber wann dann? Wann war normal? Leseprobe

Während sie durch Wien läuft, verzweifelt versucht, die Gegenwart zu fassen zu kriegen und schließlich ihrer scheinbar sorgloseren Vor-Corona-Vergangenheit nach Zürich hinterherfliegt, sucht ihre Tochter Veronica die Zukunft. Online-Prüfungen zu Pandemiezeiten haben sie in den Studienabbruch getrieben. Corona hat ihr die italienische Großmutter genommen. Stillstand bestimmt das Leben der 20-Jährigen, unterbrochen von Protestaktionen befreundeter Kunststudenten gegen Rassismus und Klimawandel - die aber laufen auch ins Leere.

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"Tage im Mai" will zu viel auf einmal

Das Gefühl der Sinnlosigkeit und Verunsicherung hat sowohl Mutter als auch Tochter befallen. Abwechselnd begleiten wir die beiden durch die Tage im Mai. Marlene Streeruwitz schreibt rhythmisch, in kurzen, abgehackten, unvollständigen Sätzen, arbeitet mit Wiederholungen und Gedankenströmen. Über vieles wird hier gesprochen, über ebenso vieles geschwiegen zwischen den Frauen. "In dritter Generation ein uneheliches Kind", "Die Mutter also in dritter Generation eine Alleinzerzieherin" - erklärt Veronica einmal halb-ironisch und provozierend dem Kaplan in dem katholischen Mädchenheim, wo sie billig untergekommen ist. Als auch die Großmutter am Ende zu Wort kommt, ist klar: Es gibt Geheimnisse aus den Tagen im Mai 1945. Der gegenwärtige, der Ukraine-Krieg als Tor für Erinnerungen - ein Kreis soll sich hier schließen.

So ganz geht das leider nicht auf. Marlene Streeruwitz kann sich leider nicht entscheiden, "Tage im Mai" will gleichzeitig auch Post-Corona-Roman und gesellschaftskritisches Zeitdokument sein und das Patriarchat und die Kirche aufs Korn nehmen.

Es ist ein bisschen wie auf dem Rummel vor Konstanzes Fenster: zu viel Angebot und Lärm, sodass man sich etwas verloren fühlt. So bleibt ein Roman, der zwar in Teilen elektrisiert und formal überzeugen kann, aber leider im Ganzen doch zerfasert.

Tage im Mai

von Marlene Streeruwitz
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-397350-1
Preis:
26 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 03.02.2023 | 17:21 Uhr

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