Sendedatum: 18.11.2012 17:40 Uhr  | Archiv

Geschichte und Geschichten auf Friedhöfen

von Christiane Glas
Clemens Menne - Die letzte Reise © Edition Schmieder
Fotografien Deutscher Friedhöfe von Sylt bis Konstanz

Zu einer ganz besonderen Reise lädt der Fotograf Clemens Menne mit seinem Bildband "Die letzte Reise" ein. Denn er ist nicht nach Australien, Mauritius oder einen anderen, klassischen Sehnsuchtsort gefahren, sondern dahin, wohin es beinahe jeden am Ende führt: Friedhöfe von Sylt bis Konstanz hat er besucht und dabei auch einen Streifzug gemacht durch die deutsche Geschichte. Modemacher Wolfgang Joop hat das Buch mit einem freundlichen Geleitwort versehen.

Handfeste Fotografien

Wohin die letzte Reise führt, ist eine Frage, die jeder für sich beantworten muss. Wolfgang Joop schreibt: Es gibt kein Nichts. Clemens Menne - das vermutet zumindest der Betrachter - ist noch auf der Suche nach einer Antwort. Trotzdem wirken seine Friedhofs-Fotografien keineswegs versponnen oder gewollt bedeutungsschwanger, sondern erfreulich handfest. Das tut dem Thema, das wohl viele instinktiv zurückzucken lässt, nur gut. 

Auf Sylt, auf dem Friedhof der Heimatlosen, beginnt Clemens Menne seine Reise. 1864 ließ der Strandvogt Wulf Jansen ihn anlegen. Vorher waren die angeschwemmten Leichen in den Dünen verscharrt worden. Ein unhaltbarer Zustand, vor allem, nachdem Westerland zum Seebad geworden war. Heute ist der Friedhof geschlossen, auch wenn das weiße Tor auf dem Foto geöffnet ist und den Weg frei gibt auf die von Rosen umsäumte Rasenfläche. In einer Reihe stehen hier  schlichte braune Holzkreuze, mit Inschriften kurz und knapp: Rantum Strand 16.10.1873.

"Mich lässt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe, ist es doch so wie mit der Sonne: Wir sehen sie am Horizont untergehen, aber wissen, dass sie "drüben" weiterscheint", zitiert Menne Goethe aus den Gesprächen mit Eckermann und stellt diesem gelassenen Wort ein Stillleben gegenüber, das in seiner Schlichtheit verblüfft. Ein kleines, präzise gestochenes Loch klafft mitten in einer mit Gänseblümchen bestandenen Wiese, daneben türmt sich - Maulwurfshügelgleich - der Aushub. Hier soll eine Urne beigesetzt werden, ahnt der Betrachter.

Zusätzliche Informationen im Anhang

Die anonyme Urnenbestattung nehme zu, aus Kostengründen, klärt der Anhang auf. Zu jedem Bild nennt der  Fotograf hier den Entstehungsort, in diesem Fall den Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Dazu gibt es einige wesentliche Informationen. Das ist eine sehr schöne Lösung, zumal die Fotos daneben noch einmal im Miniaturformat abgedruckt sind: Wird auf diese Weise doch die mit klugen, manchmal erfrischend nassforschen Zitaten gespickte Bilderreise von Sylt nach Konstanz nicht gestört.

Ganz erstaunliche Entdeckungen hat Clemens Menne auf seinem Weg gemacht: Denn nichts liegt ihm ferner, als die Grabstätten Prominenter oder besonders Wohlhabender, Kunstinteressierter abzulichten. Auch wenn die von Schopenhauer, Adorno und Helmut Newton dabei sind. Menne sucht nach Geschichte und Geschichten und findet die: Kriegsgräber erzählen vielerorts vom ersten und zweiten Weltkrieg, die moosbedeckten Grabplatten in Bayreuth stammen aus dem Barock, und der in Marmor gehauene Spongebob aus der beliebten Kinder-Comicserie in Warnemünde entstand 2005. Unübersehbar ist das breite Grinsen in dem quadratischen Gesicht, ganz klein die Träne auf der Wange. Für Claudio.

Surreale Landschaften und liebevolle Stillleben

"Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,/ Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind./ Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?" dichtete Mascha Kaléko, die mit ihren schnörkellosen, oft melancholisch-ironischen Versen so leicht ins Herz zu treffen vermag. Ganz ans Ende seiner Reise hat Clemens Menne ihr "Memento" gestellt.

In fast surreale Landschaften hat er da schon entführt, liebevoll Blumenschmuck abgelichtet und sachlich karge Friedhofsmauern in Szene gesetzt, die trennen, was vielleicht zusammengehört. Diese Frage steht durchaus im Raum. "Die letzte Reise" ist ein Buch, in dem jeder auf Entdeckungsreise gehen kann. Und das mehr über die Lebenden erzählt als über die Toten. 

Die letzte Reise

von Clemens Menne
Seitenzahl:
200 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Edition Schmieder im Systemed Verlag
Bestellnummer:
978-3927372764
Preis:
34,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.11.2012 | 17:40 Uhr

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