Cover des Buches "Tage in Sorrent" von Andrea und Dirk Liesemer © mare Verlag

"Tage in Sorrent": Auf Nietzsches Italien-Spuren

Stand: 06.03.2022 17:20 Uhr

"Tage in Sorrent" klingt nach blühenden Zitronenbäumen, nach Wärme und Licht. Andrea und Dirk Liesemer haben diese Geschichte um Friedrich Nietzsches süditalienische Reise 1876 geschrieben.

von Katrin Krämer

Wenn Nietzsches Überzeugung zuträfe, dass es "keine Kausalität" gebe, sondern das Leben nur ein "zufälliges Nebeneinander von Dingen und Zuständen" sei, dann wäre der Philosoph nicht in Sorrent gelandet. Für die 60-jährige Schriftstellerin und adelige Kunst-Mäzenin Malwida von Meysenbug gibt es gute Gründe, den von heftigen Migräneattacken geplagten Philosophen nach Sorrent einzuladen. Sie sehnt sich nach mehr Gesellschaft und geistigem Austausch. Und Nietzsche? Der will dem grauen Winter in Deutschland sowieso entfliehen.

Friedrich Nietzsches philosophische Sommertage in Italien

1876 macht sich Friedrich Nietzsche also in Begleitung des Studenten Albert Brenner und des Philosophen Paul Reé auf ins Land, wo die Zitronen wohnen.

In Sorrent wird alles besser werden. Wärme und Ruhe und sanftes Licht, die Nähe zur bewunderten antiken Kultur sollten ihm ausreichend Linderung verschaffen, seine Gesundheit wiederherstellen und die Unbeschwertheit seiner Kindheit zurückbringen. Leseprobe

Und wie unbeschwert Nietzsche am Strand mit seinen Weggefährten sein kann.

Nietzsche springt auf und will den Studenten fangen, doch der rettet sich in die Fluten. Da hat sich schon Reé genähert, packt Nietzsche bei der Hand und zieht ihn hinter sich ins Meer. Die drei Männer balgen, lachen, tauchen sich gegenseitig unter. Leseprobe

Malwida von Meysenbug genießt das Zusammensein mit ihren "Söhnen", wie sie die drei heimlich nennt. Die kleine Gesellschaft lebt in einer Villa am Meer, man geht spazieren, macht Ausflüge nach Neapel und Capri, philosophiert abends am Kaminfeuer und träumt von der Gründung einer Akademie für philosophische Freigeister.

Wo viel Licht, da viel Schatten

Nietzsche, dessen Sehkraft dramatisch abnimmt, diktiert Albert Brenner die Aphorismen, die 1878 unter dem Titel "Menschliches Allzumenschliches" erscheinen. Also alles in schönster arkadischer Ordnung?

Sein Kopf schmerzt, Lärm und Licht sind ihm unerträglich, immerzu ist ihm übel, ständig muss er sich erbrechen. Es will kein Ende nehmen. In seinem Schädel rollt wieder dieses gewaltige Donnern hin und her, als fände es ein fortwährendes Echo. Leseprobe

Die ungeheure Leichtigkeit des Seins im Süden zeigt nach und nach ihre Schattenseiten. Auch in Sorrent wird der Winter feucht und kalt, Nietzsches Leiden werden nicht besser und Brenner hat die Schwindsucht. Die Anzeichen mehren sich, dass hier ein schöner Traum zu Ende geht.

Andrea und Dirk Liesemers Ausflug in die Philosophiegeschichte hat es in sich

Das Buch ist ein Ausflug in die Philosophiegeschichte, die es in sich hat. Zunächst flirrt alles vor Aufbruchsstimmung und dem sonnensatten Schwelgen beseelter Menschen in großen Träumen. Und dann: Die bittere Erkenntnis, dass das Leben anderes mit ihnen vorhat.

Für das Autorenpaar Andrea und Dirk Liesemer hat sich im Lauf des gemeinsamen Schreibens rausgestellt, dass das den Kern ihres Romans ausmacht: "Es hat tatsächlich eine Themenverschiebung gegeben. Ich hatte erst viel stärker im Kopf, dass ich erzählen wollte, wie Nietzsche einmal in Sorrent eine Akademie gründen wollte. Und habe dann gemerkt, dass eine andere Frage interessanter wird: wie geht man damit um, wenn sich all die Träume, die man hat, nicht erfüllen, und wie findet man trotzdem wieder zu sich, zu einem Leben, mit dem man trotzdem zufrieden ist."

Andrea und Dirk Liesemer ist ein geistreicher, unaufdringlicher und eleganter Roman gelungen. Klug und fein durchkomponiert, in einem Stil, der sich auf der Erzähl-Klaviatur zwischen seidiger Heiterkeit und melancholischer Tristesse bewegt. Dieses Buch ist alles andere als ein "zufälliges Nebeneinander von Dingen und Zuständen", wie Friedrich Nietzsche mal gesagt hat.

Tage in Sorrent

von Andrea und Dirk Liesemer
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
mare Verlag
Veröffentlichungsdatum:
15. Februar 2022
Bestellnummer:
978-3-86648-601-0
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.03.2022 | 12:40 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Romane

Ein Bücherstapel liegt auf einem Holztisch vor einer farbigen Wand. © IMAGO / Shotshop

Bücher 2022: Die spannendsten Romane und Erzählungen

Viele aufregende Bücher sind im Jahr 2022 erschienen. Etwa von Yasmina Reza, Ralf Rothmann, Isabel Allende, Kim de l’Horizon und Markus Orths. mehr

Ein Latte Macchiato, eine Brille und eine Kerze liegen auf einem Buch © picture alliance / Zoonar | Oleksandr Latkun

Neue Bücher 2024: Die spannendsten Neuerscheinungen

Unter anderem gibt es Neues von Dana von Suffrin, Michael Köhlmeier und Bernardine Evaristo. mehr

Logo vom NDR Kultur Podcast "eat.READ.sleep" © NDR Foto: Sinje Hasheider

eat.READ.sleep. Bücher für dich

Lieblingsbücher, Neuerscheinungen, Bestseller – wir geben Tipps und Orientierung. Außerdem: Interviews mit Büchermenschen, Fun Facts und eine literarische Vorspeise. mehr

Der Arm einer Frau bedient einen Laptop, der auf einem Tisch in einem Garten steht, während die andere Hand einen Becher hält. © picture alliance / Westend61 | Svetlana Karner

Abonnieren Sie den NDR Kultur Newsletter

NDR Kultur informiert alle Kulturinteressierten mit einem E-Mail-Newsletter über herausragende Sendungen, Veranstaltungen und die Angebote der Kulturpartner. Melden Sie sich hier an! mehr

NDR Kultur App Bewerbung

Die NDR Kultur App - kostenlos im Store!

NDR Kultur können Sie jetzt immer bei sich haben - Livestream, exklusive Gewinnspiele und der direkte Draht ins Studio mit dem Messenger. mehr

Mehr Kultur

Publikum vor einer Bühne in einem Park während der Fête de la musique © picture alliance/KEYSTONE | MARTIAL TREZZINI

"Fête de la Musique": Hier gibt es gratis Musik in Niedersachsen

Auch 2024 beteiligen sich am 21. Juni Städte in Niedersachsen am weltweiten Fest der Musik. Die Musiker spielen ohne Gage. mehr