Cover: Matthias Politycki - Alles wird gut © Hoffmann und Campe Verlag

"Alles wird gut": Ein Roadmovie über kulturelle Grenzen

Stand: 12.05.2023 06:00 Uhr

Matthias Politycki findet seine Romanstoffe oft auf Reisen. Sein neuer Roman "Alles wird gut - Chronik eines angekündigten Todes" spielt in Äthiopien. Schon der Titel lässt keinen Zweifel: Hier stimmt was nicht!

von Joachim Dicks

Wie kann alles gut werden, wenn die Geschichte eines vermeidbaren Todes erzählt wird? "Der Ausgangspunkt ist diese Redewendung 'Alles gut', die sich eingebürgert hat wie eine Art Begrüßung", erklärt Matthias Politycki. "Sobald man auch mal sagen wollen würde: 'Es ist nicht ganz so gut' - das will niemand hören. Das ist so eine Standardfloskel geworden, die eigentlich oft die Kehrseite verdeckt. Und da sind wir dann schon am Romangeschehen: Da ist nix gut, aber es wird oft behauptet, es ist alles gut."

Uralte Traditionen mit verhängnisvollen Folgen

Erzählt wird die Geschichte von Josef Trattner, einem österreichischen Ausgrabungsleiter, der kurz vor seiner Rückkehr nach Europa Äthiopien, das Land, in dem er drei Jahre gearbeitet hat, noch einmal erkunden möchte. So kommt er zu dem Stamm der Suri und lernt ihre archaischen Traditionen kennen. Die Männer trinken Blut von geschlachteten Tieren, die Frauen tragen Lippenteller und Ziernarben. Wer aus der Tradition ausbricht, wird bestraft. So ergeht es Natu. Als sie versucht, mit dem Fremden Josef Trattner anzubandeln, wird sie vor den Augen der Besucher und der Dorfbewohner verprügelt.

Genau diese Situation, mit der die ganze Romanhandlung ins Rollen kommt, hat Matthias Politycki tatsächlich erlebt: "Wir konnten nicht einschreiten, und das hat uns natürlich gequält. Denn man fühlt sich auf jeden Fall auf der Seite dieser Frau. Aber wir waren Gäste dieses Volkes und - das ist immer als Reisender der Deal - man hat sich nach den Regeln zu verhalten, die irgendwo herrschen, sonst ist man kein wohlgelittener Gast. Das ist ein moralischer Zwiespalt des Eingreifen-Wollens, aber nicht -Dürfens, den man nicht auflösen kann in solchen Situationen."

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"Die Emanzipationsgeschichte eines schwachen Mannes"

Trattner versucht, Natu zu helfen, sie aus dem sozialen Gefüge ihres Stammes zu befreien. Dabei stößt er aber an seine Grenzen. Das Ganze entwickelt sich zu einem Roadmovie. Hier und bei den Landschaftsbeschreibungen zeigt Matthias Politycki all seine literarischen Stärken. Immer wieder gibt es Rückblenden auf Trattners Leben in Wien. Da ist die "Sache mit Lena", mit der er eine glückliche Zeit verbracht hat, bis ihre feministischen Ansichten sein männliches Selbstbild ins Wanken gebracht haben. Diese alten Konflikte kommen in Äthiopien wieder zum Vorschein.

"Er hat Probleme mit seiner Männlichkeit", sagt Politycki. "Er ist einer von den Männern, die durch die aktuellen Debatten hindurchgegangen sind und so richtig entgrätet sind als Mann. Man könnte sagen: Das ist die Emanzipationsgeschichte einer starken Frau - und es ist umgekehrt auch die Emanzipationsgeschichte eines schwachen Mannes."

Matthias Polityckis literarische Auseinandersetzung mit Afrika

Also: Nichts wird gut in dieser Geschichte. Die Liebe ist hier keine Kraft, die alles schafft. In Äthiopien bricht ein Bürgerkrieg aus, Natu wird aus ihrem Dorf verbannt. Und was wird aus Trattner? Das wird nicht verraten. Nur so viel: Er kämpft mit seinem Bild von Afrika. Wie der Autor, der bei seiner literarischen Auseinandersetzung mit diesem Kontinent immer wieder den Zuspruch der Menschen vor Ort bekommt: "Sie wissen, was ich tue und sagen: 'Toll!' Sie freuen sich. Sie haben keineswegs die Haltung, das sei eine kulturelle Aneignung, sondern im Gegenteil. Die sagen: Es ist toll. Erstens, dass du kommst, und zweitens, dass du dich wirklich so interessierst. Man sitzt oft auch abends zusammen und diskutiert über die Themen, die wir auch in Deutschland behandeln, und merkt: Wow, sie sehen das Gott sei Dank nicht alles so wie wir und das ist sehr anregend. Aus dieser Unterstützung nehme ich den Mut, weiter über die Sachen zu schreiben, die mir auf den Nägeln brennen."

Alles wird gut - Chronik eines vermeidbaren Todes

von Matthias Politycki
Seitenzahl:
400 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann & Campe
Bestellnummer:
978-3-455-01584-3
Preis:
25 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.05.2023 | 12:40 Uhr

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Romane

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