Sendedatum: 01.08.2013 18:20 Uhr  | Archiv

Raus aus Meppen!

In unserer Sommerserie "Norddeutsche Familienromane" stellen wir sechs Autoren von Familienromanen vor.

Teil 4: "Abenteuerroman" von Gerhard Henschel

Gerhard Henschel vor Meppener Rathaus (Bildmontage) © picture-alliance, picture-alliance / DUMONT Bildar Foto: Erwin Elsner, Mike Schröder
Autor Gerhard Henschel wuchs in Meppen auf.

Es begann als Experiment, als Forschung über die Vergangenheit seiner Eltern. Entstanden ist eine Familiengeschichte, die in diesem Umfang ihresgleichen sucht: Vier Romane über die Familie Schlosser hat Gerhard Henschel bereits veröffentlicht, jeder über 500 Seiten dick.

Und ein Ende ist nicht abzusehen: Im Frühjahr 2014 erscheint der fünfte Band, am sechsten schreibt er bereits.

Ausgerechnet Meppen

Mit 13 Jahren verschlägt es Martin Schlosser nach Meppen im Emsland. Er ist alles andere als begeistert und will möglichst schnell wieder weg.

Doch bis es so weit ist, muss er sechs Jahre - oder zweieinhalb Romane - lang warten. Zeit genug, um jeden Winkel der Stadt kennenzulernen. Und bei den Beschreibungen nimmt es Gerhard Henschel sehr genau: "Mein Ehrgeiz ist tatsächlich, dass möglichst jedes Schräubchen richtig sitzt und wenn ich nach dem Erscheinen eines Romans von Lesern gelegentlich erfahre, dass hier und da ein Detail unstimmig ist, dann wurmt mich das. Aber es freut mich auch, weil es dann für die nächste Ausgabe oder die Taschenbuchausgabe berichtigt werden kann."

Literarisches Vorbild Walter Kempowski

Koppelschleuse Meppen © Tourist Information Meppen
Meppen hat zahlreiche historische Bauwerke zu bieten, darunter die Koppelschleuse vom Beginn des 19. Jahrhunderts.

"Fasanenstraße, An der Koppelschleuse, Hansastraße, Steenbrede und Hasebrinkstraße. In der Fasanenstraße gab es ein Haus, in dem ein Köter anschlug, sobald man das Gartentor aufmachte, doch der könne einem nichts tun, sagte Justeck oder Josteck. Das Bellen hörte sich beängstigend an..." (Buchzitat)

Dass Henschel so viele dieser Details kennt, hat einen ganz einfachen Grund: Er ist Martin Schlosser - oder genauer: Seine Romanfigur durchlebt genau das, was Henschel selbst erlebt hat. Inspiriert wurde er dazu durch sein literarisches Vorbild Walter Kempowski:

Schriftsteller Walter Kempowski beim Poetenfest in Erlangen 2003 © dpa Foto: Peter Roggenthin
Schriftsteller Walter Kempowski beim Poetenfest in Erlangen 2003

"Ich weiß nicht, ob ich auf die Idee zu dieser Romanreihe gekommen wäre ohne ihn und es war tatsächlich so, dass mir irgendwann auffiel, dass es überhaupt kein Gegenstück zu dem Roman 'Tadellöser und Wolf' (Anm. d. Red.: Roman von Walter Kempowski über seine Kindheit und Jugend zwischen 1938 bis 1945) aus meiner Generation gibt. Ich habe damals nicht geahnt, wie viel Arbeit da auf mich zukommt, es gingen tatsächlich sechs Jahre ins Land, bis ich mit der Reinschrift anfangen konnte. Inzwischen geht es etwas schneller, weil das Recherchieren über das Internet sehr viel einfacher fällt."

Zum Beispiel die historischen Lottozahlen, die seiner Mutter einen kleinen, aber überraschenden Gewinn bescherten. Oder die Namen von Raststätten, an denen er als jugendlicher Anhalter auf Mitfahrgelegenheiten wartete - auch, um aus Meppen herauszukommen.

Meppen ist überall

Im vierten Roman, dem "Abenteuerroman" gelingt ihm - alias Martin Schlosser - dieser Schritt endlich.

Auch wenn das Ergebnis nicht so ist, wie er es sich erträumt hatte. Martin Schlosser stehen noch viele weitere Enttäuschungen und Fehlschläge bevor. Er tritt in die SPD ein - und postwendend wieder aus. Er geht nach Bielefeld und stellt fest, dass sich die Stadt gar nicht so sehr von Meppen unterscheidet. Er verliebt sich, findet seine erste Freundin, doch auch hier hat er kein Glück.

Ein strahlender Held ist Martin Schlosser sicher nicht. Aber genau das macht ihn so realistisch und die Bücher so unterhaltsam. Ein Leben, das im wahrsten Sinne des Wortes das Leben schrieb - und weiter schreiben wird. Denn wenn es nach Gerhard Henschel geht, dann wird er sein Romanprojekt noch lange fortsetzen. So lange, bis er eines Tages in der Gegenwart angekommen ist.

Von Dingen erzählen, von denen man etwas versteht

Gerhard Henschel, deutscher Schriftsteller und Übersetzer (Aufnahme 2010)  Foto: Erwin Elsner
Bekannt wurde Gerhard Henschel auch durch seine Satiren und Polemiken über die "Bild"-Zeitung.

Gerhard Henschel, geboren 1962 in Hannover, war unter anderem Redakteur beim Satiremagazin "Titanic" und arbeitet heute als freier Schriftsteller. Er veröffentlichte Satiren und Streitschriften, Romane und Sachbücher, darunter "Der dreizehnte Beatle", "Da mal nachhaken. Näheres über Walter Kempowski" und "Menetekel. 3000 Jahre Untergang des Abendlandes". Vom Leben der Familie Schlosser hat Gerhard Henschel bereits im Briefroman "Die Liebenden", im "Kindheitsroman" und im "Liebesroman" erzählt.

Gemeinsam mit dem Autor Rayk Wieland rief Henschel 2001 die Veranstaltungsreihe "Toter Salon" ins Leben, eine literarische Veranstaltungsreihe in verschiedenen Hamburger Theatern. Außerdem arbeitet er als Übersetzer. Zusammen mit Kathrin Passig übertrug er beispielsweise die Biografie von Bob Dylan ("Chronicles Volume one") ins Deutsche.

Drei Fragen an Gerhard Henschel

 

Warum eignet sich Meppen für einen Familienroman?

Weil meine Familie dort gelebt hat. Im Grunde eignet sich jede Stadt dazu, wenn man das eigene Umfeld aufgreift und von Dingen erzählt, von denen man etwas versteht. Das liegt ja auch nahe. Ich bin ganz froh, dass mir kein anderer Schriftsteller Meppen als Handlungsort weggenommen hat.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 01.08.2013 | 18:20 Uhr

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