Stand: 09.03.2020 00:01 Uhr

Buch des Monats: Maack schreibt über seine Depression

von Jan Drees

In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Autoren Depressions-Bücher geschrieben. Im Frühjahr 2020 erscheinen ebenfalls mehrere auf dem deutschen Markt, etwa Jasmin Schreibers "Marianengraben", Bov Bjergs Buch "Serpentinen" und Helene Bockhorsts Werk "Die beste Depression der Welt". Aber nur Benjamin Maack erzählt in seinem Buch aus dem Innersten dieser tödlichen Krankheit.

Eigentlich sei "die Sache mit den Depressionen" überwunden, hat der Hamburger Schriftsteller und Spiegel.de-Redakteur Benjamin Maack gedacht:

Im Frühling 2017 beende ich meine wöchentlichen Stunden bei der Ärztin. Check. Zwei Monate später beginne ich damit, meine Medikamente auszuschleichen. Leseprobe

 

VIDEO: Benjamin Maacks Buch über Depression (6 Min)

Die Krankheit Depression kehrt zurück

Danach bringt Maack seine übrig gebliebenen Tabletten zur Apotheke. Doch zu Beginn seiner Erzählung, kurz vorm 40. Geburtstag, ist der vermeintlich Geheilte wieder auf dem Weg in eine Klinik. Die Depression ist zurückgekehrt.

Wir rollen langsam, ganz langsam, Fuß auf der Bremse. Ich sitze am Steuer unseres Familienwagens, der gerade mein Krankenwagen ist. Leseprobe

Buchcover: Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein von Benjamin Maack. © Suhrkamp Nova
Benjamin Maacks Buch ist ein entwaffnend ehrliches Zeugnis vom Leben mit Depressionen.

Die Familie: Das sind seine Partnerin und die beiden Jungs, drei und sieben Jahre alt. Selbstverständlich wäre Maack lieber bei ihnen. "Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein", heißt sein Buch. Doch bei der Familie in Harburg sein, das geht nicht für die Dauer dieser Erzählung, die vom neuen Krankheitsverlauf, vom fatalen Rückfall in die Dunkelheit und vom Sturz in die Nacht erzählt.

Selbsthass und Lebensüberdruss

Das Buch ist, und darin besteht seine Besonderheit, kein Roman, kein Essay, keine Geschichte im eigentlichen Sinne - sondern vielmehr ein poetisches Tagebuch mit kürzesten Einträgen. Oft sitzt Maack vorm Arzt. Manchmal weint er. Irgendwann sagt der Mediziner.

Wer hat sie überhaupt in die Emotionsgruppe gelassen? Sie haben doch gar keine Gefühle. Leseprobe

Diese Stelle wird sich wiederholen, wie viele Szenen, wodurch die Form einer Depression auf den Inhalt des Buchs übertragen wird. Maack berichtet vom Selbsthass und vom Lebensüberdruss, vom Heulen, Schreien, Weinen, von den Psychopharmaka und den Nebenwirkungen, vom Alltag in der Geschlossenen, von höllischen Tagen und auch von diesem Gefühl:

Wie fremd ich der Welt geworden bin, wie fremd ich mir selbst bin. Leseprobe

"Nacht", "Schwarz" und "Tod" sind häufige Worte in diesem Buch

Das Wort "Nacht" wird 33 Mal vorkommen, das Wort "Schwarz" 18 Mal.

An 23 Stellen steht, was beim schlimmsten Verlauf dieser Krankheit droht: der Tod. Das Wort Sex taucht nirgendwo auf. Früh nimmt Maack seinen Lesern die letzten Illusionen:

Hier wird am Ende übrigens nicht alles gut. Das hier ist ja nicht mal eine Geschichte. Lesseprobe

Benjamin Maacks Buch hebt sich von anderen Depressions-Memoires ab. Üblicherweise werden diese Geschichten aus der Sicht bereits Geheilter erzählt. Bei Maack erleben wir in Echtzeit, wie er leidet. Es gibt Brüche, es gibt Ungereimtheiten, es gibt diesen stetig nach unten, in die Depression stürzenden Bewusstseinsstrom.

Ein Leidensbericht in Echtzeit

Bin ich ein Arsch, oder sind das die Depressionen? Mein Gehirn ist ein Schwamm, vollgesogen mit Medikamenten. Vielleicht ein künstliches Koma, bis es vorbei ist. Würden Sie das für mich tun? Darf ich darum bitten? Leseprobe

Dieser Leidende sucht nach Auswegen - und einer dieser Auswege könnte ein künstliches Koma sein, womit vorstellbar wird, wie sich ein permanenter, ein nicht aufhören wollender Schmerz anfühlen muss, die psychische Agonie. An einer Stelle wiederholt sich das Wort "fuck" über viereinhalb Seiten, woanders wird der Gedankenzerfall bis ins Schriftbild hinein protokolliert:

Ich kann nicht denken. Ich kann nicht denken. Ich kann nicht denken, ich kann nicht denkennichtdenken, d enk en, enk endenke ndenkenden. Leseprobe

Der Text ist während der Therapie in der Psychiatrie entstanden

Im diesem Sinn- und Wörtersuchen erinnert Maack an David Foster Wallace' Depressions-Erzählung "Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur üblen Sache", erstmalig 1984 in einer Studentenzeitschrift erschienen; damals ein Skandalon. Inzwischen ist die Seelenbetrübtheit in unserer Gesellschaftsmitte angekommen.

Benjamin Maack ist es gelungen, den vorherigen Depressions-Geschichten eine neue hinzuzufügen. Die Druckfahnen seines Buchs hat er 2019 in der Psychiatrie korrigiert. Danach ist er entlassen worden.

Mit "Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein" hat er sich selbst von der Depression entlassen - und so produktiv seine Krankheit ist für die Literatur; man mag ihm wünschen, dass sie niemals wiederkommt.

Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein

von Benjamin Maack
Seitenzahl:
333 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-47073-2
Preis:
18,00 €
Landschaftsszene in Schottland. © colourbox
5 Min

Emily Brontë: "Sturmhöhe"

Eine komplizierte, schicksalhafte Familiengeschichte mit Menschen, die von elementaren Leidenschaften getrieben werden, in einem sturmumtosten Pfarrhaus in Yorkshire. 5 Min

Mehr zum Thema Depressionen

Schematische Darstellung: Torso halb von vorn mit Blick ins Gehirn. © NDR

Depressionen erkennen und rechtzeitig behandeln

Depressionen können unterschiedliche Ursachen haben. Nicht immer sind die Symptome eindeutig. Doch die Behandlung sollte möglichst früh beginnen. mehr

Mehr Kultur

Maria Haas: "Matriarchinnen" (Cover) © Kerber Verlag Foto: Maria Haas

Maria Haas: "Matriarchinnen"

Der Bildband "Matriarchinnen" ermöglicht eine beeindruckende Reise im Kopf, garniert mit wenig, aber informativem Text. mehr