Wally Koval: "Accidentally Wes Anderson" © Dumont Verlag

Wally Koval: "Accidentally Wes Anderson"

Stand: 08.01.2021 10:37 Uhr

Der Regisseur Wes Anderson wird für seine besondere Film-Ästhetik geschätzt. Ausstattung, Requisiten und Landschaften sind für viele Fans "Anderson-typisch".

von Juliane Bergmann

Bei einigen seiner Fans hat dies alles sogar den Blick für die reale Welt geschärft. Es sei ein Luxus für ihn, dass alle seine Filme genau so geworden sind, wie er sie haben wollte - das hat der Regisseur Wes Anderson vor einigen Jahren einmal in einem Interview mit "The Guardian" gesagt. Der Fotoband ist aber nicht nur etwas für Filmkenner.

Motive, die aus Wes Andersons Filmen stammen könnten

Ein ockerfarbenes Häuschen, holzvertäfelt, umringt von Tannen. Vor der verschlossenen Tür stehen links und rechts akkurat platziert blaue Blumenkästen, aus denen gelbe Blüten hervorblitzen. Davor verrostete Gleise - ewig nicht benutzt.

Ein Foto des schottischen Bahnhofs Thrumster: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er eröffnet, 1944 wieder geschlossen. Eine skurrile Bilderbuch-Landschaft, in der doch glatt ein tapsiger Sheriff durchs Gras stapfen könnte, im Schlepptau ein paar Pfadfinder in höchst wichtiger Mission:

Die Filme des Amerikaners haben eine ganz eigene Ästhetik: Pastellfarben treffen auf sauberste Geometrie, gestriegelte Protagonisten tragen Klamotten wie aus einem Kostümverleih: überzeichnet, aus der Zeit gefallen, einprägsam.

Wes Anderson-Fans entdecken überall besondere Orte

Wes Andersons Fangemeinschaft ist riesig - und äußerst leidenschaftlich, wie dieser Bildband beweist. Weltweit entdecken sie Orte, die wie Kulissen aus seinen Filmen aussehen. Ihre Fundstücke teilen sie in der 2017 von Wally Koval gegründeten Instagram-Gruppe "Accidentally Wes Anderson" - zufällig Wes Anderson.

"Die Fotos in diesen Buch wurden von Menschen gemacht, die ich nie getroffen habe, sie zeigen Orte und Dinge, die ich fast ausnahmslos noch nie gesehen habe - aber ich habe vor, das nachzuholen", schreibt Wes Anderson im Vorwort.

Neben der Autobahn kurz vor Cleveland in Ohio ragen in den hellblauen Himmel drei lange Türme: zartrosa. Darauf die Schriftzüge: Kakao, Milch und Zucker. In den knapp 30 Meter hohen Silos der Schokoladenfabrik "Malley‘s" lagern die drei Zutaten der Süßigkeit, die hier hergestellt wird, jeweils 50.000 Kilo. Das Foto erinnert an ein altes Polaroid, ein bisschen angegilbt, kostbar, nostalgisch. Es bricht mit Erwartungen. Wahnsinnig appetitlich ist diese Werbung im Industrie-Chic sicherlich nicht, neugierig macht sie aber so oder so. Die Appetitlichkeit von Schokolade ist ohnehin nicht anzuzweifeln.

Fotos, die Geschichten erzählen

Die rund 200 Bilder in diesem Band dokumentieren keineswegs bloß den Über-Eifer von Wes-Anderson-Fans, sie erzählen auch - ganz für sich betrachtet - Geschichten.

Ein gelbes Münztelefon an einer Metallbrüstung, dahinter erstreckt sich in majestätischer Weite der Nationalpark Glacier Bay in Alaska: imposante Gletscher, um die sich ein Fjord schlängelt. Wer bei diesem Anblick wohl zum Hörer greift?

Nicht nur Cineasten dürften diese Fotos wunderbar finden. Ein weiteres Bild zeigt einen alten Londoner Waschsalon mit Maschinen, abwechselnd türkis und limettengelb. Im Metro-Waggon in Kiew warten Ledersitze in Cognac-Tönen auf Fahrgäste. Das Prager Hotel Opera kann dank seiner rosa-schnörkeligen Fassade im böhmischen Neo-Renaissance-Stil ebenfalls nicht übersehen werden. Wes Andersons "Grand Budapest Hotel" lässt grüßen.

Es sind liebevoll versponnene Blicke auf die Welt, die diesen Bildband so sehenswert machen. Verträumt, märchenhaft, dank des Augenzwinkerns, das immer wieder aufblitzt, trotzdem nicht verkitscht.

Accidentally Wes Anderson

von Wally Koval (Hg.), aus dem Englischen von Mia Pfahl
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit einem Vorwort von Wes Anderson, 200 farbige Abbildungen
Verlag:
DuMont
Bestellnummer:
978-3-8321-9985-2
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 10.01.2021 | 17:40 Uhr

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