Die Autorin Sibylle Lewitscharoff im Porträt © picture alliance / dpa | Uwe Zucchi
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AUDIO: Zum Tod von Sibylle Lewitscharoff (6 Min)

Zum Tod von Sibylle Lewitscharoff: Sie liebte die versponnenen Wörter

Stand: 15.05.2023 08:34 Uhr

Am Sonnabend ist Sibylle Lewitscharoff gestorben. In seinem Nachruf würdigt NDR Kultur Literaturredakteur Alexander die große Schriftstellerin, die 69 Jahre alt geworden ist.

von Alexander Solloch

"Es sind ja nur die Beine, es ist ja nicht der Kopf." So sprach die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff über ihre Krankheit: Sie litt seit knapp 15 Jahren an Multipler Sklerose. Am Wochenende ist die Büchner-Preisträgerin in ihrer Wahlheimat Berlin gestorben, vier Wochen nach ihrem 69. Geburtstag. 

Sibylle Lewitscharoff: Freundlich, ein bisschen böse und sehr lustig 

Als im vergangenen Jahr ein recht bedeutender deutscher Schriftsteller starb, kam man in Kultur-Redaktionen auf die Idee, Sibylle Lewitscharoff um eine Stellungnahme zu bitten. Ihre Absage kam prompt. Sie war freundlich, ein bisschen böse und sehr lustig - wie Sibylle Lewitscharoff insgesamt: "Ich kann nicht behaupten, dass ich seine Werke wirklich schätzte. Einige Male bin ich mit ihm in Rom Taxi gefahren, und es war jedesmal schrecklich, weil der Mann ein arger Geizkragen war und immer glaubte, der Taxifahrer würde ihn bestehlen. Ich liebe eher die lockeren Vögel, die das Geld lustig verstreuen. Kurzum: Er war der typische deutsche Knatzerbarzer."

"Verzworgelter Hochmut" als Erbe aus der 68er-Bewegung

Diese Frau liebte die schönen, versponnenen Wörter, zumal jene, die der gebürtigen Stuttgarterin ihr schwäbisches Idiom eingab. "Verzworgelter Hochmut" spreche manchmal aus ihr, gab sie zu, das sei noch ein Erbe aus der 68er-Bewegung. Daher aber auch ihre große Freude an Ironie - und Selbstironie als Gegenmittel, wenn die Bosheit allzu heftig aus ihr herauszudrängen drohte: "Für mich ist aber der Humor ein wichtiges Ingredienz, um auch der eigenen zu hohen Selbstwahrnehmung zu entkommen; um sich selber ein bisschen in ein mürberes Gefild’ immer zu stellen und daraus die Funken zu schlagen. Texte, die diesen durchherrschenden Selbsternst atmen, die haben was Furchtbares. Dem möchte ich doch wirklich entgehen."

"Apostoloff": Autobiographisch grundierter Roman 

Das tat Sibylle Lewitscharoff etwa in "Apostoloff", der autobiographisch grundierten Geschichte zweier Schwestern, die ganz unterschiedlich - verständnisvoll die eine, wütend die andere - mit dem Suizid des Vaters umgehen und die Überstellung seines Leichnams in dessen Geburtsland Bulgarien organisieren müssen. Ein Roman voller Verzweiflung und doch auch Komik. Oder "Das Pfingstwunder": Ein Dante-Kongress in Rom, das Nachdenken über Himmel und Hölle, macht aus einem selbstgewissen Gelehrten einen sich selbst fremd Gewordenen, an dessen knochigem Leib Hemd und Hose schlottern. Oder ihr letzter großer Roman "Von oben", in dem ein kürzlich Verstorbener in undefiniert gestaltloser Weise über allem schwebt.

Marode Teile von mir sind unter der Erde, mein versammlungsfähiges Ich, auf das es ankommt, befindet sich oben, wiewohl das Wort Ich hierfür kein korrekter Begriff ist. Man kann eine nicht greifbare und nicht sichtbare Wesenheit schwerlich mit einem Wort bezeichnen, das ein körperliches Triumphzeichen aufpflanzt. Das Ich bin, der ich bin ist Gott allein in Seiner geballten Seinsgewissheit vorbehalten. aus: "Von oben"

Ein tiefer Sinn fürs Magische, Göttliche und Unerklärliche

Ein paar Sätze nur aus ihrem letzten Roman, die so viel zeigen: Sibylle Lewitscharoff, die Ex-Trotzkistin, die dann Theologie studiert und danach ganz vernunftorientiert jahrelang als Buchhalterin gearbeitet hatte, ehe sie endlich Bücher veröffentlichte, hatte einen tiefen Sinn fürs Magische, Göttliche, Unerklärliche. Sie war eine brillante Stilistin, "der Stil", meinte sie, "muss den Gnadenschatz bergen, der Erlösung vom Bann des Alltäglichen verspricht." 

Dresdner Rede: "Kann nur immer wieder sagen, dass ich sie bedaure"

Einmal allerdings ließ sie sich von ihrer Wortgewalt zu einer Bosheit verleiten, die ihr viele nicht verzeihen sollten. Im März 2014 sagte sie in einer Rede in Dresden, einer Polemik gegen künstliche Befruchtung, sie sei geneigt, Kinder, die "auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen". Die Aufregung war groß, sie selbst hinterher untröstlich: "Da ist mit mir ein bisschen der Gaul durchgegangen, auf eine ungute Weise. Da rumort der Vater in mir, der sich umgebracht hat, das heißt, der dann letztlich kein Vater mehr war. Aber diese zwei, drei Passagen, die definitiv zu aggressiv und dann in der Aggression auch dumm geraten sind: Ich kann sie nicht aus der Welt schaffen, ich kann nur immer wieder sagen, dass ich sie bedaure."

"Für mich ist der Tod ein Funken sprühendes Ereignis"

In Erinnerung bleiben soll Lewitscharoff aber als überaus herzlicher, liebenswürdiger, nachdenklicher Mensch mit so vielen hinreißenden Ideen. In einem Zeitungsinterview Anfang vergangenen Jahres sprach sie ausführlich über ihre Krankheit, Multiple Sklerose, und sagte: "Für mich ist der Tod ein Funken sprühendes Ereignis. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass der Tod die eine große Antwort auf das Leben gibt." Jetzt weiß sie, ob das stimmt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 14.05.2023 | 14:45 Uhr

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