Buchcover: Ruth Orkin: "A Photo Spirit" © Hatje Cantz Verlag

Ruth Orkin: Eine große Fotografin - endlich gewürdigt

Stand: 03.09.2021 11:42 Uhr

Im Hatje Cantz Verlag ist ein Bildband erschienen, der das faszinierende Werk der Wahl-New-Yorkerin Ruth Orkin vorstellt. Die Fotografin hat großartige Fotos vom Leben in New York in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemacht.

von Silke Lahmann-Lammert

New York, 1952: In einem Hauseingang hocken drei Kinder und spielen Karten. Den beiden Mädchen und ihrem kleinen Freund bereitet es sichtlich Schwierigkeiten, ihr Blatt geordnet in den Händen zu halten. Dennoch geben sie sich wie ausgebuffte Pokerprofis. Besonders die kleine Blonde in der Mitte ist ein echter Rotzlöffel: Sie blufft, frotzelt und guckt ihren Mitspielern schamlos in die Karten.

Ruth Orkins Traumberuf: Kamerafrau

Ruth Orkin hat die Schwarz-Weiß-Serie in schneller Folge aufgenommen, was ihren "Card Players" den Charme eines Daumenkinos verleiht:

"Mein ursprüngliches Interesse galt dem Film. Vielleicht kommt es daher, dass ich mit meinen Fotos Geschichten erzählen wollte. Auch wenn die Bilder sich nicht bewegten." Ruth Orkin

Schon als Teenager hatte die Tochter einer Stummfilm-Schauspielerin bei Metro-Goldwyn-Mayer gejobbt. Ihren Traumberuf Kamerafrau musste Ruth Orkin allerdings aufgeben. Ende der 30er-Jahre bildeten die großen Hollywoodstudios ausschließlich Männer an der Kamera aus. Orkin studierte stattdessen Fotojournalismus. 1939 machte die 18-Jährige dann zum ersten Mal auf sich aufmerksam - mit Aufnahmen von einer Fahrradtour, die sie ganz allein von Los Angeles bis zur Weltausstellung in New York unternommen hatte.

Unzählige Fotos über New York und seine Einwohner

Die Ostküsten-Metropole wurde ihre Wahlheimat. Von den 1940er-Jahren bis zu ihrem Tod 1985 hielt Ruth Orkin die Stadt und ihre Bewohner auf unzähligen Fotos fest: Liebespaare im Central Park, herausgeputzte Familien bei Straßenparaden, Mädchen, die auf Schiffscontainern am Hudson River sonnenbaden. Als freischaffende Fotoreporterin verkaufte sie ihre Bilder an Zeitungen und Magazine. Nicht, ohne darüber zu klagen,

" […] dass manche männliche Fotografen für den gleichen Job mehr Geld bekamen als ich. Als Antwort hörte ich Ausreden oder Sätze wie: 'Sie müssen ja auch keine Familie ernähren.'" Ruth Orkin

Die Prominenten vertrauten Ruth Orkin

Nur in einer Hinsicht habe sie es leichter gehabt als ihre männlichen Kollegen:

"Fremde sind weniger misstrauisch. Mit einem Lächeln, größtmöglicher Unschuld und Liebenswürdigkeit gelang es mir, selbst Leute, die zunächst abweisend reagierten, vor die Kamera zu bringen." Ruth Orkin

Egal, ob Orkin Schriftsteller wie T.H. Auden und Tennessee Williams in den Fokus nahm oder Filmregisseure wie Alfred Hitchcock und Orson Welles: Auf ihren Porträts wirken die Prominenten wie Leute von nebenan. Der junge Leonard Bernstein ließ sich von ihr sogar mit freiem Oberkörper ablichten.

Erfundene Geschichten

Unter Fotokennern fanden Orkins Arbeiten schnell Beachtung. Ihre Schwarz-Weiß-Serie "The Card Players" schaffte es sogar in Edward Steichens legendäre Ausstellung "Family of man" im New Yorker Museum of Modern Art. Bis heute hält sich hartnäckig die Legende, bei den Bildern handele es sich um Schnappschüsse von Orkins Tochter Mary und zwei ihrer Spielkameraden.

Der Fotograf Wayne Miller habe Steichen die Card-Players-Serie vorgeschlagen, nachdem er sie in einem Schuhkarton in Orkins Schrank gefunden habe. Doch nichts davon stimmt, erklärt die Fotohistorikerin Kristen Gresh in dem Bildband "Ruth Orkin - A Photo Spirit". Aber die erfundene Geschichte zeige, wie wenig man bis heute Frauen hinter der Kamera zutraut: "Die Legende ignoriert und marginalisiert Orkins professionelles Leben als Fotojournalistin."

Das neue Buch räumt mit dem Märchen von der talentierten Hobbyknipserin auf und verschafft Ruth Orkin die Wertschätzung, die sie verdient: als eine der großen amerikanischen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts.

A Photo Spirit

von Ruth Orkin
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit Texten in englischer Sprache von Ruth Orkin, von ihrer Tochter Mary Engel und der Kunsthistorikerin Kristen Gresh
Verlag:
Hatje Cantz
Bestellnummer:
978-3-7757-5095-0
Preis:
38,00 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 05.09.2021 | 17:40 Uhr

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