Stand: 15.11.2019 15:00 Uhr

"Normandie": Zeugnisse eines vergangenen Charmes

Normandie
von Nicole Strasser (Fotos), Karl Spurzem (Text)
Vorgestellt von Guido Pauling

Frankreichs langer Strand - rauh und charmant. Calvados und Landleben - Belle Époque und Provinz. All dies ist die Normandie. Ein beliebtes Reiseziel im Norden Frankreichs seit Jahrhunderten. In diese Region hat der in Hamburg ansässige mare Verlag die Fotografin Nicole Strasser entsandt, um Aufnahmen von Landschaft, vom Meer, von den Menschen dort zu machen. Fünf Mal hat sie sich zu unterschiedlichen Jahreszeiten auf den Weg gemacht, die einsamen Landschaften durchstreift, bis Motive, Wetter und Vielfalt der Bilder stimmten. Der Bildband "Normandie" zeigt 132 Seiten voller eindrucksvoller Impressionen.

Beschauliche Badeorte und herrschaftliche Anwesen

Es war ein langer Tag auf dem Meer. Nun kehren sie heim, die beiden Fischer in ihrem Motorboot. Gerade hat der Mann im Heck nochmal Gas gegeben, nun zieht er den Außenborder hoch, während das Bötchen schwungvoll und knirschend auf den Kiesstrand auffährt. Ein Möwenschwarm, aufgescheucht, dreht ab. Die Abendsonne bescheint die grün-blaue Wasserfläche, der schmale Strandstreifen dagegen und die senkrecht aufragenden Klippen liegen schon im Schatten. Kühle und Meeresfeuchte sind zu spüren; der Mann im Bug - Mütze, dicke Jacke - blickt mürrisch voraus. Gleich muss er aussteigen, das Motorboot auf das am Strand liegende Anhänger-Gestell ziehen. Es war ein langer, anstrengender Tag auf dem Meer.

Badeorte von gediegenem Schick

Es war ein schöner Tag in Honfleur. Im schicken Landhotel "Ferme Saint Simeon" lässt sich abends gut ausruhen. Eine junge Frau sitzt im Foyer auf einem elegant geschwungenen Sofa und blättert in einem Magazin. Holzgetäfelt die Wände um sie her und die Decke, an der ein opulenter Leuchter warm-oranges Licht gibt. Die impressionistischen Hafenansichten im Rahmen, die Holztische und -tischchen, der verblühende Rosenstrauß in der Vase - alles strahlt Behaglichkeit aus, rustikalen Schick.

"Was ich in der Normandie - im Vergleich zu anderen Orten, an denen ich fotografiert habe, als ganz besonders empfunden habe, ist, dass die Normandie diese unglaubliche Ruhe ausstrahlt", erzählt die Fotografin Nicole Strasser. "Wenn man den ganzen Tag mit sich allein und dem Mietwagen an einem Küstenstrich unterwegs ist, dann ist das ganz beruhigend. Man findet ein bisschen zu sich, hat so seine Gedanken. Es ist die Ruhe, die mich dort so fasziniert hat."

Einsamkeit und Weite am Strand und zwischen Wiesen

Ruhe, Einsamkeit und Weite finden sich in den meisten Bildern dieses Bandes. Zwei Charolais-Rinder auf einer sattgrünen Wiese am Waldrand, einträchtig stehen sie nebeneinander und fressen Heu.

Am Strand von Yport spielen zwei Kinder bei Ebbe. In Badesachen balancieren das Mädchen und der Junge auf freiliegenden Felsen, an denen Tang und Seepocken kleben, beobachtet von drei Möwen in einiger Entfernung, umgeben vom flachen, bis zum Horizont gleichmäßig blauen Meer.

Ein beleuchtetes Karussell steht am Hafenbecken Le Vieux Bassin in Honfleur - nur am rechten Bildrand der Fotografie zu sehen. Und während es sich klimpernd-pianierend dreht und direkt daneben auf einer Bank zwei Männer in Fußballtrikots sitzen, zuschauen und sich unterhalten, schweift der Blick der Betrachterin in die Bildmitte, zum Varieté-Wagen des Billetverkäufers, und weiter nach links, wo ein Paar auf dem Hafenmäuerchen hockt, rauchend, redend, eng beieinander sitzend. Hinten in den Hafenkneipen sitzen ein paar Gäste, man meint fast Gesprächsfetzen herüberwehen zu hören - und über dieser Kleinstadt-Szenerie wirft der Abendhimmel sein Dämmerlicht aus.

Hafenorte mit dem Flair mondäner Vergangenheit

"Ich arbeite viel mit Festbrennweiten und ich komponiere meine Bilder ganz gerne. Ich suche mir einen Ort aus und gucke, dass das Licht gut ist, dass der Ort spannend aussieht, und warte dann auf den richtigen Moment, dass sich eine Szene darin abspielt. Ich warte viel, sitze viel irgendwo und finde tatsächlich diese ruhigen Szenen anziehender als in einer Menschenmenge, wo Trubel ist. Ich war nicht in der Hauptferienzeit dort. Wenn ich unterwegs war in der Normandie, war es oft sehr ruhig", erzählt die Fotografin.

Daneben ist es auch das Flair einer mondänen Vergangenheit, das den Bildband prägt: Viele Fotografien sind in Deauville entstanden, dem Seebad, in dem sich um die Jahrhundertwende "tout le monde" flanierend, sinnierend und parlierend erholte. Diesem nostalgischen Charme der Region hat Nicole Strasser sensibel nachgespürt, ebenso wie den Lebensorten Guy de Maupassants, alten Schlössern, Sommerlandsitzen und Herrenhäusern. Bei dieser Fotografin ist die Normandie eine Landschaft - und ein Gefühl.

Normandie

von
Seitenzahl:
132 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
fadengeheftet, Leinenband mit Schutzumschlag, Format 30 x 26 cm
Verlag:
mare Verlag
Bestellnummer:
978-3-86648-619-5
Preis:
58,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 17.11.2019 | 17:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Nicole-Strasser-Normandie,normandie186.html

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