Stand: 02.01.2020 12:00 Uhr

Bildband feiert Foto-Visionär Harold Edgerton

von Juliane Bergmann

Der russische Schriftsteller Maxim Gorki sagte einmal: "Die Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele". So konträr muss man das aber vielleicht gar nicht betrachten. Beide Welten können einander auch ergänzen, das bewies der Amerikaner Harold Edgerton: Professor und Doktor der Elektrotechnik - und visionärer Fotograf, der als einer der ersten 1937 im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt wurde. Der Bildband "Seeing The Unseen" zeigt sein Lebenswerk.

Eine Krone, weiß glänzend, wie aus Keramik, klar definiert die einzelnen, zarten Zacken - angeordnet in einem Kreis, vollendete Symmetrie: Es ist ein Tropfen Milch, der auf eine andere Flüssigkeit kleckst. Fotografisch festgehalten im Moment des Aufpralls. Perfektes Timing.

Der fotografierte Moment

Vermeintlich schnöder Alltag - kunstvoll gefeiert. Der amerikanische Elektroingenieur und Fotograf Harold Eugene Edgerton war nicht der Erste, der einen Milchtropfen so ablichtete. Schon Ende des 19. Jahrhunderts versuchte man sich an diesem Motiv - das Ergebnis: verschwommen, unförmig. Aber Edgertons Aufnahme mit dem Titel "Coronet" aus dem Jahr 1936 ist pure Präzision, pure Eleganz. Sieben Jahre lang hatte er an diesem Bild gearbeitet. Es ziert das Cover des neuen Bildbands.

Bewegte Flüssigkeiten wurden letztlich sein Lebensprojekt. Für ihn kein Grund, müde zu werden, wird er im Bildband zitiert: "Jedes Mal, wenn ich die Kameras berühre, ist es wie eine Reise zum Mond und zurück. Das hat eine Aura, voller Aufregung. Du findest immer etwas heraus, das du so nicht gewusst hast."

Erst eine neue Technik macht Edgertons Aufnahmen möglich

In den 30er-Jahren hatte Edgerton am Massachusetts Institut für Technologie das elektrische Stroboskop erfunden. Zum ersten Mal konnte man mit dessen Blitzlicht Bilder machen, die zeigten, was dem menschlichen Auge entging. Dinge, die zu schnell geschehen, als dass man sie sehen könnte.

Zwischen Kunst und Wissenschaft bewegt er sich mit seinen Arbeiten, zwischen ästhetischer Schönheit und strukturierter Analyse. So gibt der Bildband auch Einblicke in Edgertons Notizbücher:

Die 8-fache Vergrößerung eines 16-Millimeter-Films.
Die Röhre wird ziemlich heiß.
Probleme mit dem Licht.
So könnte man es einrahmen. Leseprobe: Zitate aus den Notizen

"Seeing The Unseen": Fotografie zwischen Kunst und Wissenschaft

Akribisch hat er die einzelnen Versuchsanordnungen skizziert, verworfen, verbessert. Kleine Kritzeleien zeigen in Draufsicht, wo sich die Lichtquelle befindet, wo die Kamera, wo das Motiv. In einer Tabelle sortiert er die Bruchteile von Sekunden.

Mal legt er etliche Einzelbilder übereinander: So sehen wir einen Geiger, dessen Instrument schmetterlingshafte Flügel zu haben scheint - weil an beiden Enden des Bogens Lichter befestigt sind. Oder einen Golfer, dessen Schläger im Schwung eine Schnecke formt - und ihm einen elisabethanischen Rüschenkragen verpasst. Dann wieder Stillstand, wo wir Bewegung vermuten: Ein Kolibri - steht in der Luft - rausgestreckt seine Zunge. Feinsinnige Details, charmant.

Seeing the Unseen

von Harold Edgerton
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Vierfarbdruck, Fester Einband / Leineneinband, 22,5 x 28,5 cm, Englisch
Verlag:
Steidl
Bestellnummer:
978-3-95829-308-3
Preis:
48,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 05.01.2020 | 17:40 Uhr

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