Bildband: "Frauen sehen Frauen" © Schirmer/Mosel

"Frauen sehen Frauen": Geschichte der Frauenfotografie

Stand: 20.11.2020 14:24 Uhr  | Archiv

Welche Frauen haben die Fotografie im 19. und 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt? Einen beeindruckenden Überblick gibt der Band "Frauen sehen Frauen".

von Andrea Schwyzer

2001 erstmals erschienen, hat der Verlag Schirmer/Mosel nun eine Neu-Auflage herausgebracht. Rund 160 Bilder von 90 Fotografinnen sind darin abgebildet. Eine Sammlung, die die Frage aufwirft: Inwiefern unterscheidet sich der Blick von Frauen auf Frauen von jenem von Männern auf Frauen?

Die Sopranistin Jessye Norman auf einem Sofa liegend. Die Schuhe hat sie ausgezogen. Doch ihr aufrechter Oberkörper, ihr würdevoller Blick und die schimmernde Seidenbluse verraten, dass die Operndiva selbst barfüßig nicht aus ihrer Rolle fällt.

Große Vielfalt von Frauen-Porträts

Eine ältere Frau mit übergroßer Brille, Kopftuch und Arbeitskittel in einer Haustür stehend. Ihr Blick herausfordernd, leicht spöttisch. Eine Kommode mit aufgeklappten Türen: In einem der Schrankfächer liegt eine schlafende Frau. Der eine Arm baumelt aus dem Möbelstück - einem Kätzchen ganz ähnlich. Ein ironisches Selbstporträt der Fotografin Claude Cahun.

Fotografien von Frauen, fotografiert von Frauen. Was diese Bilder uns sagen? Womöglich, dass es einen Unterschied macht, ob hier Frauen durch die Linse blicken oder Männer.

Vieles bleibt rästselhaft

Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen schreibt dazu: "Das Besondere, um das es in diesem Bildband geht, liegt nicht in der Annahme, Fotografinnen würden gänzlich anders mit der Darstellung der weiblichen Gestalt umgehen, als ihre männlichen Kollegen. Von einem aus seinem Kontext gelösten Foto lässt sich nie mit Sicherheit sagen, ob es von einem Mann oder einer Frau gemacht wurde. Die Bildgeschichte, die hier erzählt wird, geht vielmehr von einer bewussten Reflexion der Situation aus, in der diese Fotos entstanden sind."

Diese "bewusste Reflexion" äußert sich in etlichen Mutmaßungen. Inszeniert eine Fotografin zum Beispiel den nackten Körper einer Frau, lässt sich über die Motivation dieser Aktfotografie rätseln:

"Ob die Künstlerin den traditionell fremden, weil männlichen Blick auf die Frau nachahmt, ob sie ihn sich ironisch aneignet? Oder ob die Fotografin so sein möchte wie der abgebildete Körper, in dessen Schönheit sie die eigene Idealvorstellung einfängt? In jedem Fall liegt diesen Aktfotos eine narzisstische Identifikation mit dem realen Körper der anderen zugrunde, der dem der Fotografin immer auch bedingt ähnelt." Leseprobe

Vielleicht sieht Top-Model Nadja Auermann mit ihrer Schiebermütze, der Zigarette zwischen den dunklen Lippen und dem schwarzen Top, das die Brüste gezielt ausspart, einfach nur saucool aus.

Manche Interpretation erscheinen weit hergeholt

Noch so ein Beispiel. Ein Schnappschuss der Fotografin Helen Levitt in New York: Eine junge Frau beugt sich kopfüber in den Kinderwagen - wohl um etwas herauszufischen - während ihr Baby direkt in die Kamera lacht. In dieser Aufnahme sieht es so aus, als wäre das Gesicht des Kindes die Verlängerung des Frauenkörpers. Muss dieses Foto gleich als Sinnbild dafür dienen, wie die junge Frau ihre Individualität zugunsten der Mutterrolle aufgibt?

Viele Gedankengänge, die die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen in ihrem Essay formuliert, sind nachvollziehbar. Etwa, dass sich Frauen gegenseitig erkennen, weil sie eben vom gleichen Geschlecht sind und so bewusst das Verbindende, aber auch das sich Unterscheidende in ihren Fotografien herauszuschälen vermögen. In manche Bilder wird allerdings so viel hineininterpretiert, dass man als Betrachterin etwas irritiert zurück bleibt.

Etwa wenn Annie Leibovitz 1998 Hillary Clinton porträtiert: Die First Lady sitzt hoch konzentriert arbeitend an einem Tisch auf einem Balkon im Weißen Haus, ein Papier in der Hand. Aufgrund der klassizistischen Architektur erinnere diese Fotografie an klassische Madonnengemälde, heißt es im Essay: "Nur ersetzt hier das Schriftdokument das traditionell an dieser Stelle im Madonnenbild zu erwartende Christuskind".

Frauen sehen Frauen

von
Seitenzahl:
280 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Hrsg. von Lothar Schirmer, mit einem Text von Elisabeth Bronfen. 159 Tafeln in Novatone und Farbe. Format: 20,5 x 29 cm, Klappenbroschur, deutsch/englische Ausgabe
Verlag:
Schirmer / Mosel
Bestellnummer:
9783829609005
Preis:
39,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 22.11.2020 | 16:20 Uhr

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