Buchcover: "Deutschland um 1980. Fotografien aus einem fernen Land" © Hirmer Verlag

Deutschland um 1980 - Fotografien aus einem fernen Land

Stand: 27.08.2022 06:00 Uhr

Wofür standen die 1980er-Jahre in Ost- und Westdeutschland? Davon erzählt ein Bildband mit faszinierenden Alltagsbeobachtungen und wundervoll situativen Porträts.

von Lenore Lötsch

Die Gruppe von acht- bis zehnjährigen Jungs auf dem kahlen Sandhaufen posiert übermütig, breitbeinig, von oben herab. Sie sind die Vorstadtcowboys. Das hier draußen ist ihr Revier: Der kalte Beton der mehrstöckigen Häuser kann ihr Ego nicht begrenzen. Sidos Song "Mein Block" könnte ihre Hymne sein: "Meine Gedanken, mein Herz, mein Leben, meine Welt reicht vom ersten bis zum 16. Stock..."

Zeitlose Motive, Haltungen und Blicke aus Ost und West

Allerdings stammen die Wohnblocks der Jungs aus dem DDR-Plattenbauprogramm. Und das Foto des Ostberliner Fotografen Gerd Danigel macht klar: Es geht hier nicht um eine nostalgische Retrospektive auf längst vergangene Zeiten. Es geht um Motive, Haltungen, Blicke, die zeitlos sind, und die der Bildband "Deutschland um 1980" großartig präsentiert. Nur der Untertitel stimmt eben nicht: "Fotografien aus einem fernen Land". Nichts daran ist fern und es sind zwei Deutsch-Länder, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten - im Alltag ihrer Bewohner und in dem, was damals als fotografierenswert erachtet wurde.

Alltag im kleinbürgerlichen westdeutschen Wohlstand

Hans Martin Küsters erzählt mit versteckter Ironie aus dem Alltag im kleinbürgerlichen westdeutschen Wohlstand: Elegant herausgeputzte Damen bei einer Tanzveranstaltung. Geschminkt und frisiert, als würden sie bei der Fernsehserie "Dallas" einsteigen wollen. Und doch, trotz aller vornehmen Zurückhaltung: ein misstrauischer Blick in der Schlange am Buffet, ob wohl das gewünschte Häppchen noch für einen selbst übrigbleibt.

Und Schützenfeste machten den Beteiligten auch nicht immer nur Spaß, erzählt ein anderes Foto. Darauf: mit Orden und Schärpen behängte Damen und Herren, die wohl noch diskutieren, wie denn nun der Höhepunkt des kleinstädtischen Festkalenders eröffnet werden soll. Und so, wie das Schützenfest in Xanten auf den entscheidenden Tusch warten musste, so lange dauert es, bis man als Betrachterin entschlüsselt hat, welches Wort da auf der Bühnenwand von einer riesigen Leuchtstoffröhre verdeckt wird: Oben steht die Ordnung, unten der Frohsinn, aber was ist das Wort in der Mitte? Eintracht!

Jugendbewegung zwischen Punk und Gruftie, Vokuhila und Poppertolle

Wie klug dieser Bildband komponiert ist, merkt man auch hier: Nur drei Seiten später ist da wieder eine Losung, wieder eine ironische Brechung. "Glaube, Sitte, Heimat" umkränzt den Kopf eines jeansbehosten jungen Mannes mit Vokuhila-Frisur. Man möchte ihm gern ins Gesicht schauen, das allerdings von einem Gewehr verdeckt ist - gleich wird er schießen.

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"Individualisierung ist eines der Schlagwörter der 1980er-Jahre. Der Traum und die Forderung nach einem individuellen Lebensentwurf jenseits von einengenden Traditionen (…) wird übermächtig.", schreibt Lothar Altringer in seinem Begleittext. Und die Fotos von sieben Fotografinnen und Fotografen erzählen auch davon, wie man mit stolzem Blick Punk oder Hippie, Grufti oder Blueser wurde und damit zum Teil einer Jugendbewegung. Und plötzlich ist da kein Ost-und-West-Unterschied mehr zu bemerken, weil die Codes und Kleiderordnungen, die einheitsstiftenden Rituale sich um Grenzen nicht scherten.

Deutschland um 1980: Die Zeit des RAF-Terrors

Und auch die Zeitgeschichte spielt mitunter eine Rolle, besonders beeindruckend in den Fotografien von Angela Neuke. Sie empfand es als Ansporn, wie sie später sagte, gegen die vorherrschende Meinung zu fotografieren. Etwa bei der Beisetzung von Hanns Martin Schleyer, der von der RAF ermordet wurde. Und so fängt sie die Trauer der Angehörigen, die Ohnmacht der Witwe auf ihrem Foto genau in dem Moment ein, in dem Bundeskanzler Helmut Schmidt sich eine Dosis Schnupftabak portioniert. Zwei Tage später entsteht ein Foto eines Vaters am offenen Grab mit erhobenem Kinn. Helmut Ensslin würde wohl anders um seine Tochter trauern, wäre da nicht die respektlose und rücksichtslose Fotografen-Meute, die dem Vater der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin keinen Zentimeter Raum lässt für stilles Gedenken.

Faszinierende Alltagsbeobachtungen

Vom Bruderkuss zwischen Breschnew und Honecker, vom Schlachttag auf dem Dorf zwischen Blutlache und Schlachterschnaps erzählt dieser Bildband mit Pressefotos, Alltagsfotografien und collagierter Fotokunst. Und er verblüfft mit besonderen Perspektiven: Wolf Biermann beim Abgang von der Bühne in Köln 1976. So ein Lachen, so ein Übermannt-Sein vom Erfolg. Und so ein Nichtwissen von der Tragik des Tages danach, als die DDR-Führung seine Ausbürgerung beschloss.

Sieben Fotografinnen und Fotografen liefern - fast durchweg in Schwarz-Weiß - faszinierende Alltagsbeobachtungen und wundervoll situative Porträts. Die sind so wohltuend, weil sie den Posen der Gegenwart voller Dauerlächeln und verdeckter Inszenierung etwas Echtes entgegensetzen: egal ob Aufruhr in den Augen oder Langeweile im Blick.

Deutschland um 1980 - Fotografien aus einem fernen Land

Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Hirmer
Bestellnummer:
978-3-7774-3957-0
Preis:
39,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 28.08.2022 | 16:20 Uhr

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