Stand: 29.12.2015 14:10 Uhr  | Archiv

Charles Dickens "Große Erwartungen"

In 25 Folgen der Wissensreihe "Große Romane der Weltliteratur" streifen wir durch die Geschichte des Romans von den Anfängen bis in die Gegenwart. In dieser Folge dreht sich alles um Charles Dickens "Große Erwartungen".

Von Hanjo Kesting

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Charles Dickens Roman "Große Erwartungen" (Buchcover)

"Große Erwartungen", im Original "Great Expectations", aus dem Jahr 1861, markiert in den Augen vieler Dickens-Kenner den Höhepunkt seines Werkes, da es die Vorzüge seiner frühen Bücher, die ursprüngliche Sicht der Dinge und den ungestümen Stil, mit der reifen Könnerschaft seiner späten Zeit verbindet. Dickens musste das Buch gewissermaßen aus dem Stand schreiben, um die Auflage seiner kriselnden Zeitschrift "All The Year Round" zu stabilisieren, wo es als Fortsetzungsroman erscheinen sollte.

Selten hat Dickens einen Roman so sorgfältig konstruiert, Haupt- und Nebenhandlung und die Fülle der Episoden so geschickt miteinander verflochten wie hier. Das Buch hat einen autobiographischen Kern, und überhaupt erinnert manches an den früher entstandenen "David Copperfield", nur geht es diesmal nicht um die Geschichte eines Aufstiegs und Erfolgs, sondern um eine des Unglücks und des Scheiterns. Die Titelformel "Große Erwartungen" steht von Anfang an in ironischen Anführungszeichen.

Zur Handlung

Wie so oft bei Dickens, ist ein Kind die Hauptfigur, der kleine Pip, der Pflegesohn eines Schmieds. Als er durch mysteriöse Geldzuwendungen eines anonymen Wohltäters aus den ärmlichen Verhältnissen, in denen er aufgewachsen ist, heraustritt - was er insgeheim für etwas hält, das ihm zusteht - und seine äußeren Lebensumstände sich zum Besseren wenden, treten mit einem Mal seine weniger angenehmen Charaktereigenschaften hervor. Die alte Miss Havisham, die einst an der Schwelle des Traualtars von ihrem Bräutigam verlassen wurde und seither kein anderes Verlangen kennt, als sich an den Männern zu rächen, spielt mit Pips Wunsch nach sozialem Aufstieg. Und Pip lässt sich von dem falschem Glanz blenden und verkennt die Edelsteine im eigenen Haus, voran Joe Gargery, seinen Ziehvater, an dem sich eine Charakterstärke offenbart, die Dickens wahrscheinlich als den höchsten menschlichen Vorzug preisen wollte.

Der englische Autor Charles Dickens. © picture-alliance / United Archives/TopFoto Fotograf: 91050/United_Archives/TopFoto

Dickens "Große Erwartungen"

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"Große Erwartungen" markiert in den Augen vieler Dickens-Kenner den Höhepunkt seines Schaffens. In der Wissensreihe "Große Romane der Weltliteratur" stellen wir das Buch vor.

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Pip erliegt Selbsttäuschungen, verkennt seine wahren Freunde, legt einen falschen Ehrgeiz an den Tag und verfällt einem geckenhaften Stolz. Je mehr er die vermeintlich beschämenden Tatsachen seiner Jugend - vor allem die Herkunft aus der Schmiede - zu verbergen sucht, desto arroganter und unsympathischer erscheint er – desto mehr wird er aber auch zum Spielball in den Händen derer, die ihn für seine Zwecke benutzen, vor allem seines unbekannten Wohltäters, eines früheren Sträflings, der aus ihm einen "feinen Herrn" und das Werkzeug seiner Rache an der Gesellschaft machen will.

Pip gehört zu jenen Menschen, die sich nicht unangefochten in allen Schwierigkeiten behaupten, sondern umso tiefer in Gefahr geraten, je geringer die äußeren Gefahren sind. Er muss sich nicht gegen Grausamkeit, Benachteiligung, Unglücksfälle oder Verrat zur Wehr setzen, sondern gegen äußere Versuchungen und den Hochmut des eigenen Herzens. Das misslingt, und so stürzt er hinab von der Höhe seiner Gentleman-Existenz, als er sich als Geschöpf eines früheren Verbrechers erkennen muss. Das Kartenhaus seiner "großen Erwartungen" bricht zusammen, da er das Geld seines Gönners nicht mehr annehmen will. Dabei handelt es sich um ehrlich erworbenes Geld, und Pips Stolz entspringt vor allem verletzter Eigenliebe. Erst zum Schluss erkennt er in seinem Wohltäter einen Menschen, der gegen ihn weit besser gehandelt hat als er selbst gegen seinen Pflegevater.

Ein Schluss mit Happy End?

Über den Schluss des Buches konnte sich Dickens lange Zeit nicht klar werden, und erst auf Anraten seines Schriftsteller-Kollegen Bulwer-Lytton gab er ihm ein positives Ende. In seiner gedämpften, zurückhaltenden Form kann man es allerdings kaum als Happy End bezeichnen.

Die Wahrheit des Buches liegt in der Einsicht, dass es oft nicht die großen Schurkereien sind, die uns zu Fall bringen, sondern die kleinen Fehler und Sünden des menschlichen Herzens, von denen wir alle bedroht sind. Dickens entwickelt die Geschichte mit einer Wärme und Dringlichkeit, die an die tiefsten Empfindungen rührt und den Leser vollkommen in Bann schlägt.

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