Pilar Quintana: "Hündin" (Cover) © Aufbau

Buch der Woche: "Hündin" von Pilar Quintana

Stand: 24.09.2020 16:35 Uhr

Mit ihrem neuen Roman "Hündin" macht die Kolumbianerin Pilar Quintana international auf sich aufmerksam. Er handelt von der dunklen Seite, die in jedem von uns schlummert.

von Tobias Wenzel

Früher arbeitete Pilar Quintana als Drehbuchautorin fürs Fernsehen und als Werbetexterin. Bis sie ihr Hab und Gut verkaufte und damit Reisen finanzierte, auf denen sie ihren Debütroman schrieb: über eine Werbetexterin, die alles verkauft, reist und ihren Debütroman schreibt. Inzwischen hat Quintana schon einige Romane und Erzählbände veröffentlicht, war aber bisher eher nur Kennern der kolumbianischen Literatur ein Begriff. Ihr aktueller Roman "Hündin" ist in der englischen Übersetzung für den National Book Award nominiert worden. Gerade ist das Buch auch auf Deutsch erschienen.

Begegnung mit einer Hündin im Urwald

Knapp zehn Jahre lebte Pilar Quintana im Urwald an der kolumbianischen Pazifikküste. Eine dortige Beobachtung inspirierte sie letztlich zu ihrem Roman "Hündin", wie sie erzählt: : "Einmal bin ich im Urwald spazieren gegangen und stand plötzlich vor einer Hündin. Vor Schreck sind wir beide in die jeweils entgegengesetzte Richtung weggerannt. Zwei Tage später habe ich die Hündin wiedergesehen: Sie lag am Boden. Ich dachte, sie habe einen epileptischen Anfall. Aber sie war tot. Die Masse der Maden hat ihre Leiche bewegt. Und die Aasgeier haben auf den Bäumen rings herum gewartet."

Konfrontation mit einem Kindheitstrauma

Die Bilder brannten sich Quintana ins Gedächtnis ein, ließen sie aber erst zwölf Jahre später, als sie gerade ein Kind bekommen hatte, den Roman "Hündin" schreiben. Darin adoptiert Damaris, eine Frau aus dieser Gegend, einen Hundewelpen, um ihren unerfüllten Kinderwunsch zu kompensieren. Aber die Hündin läuft ständig weg. Das weckt Damaris' Kindheitstrauma: Als Mädchen spazierte sie mit dem Nachbarsjungen Nicolasito an der Felsküste entlang. Er wurde vom Meer erfasst und verschluckt. Und Damaris rannte, um Hilfe zu holen:

Ihre Füße wurden von dem Teppich aus abgestorbenen Blättern am Boden begraben und versanken im Schlamm, und sie überkam das Gefühl, dass der Atem, den sie hörte, nicht ihr eigener war, sondern der des Dschungels, und dass sie - nicht Nicolasito - ertrank, in einem grünen Meer voller Ameisen und Pflanzen. Buchzitat

Liebe verwandelt sich in Wut und Gewalt

Der Tod des Jungen, die Schläge, mit denen Damaris damals bestraft wurde, ihre Schuldgefühle - all das kommt jedes Mal hoch, wenn die Hündin verschwindet, und trübt auch die Beziehung zu ihrem Mann. "Perra", das spanische Wort für "Hündin", hat auch eine abwertende Bedeutung; daher der Titel der englischen Ausgabe: "The Bitch". Damaris' am Anfang noch zarte Liebe für die Hündin wandelt sich nach und nach in Wut. Damaris tut etwas Schreckliches. Pilar Quintana formuliert die zentrale Frage des Buchs so: "Wie ist es möglich, dass ein guter Mensch eine Tat begehen kann, die ihm vorher undenkbar erschienen war?"

Die dunkle Seite in jedem von uns

In "Hündin" lässt sich die Gewalt des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts in Kolumbien nur erahnen. Ohnehin hat die Autorin in ihrer Literatur mehr die häusliche Gewalt, auch die psychische, im Blick. Meist von Männern gegen Frauen. Was nicht heißt, dass nicht auch Frauen - siehe Damaris - zu Schrecklichem fähig wären. "Hündin" ist ein angenehm unprätentiöser und zugleich vielsagender Roman, für den Mayela Gerhardt in ihrer deutschen Übersetzung immer den richtigen Ton getroffen hat. Es zeugt von großem literarischem Können, wie Quintana über eine Beziehung zwischen einer Frau und deren Hündin nicht nur das Leben der Hauptfigur und das Panorama eines oft vergessenen Landstrichs entfaltet, sondern auch noch dem Leser den Spiegel vorhält: In jedem von uns, liest man aus diesem starken Roman heraus, schlummert eine dunkle Seite.

Das meint Pilar Quintana ernst, auch wenn sie es im Gespräch manchmal augenzwinkernd ausdrückt: "Über meinen Sohn habe ich schon so oft gedacht: 'Ich will diesen kleinen Kerl umbringen!' Aber ich gehe zum Glück zum Psychologen und habe die Literatur als Therapie. Ich morde in der Fiktion und komme ungestraft davon, weil mich niemand dafür ins Gefängnis stecken kann, dass ich in meinen Erzählungen oder Romanen getötet habe."

Hündin

von Pilar Quintana
Seitenzahl:
151 Seiten
Genre:
Aus dem Spanischen von Mayela Gerhardt
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03823-6
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 02.10.2020 | 12:40 Uhr

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