Jan Windszus: "Tel Aviv" © Jan Windszus / mare Verlag

Bildband "Tel Aviv" zeigt die vielen Gesichter der Stadt

Stand: 24.01.2021 06:00 Uhr

Der Fotograf Jan Windszus hat sich mehrfach nach Tel Aviv aufgemacht, um sich in der israelischen Stadt umzuschauen und Eindrücke zu sammeln. Seine Impressionen hat er in einem Bildband festgehalten.

von Guido Pauling

Ein eigentümliches Licht liegt über den weiß-schaumigen Zungenspitzen der flach an den Strand auslaufenden Wellen. Elektrisches Licht, gleißend und grell; ein Licht, das keine sanften Schatten wirft, sondern nur harte, kontrastscharfe Schlagschatten aus Schwärze produziert. Die Wolken, die über dem Mittelmeer und der brummenden, Hitze abstrahlenden Stadt lasten, fühlen sich dagegen von orangenen Strahlen gekitzelt. Es lässt sie - in der Mischung aller Farben unter sich - bedrohlich dunkel-violett aussehen. Ein paar Spaziergänger am Strand, einzelne Grüppchen von Feiernden im Sand - und hinter ihnen das Hupen, Lachen, Flanieren und Flirten, Lärmen und Sich-Präsentieren, das den Stau-geplagten Boulevard dieser Stadt am Meer so prägt.

Tel Aviv: Wirklich alles anders?

Hier ist alles anders als im Rest Israels heißt es über Tel Aviv: Partys am Strand, Caféhäuser, liberaler Geist und Toleranz lauten die Schlagworte. Doch wie ist es dort wirklich?

Tel Aviv heißt auf deutsch Frühlingshügel. Frühling? Das lässt an Grün und an Erblühen denken. Auf den Fotografien von Jan Windszus sieht man aber vor allem Hitze, Staub, Beton, Hitze, Rost, Bröckeln, nochmal Hitze - und Menschen. Die unterschiedlichsten Menschen. Ein Gemisch von Typen und Charakteren in einer Vielfalt, wie man sie in wenigen Städten der Welt findet. Wunderbar beschrieben in einem Einleitungstext mit dem Titel "Liebeserklärung".

Nicht einmal vom Strandtuch müsste man sich erheben, um zu schauen. Wer ist da jetzt alles noch unterwegs? Verschleierte Frauen aus dem mehrheitlich von israelischen Arabern bevölkerten Jaffa, die laut und fröhlich in ihre Smartphones sprechen. Junge äthiopische Juden und geduldete Flüchtlinge aus Eritrea. Vertragsarbeiter aus Nigeria oder Rumänien; philippinische Hausangestellte und thailändische Krankenschwestern, die seit Schabbat-Beginn freihaben und kichernd miteinander tuscheln, bei Bedarf jedoch auch in entschiedenem Hebräisch Widerworte geben können, falls es einer der vorbeitrabenden Goldkettchenprolls wieder einmal mit seinen Bemerkungen an Respekt fehlen lassen sollte; lesbische Soldatinnen in Uniform und Locken, Hand in Hand; staunende Touristen; ältere oder auch uralte Paare; religiöse Familien, die aus der Großen Synagoge kommen und nun noch etwas Meeresluft schnuppern wollen. Leseprobe

Jüdische Gelehrsamkeit neben trainierten Models

Weiße Hemden, schwarze Kippas, Brillen, Bärte und Bücher - so sitzen, hocken, stehen und diskutieren sie zusammen in der Ponevezh Yeshiva, der berühmten Talmud-Hochschule in Tel Avivs Nachbarstadt Bnei Berak: All die Studenten und Buchgelehrten, die sich hier dem Studium von Text und Kommentar widmen - und die sich nur ungern in ihrem Alltag fotografieren lassen. Doch Jan Windszus gewährten sie Zugang in ihre ganz eigene enge und strenge Welt.

Eine Welt, die so anders ist als die Welt von Maya Gaysin, der moldawischen Fitnesstrainerin, die der Fotograf am Strand im Bikini antraf. Muskulös und dürr, an eine nackte Steinwand gelehnt, räkelt sie sich in der Abendsonne neben einer seltsamen Parade von ausgeschalteten Stand-Ventilatoren.

Noch einmal anders ist die Welt von Maisaa Asali, der jungen Araberin aus Kafr-Qara, die an der Tel Aviv University Jura studiert. In hochgeschlossener hellblauer Bluse, das Haar verdeckt von einem langen Kopftuch, schaut sie mit eindringlichem Blick in die Kamera und damit auf den Betrachter, als mustere sie jedes Detail seines Gesichts. Aber sie ist es auch, die - ein paar Buchseiten weiter - einen derart nahen, intimen Blick auf ihr Antlitz erlaubt, dass jede Pore, jede Wimper, jeder Bernstein-Farbtupfer ihrer dunkel schimmernden Pupille sichtbar wird.

Die Architektur Tel Avivs ist uneinheitlich

In dieser merkwürdigen Stadt aus feinster Bauhaus- und gemeinster Baukasten-Architektur, aus Menschenmassen und nächtlich leeren Gassen, finden sich Tiere nur auf einem einzigen Bild: Als vorbeiziehender Vogelschwarm hoch über einem Kirchturm.

Tel Aviv ist Stein, ist Hitze, ist ein Strand voller Monoblock-Kunststoffstühle, bevölkert von Seelen aller Glaubensrichtungen und Lebensstile.

Tel Aviv

von Jan Windszus (Fotos), Marko Martin (Text)
Seitenzahl:
132 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
fadengeheftet, Leinenband mit Schutzumschlag, Format 30 x 26 cm
Verlag:
mare Verlag
Bestellnummer:
978-3-86648-638-6
Preis:
58,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 24.01.2021 | 17:40 Uhr

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