Gewalt gegen Frauen: Jeden dritten Tag geschieht ein Femizid

Stand: 23.11.2021 22:02 Uhr

Gewalt von Männern gegen Frauen bleibt oft verborgen. Dabei ist die Zahl der Femizide in Deutschland erschreckend hoch: Allein 2020 starben 139 Frauen durch die Hand ihrer Partner oder Ex-Partner.

von Bettina Lehnert, Christine Gerberding

Jeden Tag gibt es in Deutschland einen polizeilich registrierten Tötungsversuch an einer Frau in Deutschland. Jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners. Die Dunkelziffer vermisster und schwer verletzter Frauen kennt niemand. Viele Frauen haben Angst, zur Polizei zu gehen - und weil sie fürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird.

Das BKA wertet die Zahl der Femizide in Deutschland erst seit 2015 aus. Sie sind gleichbleibend erschütternd hoch und schwanken wenig. In Deutschland wächst erst langsam das Bewusstsein für diesen Tatbestand. 

Femizid-Fälle in Deutschland von 2015 bis 2020

  • 2015 135
  • 2016 155
  • 2017 147
  • 2018 122
  • 2019 117
  • 2020 139
(Quelle für 2015 - 2019: Kriminalistische Auswertung zur Partnerschaftsgewalt des BKA; 2020: Universität Erlangen)

Definition eines Femizids

Der Begriff Femizid kommt aus dem Englischen ("Femicide") und wurde 1976 von der Soziologin Diane Russell geprägt. Im Kontext der internationalen Diskussion bezeichnet er die vorsätzliche Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind. Femizide sind vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Macht und Hierarchieverhältnisse zu sehen und werden besonders häufig durch männliche Partner oder Ex-Partner verübt. Weiter gefasste Definitionen beziehen alle Ermordungen von Frauen oder Mädchen mit ein, oder umfassen auch Tötungen von Frauen und Mädchen durch Familienmitglieder und im Kontext sexualisierter Gewalt.

Besitzdenken ist ein wichtiger Faktor

Die Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind. Der Mann wähnt sich in dem Glauben, dass die Frau ihm gehört, er die totale Macht über sie hat. "Ich glaube, ein wichtiger Faktor ist immer dieses Besitzdenken: Ich darf bestimmen, was meine Partnerin macht", erläutert Christina Clemm, Fachanwältin für Familien- und Strafrecht in Berlin. Außerdem erklärt sie: "Die Täter, von denen wissen wir, dass sie aus allen Herkünften aus allen Schichten kommen. Es gibt eben nicht den Täter-Typus, sondern es kann jeder Täter werden."

Hier finden Opfer häuslicher Gewalt Hilfe

CORA - Landeskoordinierungsstelle gegen häusliche und sexualisierte Gewalt


Gewalt gegen Frauen - bundesweites Hilfetelefon
(0800) 01 16 016 ( 24 Stunden am Tag besetzt)

Hilfenetz in MV (Frauenhäuser, Beratungsstellen, Interventionsstellen, Männer- und Gewaltberatung)
www.gewaltfrei-zuhause-in-mv.de

Opferambulanzen zur gerichtsverwertbaren Dokumentation nach Gewalttaten:
  • Bereich Rostock: (0381) 49 49 901, Rufbereitschaft (0172) 95 06 148, St.Georg-Str. 108, 18055 Rostock
  • Bereich Stralsund/Anklam/Neubrandenburg: (03834) 86 57 43, Rufbereitschaft (0172) 31 82 602, Kuhstraße 30, 17489 Greifswald
  • Bereich Schwerin: (0385) 73 26 80, Rufbereitschaft (0172) 95 06 148, Obotritenring 247, 19053 Schwerin

Femizid-Versuche: Ende einer Gewaltspirale

Der Mord ist in den meisten Fällen das Ende einer langen Gewaltbeziehung. Viele Frauen, die in so einer Partnerschaft leben, schweigen darüber, versuchen die Wunden, die Schmerzen, das Leid zu verbergen. Zu groß ist die Angst, die Scham - und die Hoffnung, dass es wieder besser wird. "Das ist häufig so eine Gewaltspirale. Es fängt mit einem Schlag an. Häufig ist es so, dass sich die Täter dann auch entschuldigen, sagen, es kommt nie wieder vor und ich werde mich ändern. Und dann kommt es aber das zweite Mal vor und das dritte und vierte Mal. Irgendwann hören Täter auch auf, sich zu entschuldigen. Und es geht immer weiter", sagt Christina Clemm.

Zu wenig Prävention und Konfliktberatung

Oft kommt es zum Mord, wenn die Frau versucht, sich aus der toxischen Beziehung zu befreien, erklärt Monika Schröttle: "In dem Augenblick, wo die Frau sich aus der Kontrolle löst und es sicher ist, dass dem Mann die Felle wegschwimmen, dann wird die Entscheidung gefällt zu töten. Es sind extrem selten Spontanhandlungen und extrem häufig geplante Taten." Schröttle koordiniert das "European Observatory on Femicide" und leitet den Bereich Gender, Gewalt und Menschenrechte an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie fordert mehr Prävention, mehr Konfliktberatung, mehr Täterarbeit, mehr Anti-Gewalt-Trainings: "Bei uns zögert niemand, zum Beispiel terroristische Akte zu verhindern, was wichtig ist. Die kommen aber viel seltener vor als Gewalt gegen Frauen."

Vor allem aber müssen die Hilfsangebote, die es gibt, besser koordiniert werden. Frauen, die gefährdet sind und oft auch schon von staatlichen Stellen betreut werden, müssen umfassender unterstützt werden. Anwältin Christina Clemm konstatiert: "Was passieren müsste, ist, dass Hochrisikofälle sehr viel besser, sehr viel schneller analysiert werden. Und dass wir nicht ein Auseinanderklaffen haben von den verschiedenen Behörden, dem Jugendamt, dem Familiengericht, dem Strafgericht. Sondern dass in einem solchen Fall, wenn der auftaucht, gesagt wird: Wir haben hier eine Situation, und die nehmen wir ernst, weil sie nämlich gefährlich ist."

Soforthilfe bekommen Frauen über das bundesweite Hilfstelefon "Gewalt gegen Frauen" unter der kostenfreien Nummer 08000 116 016. Auf der Seite des Hilfstelefon (https://www.hilfetelefon.de/) gibt es ein umfassendes Onlineangebot für Frauen. Die Seite kann man auch anonym besuchen.   

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels fehlte die Quellenangabe zu den Femizid-Fällen in Deutschland im Jahr 2020. Diese Zahl stammt, anders als die Zahlen für 2015 - 2019, nicht aus der Kriminalistischen Auswertung zur Partnerschaftsgewalt des BKA, sondern aus einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg.

 

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 15.11.2021 | 22:45 Uhr