Abina Ntim © Abina Ntim
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AUDIO: Curly Hair - Warum Afrohaar politisch ist (7 Min)

Curly Hair - Warum Afrohaar politisch ist

Stand: 14.09.2023 14:20 Uhr

Die Hamburgerin Abina Ntim hat sich aus kulturanthropologischer Perspektive mit natürlichem Haar beschäftigt. Sie gibt Workshops und hält Vorträge über "Natural Hair". Ein Gespräch.

Frau Ntim, warum ist es nicht selbstverständlich, sein Haar natürlich, also "natural" zu tragen?

Abina Ntim: Das hängt mit der Geschichte zusammen. Im transatlantischen Sklavenhandel im frühen 15. Jahrhundert stellen wir fest, dass den versklavten Menschen kurz vor Abreise die Haare abrasiert wurden. Das wurde getan, um die versklavten Menschen zu entmenschlichen. In dieser Zeit ist diese Gegenüberstellung entstanden: von dem glatten Haar als das vermeintlich attraktivere Haar. Das hat sich durchgezogen bis heute, dass glattes Haar als das Schönheitsideal gilt, besonders in weißen Mehrheitsgesellschaften. Dementsprechend versuchen viele schwarze Menschen weltweit, ihre Haare dem gängigen Schönheitsideal anzupassen, chemisch zu glätten oder Perücken zu tragen.

Wie weit geht die Glättung in der Geschichte zurück? Ich kann mich persönlich nur an die frühen Soul-Fotos aus den 60er-Jahren erinnern.

Ntim: Es wurde schon sehr lange versucht, die Haare zu glätten. 1948 ist in den USA der "Relaxer" auf den Markt gekommen, ein Produkt, was die Haare chemisch glättet, also die natürliche, lockige, krause Haarstruktur verändert. Aber auch schon davor haben Menschen, besonders in den USA, versucht, ihre Haare durch erhitzte Buttermesser zu glätten, um dem gängigen Schönheitsideal näher zu kommen. Denn es ist durch die Eroberer diese Verknüpfung entstanden, dass glattes Haar nicht nur attraktiver ist, sondern auch einen direkten Einfluss auf den wirtschaftlichen und sozialen Erfolg einer Person hat.

Das zieht sich auch weit durch die Popkultur des 20. und 21. Jahrhunderts, oder?

Ntim: Definitiv. Viele Menschen sagen sogar, dass sie bezweifeln, dass Barack Obama Präsident der Vereinigten Staaten geworden wäre, wenn Michelle Obama ihre Haare natürlich getragen hätte. Hätte also Michelle Obama ihre natürliche Haarstruktur gezeigt, dann hätten das viele Menschen mit einem Symbol der Auflehnung assoziiert. Sie hat ja quasi bewusst eine Perücke getragen. Oder wenn man sich beispielsweise die Sängerin Beyonce anschaut, die ihre Haare blond, glatt und lang trägt, also auch nicht in ihrer natürlichen Struktur, und dadurch einen sehr großen Mainstream-Erfolg verzeichnen kann.

VIDEO: Empowerment und Pflege für Afrohaare in Hamburg (4 Min)

Sie haben sich auch wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt im Rahmen der Kulturanthropologie. Wie sind Sie das angegangen?

Ntim: Ich habe im Rahmen meiner kulturanthropologischen Masterarbeit "Natural Hair" als Wissensphänomen untersucht und habe mir angeschaut, warum sich Menschen weltweit, vor allen Dingen Frauen, dazu entscheiden, ihre Haare natürlich zu tragen und nicht mehr chemisch zu glätten, und wie sie das Wissen darüber verbreiten. Denn das Wissen, wie die Haare im natürlichen Zustand gepflegt werden können, ist im Zuge des transatlantischen Sklavenhandels von Generation zu Generation verloren gegangen. Ich habe dabei feststellen können: Für einige ist es identitätsrepräsentativ, andere machen es aus ästhetischen oder pragmatischen Gründen, wiederum andere aus gesundheitlichen Gründen. Denn mittlerweile wissen wir, dass die chemische Haarglättung zu Uterusmyomen, zu Krebserkrankungen, Depressionen führen kann und sehr viele gesundheitliche Risiken birgt.

Sie geben auch Workshops an Schulen: "Curly Hair - Afrohaare" - das aber für alle, nicht nur für Menschen mit "curly hair", oder?

Ntim: Jein. Das Konzept war ursprünglich für Schwarze Mädchen in der Schule. Unser Titel heißt "Black Girl Magic", und es geht darum, schwarze Mädchen zu empowern, mit ihnen aber auch zu besprechen, wie sie mit Diskriminierungssituationen aufgrund ihrer Haare umgehen können. Gerade Schwarze Mädchen werden in der weißen Mehrheitsgesellschaft oft übersehen und finden keine Repräsentation. Uns ist es sehr wichtig, diesen Mädchen ein gutes Körpergefühl mit auf den Weg zu geben, dass sie sich wohlfühlen, was sich wiederum auch auf ihre schulischen Leistungen auswirkt.

Bei unserem letzten Workshop in der Schule war es allerdings so, dass das Interesse von den Schüler*innen, die keine Afrohaare haben, auch so groß war, dass wir uns ein neues Konzept überlegt haben, dass wir den Workshop für alle angeboten haben, um ein Bewusstsein unter der Schülerschaft hervorzurufen und zu zeigen: Nicht alle können hier in Deutschland zum Friseur gehen; nicht alle können sich in einer Drogerie ein Shampoo kaufen. Für viele ist das ganze Thema sehr negativ behaftet. Wie können wir ein Umfeld schaffen, in dem sich jeder gewertschätzt und wohlfühlt?

Wie sind die Reaktionen von den Schülerinnen und Schülern?

Ntim: Atemberaubend. Wir haben sehr positive Reaktionen. Bei dem Workshop an der Helmuth-Hübener-Schule in Barmbek haben wir beispielsweise einen Bericht von Oberstufenschülerinnen erhalten, die gesagt haben, dass sie sich in ihrer Lebensrealität gesehen fühlen. Sie konnten Themen ansprechen, über die sie sonst nicht sprechen können. Ich habe schon erwähnt, dass es einen wahrgenommenen Zusammenhang gibt zwischen den Haaren und dem sozialen Status: Mädchen haben beispielsweise berichtet, dass sie aus den eigenen Reihen, von Familienmitgliedern, darauf angesprochen wurden, dass sie ihre Haare jetzt natürlich tragen und das mit einem Bedauern versehen wurde und gefragt wurde, ob finanziell bei der Familie alles in Ordnung sei. Das sind Themen, die sie sonst im Unterricht nicht thematisieren - da gibt es ja gar keinen Platz für. Das ist einfach schön, dass sie sich in der Schule wohlfühlen.

Das Interview führte Mischa Kreiskott.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal Gespräch | 14.09.2023 | 17:30 Uhr

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