Die Silhouette von Uwe Johnson, aufgenommen im Uwe-Johnson-Literaturhaus in Klütz (Nordwestmecklenburg) © picture alliance / dpa Foto: Jens Büttner
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Die Silhouette von Uwe Johnson, aufgenommen im Uwe-Johnson-Literaturhaus in Klütz (Nordwestmecklenburg) © picture alliance / dpa Foto: Jens Büttner
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"Biografie ist unwiderruflich": Start der Uwe-Johnson-Tage 2022

Stand: 19.09.2022 16:01 Uhr

In Neubrandenburg beginnen am Abend die Uwe-Johnson-Tage 2022. Zum Lesefestival sind unter anderen die Schriftsteller*innen Uwe Tellkamp, Desiree Opela und Torsten Schulz eingeladen.

von Anke Jahns

Uwe Johnson, der in Mecklenburg aufwuchs und einer der wichtigsten Schriftsteller der Nachkriegszeit wurde, war ein genauer Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse in Ost und West. Er legte vor allem immer den Finger genau in die Wunde. Das sollte zeitgenössische Literatur aber auch momentan leisten, meint die Mecklenburgische Literaturgesellschaft, die die diesjährigen Uwe-Johnson-Tage veranstaltet und damit zu mehr Meinungs-Streit beitragen will.

Ein Podium für kontroverse Meinungen

Zu wenig Dialog gebe es in unserem Land, meint die Mecklenburgische Literaturgesellschaft. Ihr Vositzender Carsten Gansel findet, Regierungspositionen seien derzeit zu dominant. Er sagt, dass es auch andere Positionen geben könne, wie etwa bei der Debatte um Karl May oder bei den Konsequenzen aus dem Krieg in der Ukraine - die würden "vollkommen vernachlässigt". Indem einfache Wahrheiten produziert und Abweichungen von der eigenen Sicht diskreditiert würden, werde die Chance zum Dialog ausgeschaltet: "Mainstream bedeutet letztendlich auch, dass eine Position, eine Meinung nicht nur markiert wird, (...) sondern dass eine Meinung, eine Position, eine Auffassung dominant gesetzt wird und andere in Gefahr stehen, dahinter zu verschwinden. Das ist etwas, was für eine Gesellschaft nicht gut ist, findet Gansel"

Deshalb sollen die diesjährigen Uwe-Johnson-Literaturtage, die in Neustrelitz, Neubrandenburg und Güstrow stattfinden, verschiedenen Meinungen ein Podium bieten.

Uwe Tellkamp stellt sich der Diskussion

In neun Veranstaltungen geht es um Neuerschienungen mit eigenen Positionen und Handschriften. Am stärksten polarisiert dabei sicher Uwe Tellkamp. Der Dresdner Schriftsteller hatte 2008 für seinen Roman "Der Turm" den Uwe-Johnson-Preis erhalten. Er wird am 18. Oktober in Neubrandenburg aus dem Roman "Der Schlaf der Uhren" lesen und sich der Diskussion stellen. Tellkamps Buch wurde von vielen Literaturkritikern verrissen.

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Mann mittleren Alters mit verschränkten Armen im blauen Oberteil (der Schriftsteller Uwe Tellkamp) © picture alliance / Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa | Sebastian Kahnert Foto: Sebastian Kahnert

Uwe Tellkamp: Erfolgreich und umstritten

Über Uwe Tellkamps Roman "Der Schlaf in den Uhren" wurde im Vorfeld viel spekuliert. Nun ist er erschienen und polarisiert. mehr

Dass die Mecklenburgische Literaturgesellschaft Uwe Tellkamp und seinen Meinungen ein Podium gibt, stößt auch auf Unverständnis. Weil sich Tellkamp in den vergangenen Jahren äußerst kritisch zur Einwanderungspolitik geäußert hatte. Der Neubrandenburger Literaturwissenschaftler Carsten Gansel freut sich aber ganz besonders darüber, dass Tellkamp zugesagt hat: "Man kann dieser Position eine andere Position entgegenstellen. Es gibt die schöne Aussage von Uwe Johnson: 'Der Roman ist ein Angebot.' Sie werden eingeladen, Ihre Version der Wirklichkeit mit jener zu vergleichen, die in einem literarischen Text angeboten wird. Das gilt ja auch für die Gegenwart, sowohl für die Literatur, in der Wirklichkeiten dargestellt werden, als auch für den ganz konkreten Diskurs innerhalb der Gesellschaft."

Motto der Uwe-Johnson-Tage 2022: "Biografie ist unwiderruflich"

Zum konkreten Diskurs in der Gesellschaft werden auch die anderen Autorinnen und Autoren bei den Uwe-Johnson-Tagen 2022 beitragen. Den Auftakt macht der 33-jährige Liechtensteiner Benjamin Quaderer. Für seinen Roman "Für immer die Alpen" wurde er im vorigen Jahr mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. Darin zeichnet Quaderer ein gesellschaftliches Sittenbild über die Macht des Geldes. Gesellschaftlich relevante Fragen wirft auch die 30-jährige Desiree Opela auf. In ihrem Roman "Das Wetter in uns" geht sie den Konflikten der Generation der 30-Jährigen nach.

Das Motto der Uwe-Johnson-Literaturtage lautet diesmal: "Biografie ist unwiderruflich". Johnson wuchs in Mecklenburg auf, ging später in den Westen und starb 1984 in England.

Romane über das Leben in der DDR

Dem biografischen Fundus beim Schreiben trägt auch der neue Roman von Torsten Schulz Rechnung. Schulz lebt bei Gnoien und lehrt in Potsdam an der Filmhochschule. Sein neustes Werk heißt "Öl und Bienen", ein herrlich skurriler DDR-Provinzroman.

Nicht nur der Roman von Torsten Schulz spielt in der DDR. Auch Reinhardt O. Hahn ist auf den Literaturtagen mit einem Roman über einen Aktivisten der sozialistischen Arbeit vertreten. "Das Recht auf Vergessen oder Der rote Affe auf dem Kilimandscharo" heißt sein aktuelles Werk. Reinhard O. Hahn war in den 1980er-Jahren mit dem Alkoholiker-Roman " Das letzte erste Glas" bekannt geworden. Auch er ein Schriftsteller, der den Mainstrem nicht bedient.

Für Organisator Carsten Gansel werden die Uwe-Johnson-Tage damit ihrer Aufgabe gerecht: "Wir sind davon ausgegangen, dass Uwe Johnson einer jener Autoren gewesen ist, die sich Zeit ihres Lebens dafür eingesetzt haben, etwas zu machen, was heute mitunter vernachlässigt wird, nämlich die andere Seite mit ihren eigenen Augen zu sehen. Insofern glauben wir, dass man mit Uwe Johnson und mit jenen Autoren, die bei den Uwe-Johnson-Tagen dabei sind, genau das mit befördern kann, was man Dialog nennt."

Jenny Erpenbeck erhält Uwe-Johnson-Preis

Höhepunkt der diesjährigen Uwe-Johnson-Tage wird am kommenden Freitag die Verleihung des mit 20.000 Euro dotierten Uwe-Johnson-Preises in Berlin sein. Jenny Erpenbeck gewinnt ihn für ihren Roman "Kairos", der Geschichte einer großen Liebe in der Endphase der DDR. Ohne erhobenen Zeigefinger schreibt sie über die Banalität des Alltags - zwischen Euphorie, Enttäuschung und zunehmendem Druck.

"Biografie ist unwiderruflich": Start der Uwe-Johnson-Tage 2022

Die Mecklenburgische Literaturgesellschaft will dem gesellschaftlichen Dialog wieder mehr Raum geben.

Art:
Lesung
Datum:
Ende:
Ort:
diverse Orte in Neubrandenburg, Güstrow und Neustrelitz

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 19.09.2022 | 19:00 Uhr

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Romane