Sendedatum: 23.11.2019 09:20 Uhr

Das Kirchenlexikon - Fenster für Seele öffnen

von Oliver Vorwald

"Meine Oma sagt, man muss ein Fenster auf Kipp stellen, wenn jemand gestorben ist. Warum?"

Die Sonne färbt den Himmel orange-gelb, davor zeichnen sich graue Wolken ab. © NDR Foto: Bernd Kayser
Im Tor verlässt die Seele den Körper - sie will zurück zum himmlischen Schöpfer.

Im Moment des Todes verlässt die Seele den Körper. Für die Menschen des Mittelalters ist diese Vorstellung Gang und Gebe. Gemälde illustrieren dieses Ereignis, Drucke in vergilbten Büchern. Eines dieser Bilder zeigt einen Mann auf dem Totenbett. Am Fußende kniet seine Frau, sie hält ihm eine Kerze entgegen. Die Augen des Sterbenden sind beinah geschlossen, der Mund leicht geöffnet. Daraus entsteigt, mit dem letzten Atemstoß, seine Seele - hier in Gestalt eines Kind gleichen Luftwesens. Die muss nun - mit Hilfe eines Engels - ihren weg in den Himmel finden.

Die Seele ist eine Masse, in welche Gottes Bildnis eingedrückt ist. … Den Leib können sie töten, die Seele nicht.

Über die Unsterblichkeit der Seele

Huldrych Zwingli, Reformator der Schweiz schreibt diese Worte. Auch Martin Luther predigt so. Und in der katholischen Kirche wird im 16. Jahrhundert die Unsterblichkeit der Seele zur verbindlichen Glaubenswahrheit erklärt. Die Bibel wiederum ist in dieser Hinsicht weniger eindeutig. Die frühen Texte im Alten Testament kennen nämlich keine Seele, die unabhängig vom Körper existieren könnte. Mose, Josua, Samuel wissen auch nichts von einem Leben nach dem Tod.

Die Rede von der Auferstehung der Toten beispielsweise taucht erst in einigen Prophetenbüchern auf, da verschwinden die Königreiche Israel und Juda gerade von der Landkarte. Es ist die griechische Philosophie: In ihr wird über die Unsterblichkeit der Seele diskutiert. Diese Gedanken erobern ab dem 4. Jahrhundert vor Christus auch den östlichen Mittelmeerraum. Das Neue Testament ist davon in weiten Teilen durchdrungen. Die Evangelien, die Brief. Paulus glaubt, dass der Tod die Seele aus ihrem irdischen Gefängnis befreit.

Wir wissen: Wenn unser irdisches Haus abgebrochen wird, so haben wir ein Haus, das ewig ist im Himmel. Darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung vom Himmel überkleidet werden. Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat (2. Kor 5,1-4 i.A.).

Bräuche helfen Menschen beim Anschied nehmen

Ein Fenster wird geöffnet. © Fotolia Foto: Vitaliy Hrabar
Durch ein geöffnetes Fenster kann die Seele entweichen.

Die Seele verlässt im Moment des Todes den Körper. Sie will zurück zu ihrem himmlischen Schöpfer. Auch heute noch vertrauen viele Menschen darauf, dass es so ist. Deshalb öffnen sie im Sterbezimmer ein Fenster, damit die Seele ihre Heimreise antreten kann. Bei Licht betrachtet, eigentlich nicht notwendig, da doch die Seele immaterielle Substanz gedacht wird. Trotzdem sind solche alten Bräuche sinnvoll. Sie sollen helfen beim Abschied nehmen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 23.11.2019 | 09:20 Uhr

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