Stand: 31.05.2019 11:57 Uhr

Fregatte F125 - ein Trauerspiel

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Schiffstaufe der "Nordrhein-Westfalen". Diese Fregatte der 125-Klasse ist der Marine noch nicht übergeben worden.

Die Deutsche Marine wartet schon mehrere Jahre auf die erste Fregatte der F125-Klasse. Im Juni soll das Typ-Schiff, die "Baden-Württemberg", endlich in Dienst gestellt werden. Der Bundestag hatte 2007 den Bau von insgesamt vier Fregatten gebilligt. Die Kosten waren damals auf rund 2,6 Milliarden Euro taxiert worden. Inzwischen sind sie auf über drei Milliarden Euro gestiegen. Mit dem Bau der "Baden-Württemberg" war 2011 begonnen worden.

Die neue Fregatte wird zwar im Juni in Dienst gestellt, dass heißt aber noch nicht, dass sie bereits einsatzbereit ist. Das Schiff muss jetzt erst noch erprobt werden. Die Besatzung muss an Bord ausgebildet werden und sich mit dem Schiff vertraut machen. Die "Baden-Württemberg" steht frühestens in einem Jahr für Einsätze bereit. Das Verteidigungsministerium geht davon aus, dass die drei Schwesterschiffe der "Baden-Württemberg" bis 2020 ausgeliefert und übernommen werden. Sicher ist das aber nicht.

Abnahme zunächst verweigert

Der Bau der Fregatte F125 war von zahlreichen Problemen begleitet. So gab es unter anderem Probleme mit der Hard- und Software. Trotz Probefahrten konnten die Hersteller, ThyssenKrupp Marine Systems und die Lürssen-Werft, die Mängel nicht beseitigen. Die Abnahme verzögerte sich mehrmals. Die Bundeswehr weigerte sich schließlich, die Fregatte abzunehmen. Das war ein ungewöhnlicher Schritt. Der ehemaligen Marine-Offizier Heinz Dieter Jopp begrüßt diese Maßnahme. Bisher hätten die Werften davon ausgehen können, dass die Marine die fertiggestellten Schiffe übernimmt, auch wenn sie Mängel hatten. Jopp geht allerdings davon aus, dass auch nach der Indienststellung noch nicht "alles so funktioniert, wie es funktionieren sollte". Der Kapitän zur See a.D. plädiert dafür, über höhere Konventionalstrafen nachzudenken.

Porträt Heinz Dieter Jopp © Heinz Dieter Joop Foto: privat

Jopp: Werften unterschätzen "Kinderkrankheiten"

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Der frühere Marineoffizier Heinz Dieter Jopp begrüßt, dass die Marine die neue Fregatte F125 zunächst nicht abgenommen hat. Bisher sei das anders gewesen.

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Kaufpreis gemindert

Die verspätete Auslieferung von Schiffen stellt die Marine immer wieder vor große Probleme. Zeitpläne werden durcheinandergewirbelt, es gibt erhebliche Auswirkungen auf die Planung. Die Fregatte F125 soll die alten Schiffe der 122-Klasse ersetzen. Einige sind bereits ausgemustert worden, andere werden notgedrungen weiter eingesetzt. Wegen der Mängel und der Lieferverzögerung hat die Bundeswehr den Kaufpreis der Fregatte F125 reduziert.

"Für den geminderten Leistungsumfang bei der Abnahme des Schiffes gegenüber dem vertraglich vereinbarten Rahmen, wurde durch die Vertragsparteien einvernehmlich ein signifikanter Einbehalt vom Kaufpreis vereinbart", teilte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums auf eine Anfrage von NDR Info mit. Wie hoch die Summe ist, hat die Bundeswehr allerdings nicht bekannt gegeben. Die Industrie habe nicht das liefern können, was sie versprochen habe, sagt Marco Thiele, beim Bundeswehrverband - also der Interessenvertretung der Soldaten - zuständig für den Bereich Marine.

Zu viel Gewicht und Schlagseite?

Offenbar konnten nicht alle Mängel der Fregatte beseitigt werden, sodass die Marine letztlich Abstriche bei der Ablieferung hingenommen hat. Mehrere Zeitungen hatten bereits vor einiger Zeit berichtet, die "Baden-Württemberg" liege schief im Wasser. Das Schiff habe eine "Vorkrängung von 1,3 Grad nach Steuerbord", meldete die Nachrichtenagentur Reuters. Außerdem habe die Fregatte das vertraglich vereinbarte Gewicht überschritten. Damit aber steigen die Betriebskosten. Außerdem wird es bei einem Übergewicht schwierig, das Schiff durch den Einbau weiterer Systeme zu modernisieren. Ob diese Fehler beseitigt werden konnten, ist offen. Schwere Mängel berechtigen den Käufer, den Kaufpreis zu mindern.

Mehrbesatzungskonzept als Ideal

Als eine Besonderheit der Fregatte F125 betont die Marine immer wieder das sogenannte Mehrbesatzungskonzept. Das Schiff soll zwei Jahre ohne Unterbrechung beispielsweise am Horn von Afrika für Anti-Piraten-Operationen eingesetzt werden können. Nach vier Monaten werden lediglich die Besatzungen ausgetauscht, nicht das Schiff. Damit werden die teuren und zeitintensiven Transitfahrten vom Heimathafen ins Einsatzgebiet und zurück erheblich reduziert. Manchmal ist eine Fregatte auf diese Weise sechs Wochen unterwegs. Für die insgesamt vier Schiffe der 125-Klasse sind  acht Besatzungen vorgesehen. Eine Besatzung besteht aus rund 120 Marine-Soldaten. Das sind rund 80 weniger als bei den Fregatten der 122-Klasse. Grund ist der erhebliche größere Automatisierungsgrad der neuen Schiffe. Die Marine geht davon aus, dass von den vier F125-Fregatten zwei im Einsatz sind und sich ein Schiff in der Instandsetzung befindet. 

Kritiker: Ausbildungszentrum an Land vergessen

Das Mehrbesatzungskonzept sieht eigentlich vor, dass es eine Ausbildungseinrichtung an Land gibt. Der Bundesrechnungshof kritisiert, dass mit den Vorbereitungen dafür viel zu spät begonnen worden ist. Wegen Personalmangels konnte kein arbeitsfähiges Projektteam aufgestellt werden. Im Januar 2017 bestand es lediglich aus dem Projektleiter. Der Bundesrechnungshof geht davon aus, dass es das Ausbildungszentrum nicht vor 2030 geben wird. Die Folge: "Ohne Einsatzausbildungszentrum kann die Marine die F125 nicht wie geplant einsetzen. Sie muss die Schiffe nun verstärkt zur Ausbildung statt für Einsätze nutzen."

Selbst Marine-Soldaten schütteln über solche Fehlplanung den Kopf. Die Vorteile des Mehrbesatzungskonzepts werden dadurch relativiert. Für Marco Thiele vom Bundeswehrverband ist daher klar, dass das Konzept zumindest am Anfang nicht funktionieren wird. Es ist zudem noch völlig offen, ob es künftig die geplanten acht Besatzungen für die vier F125-Fregatten geben wird. Grund sind die Personalprobleme der Marine.

Marco Thiele © Marco Thiele

Thiele: Mehrbesatzungskonzept wird konterkariert

NDR Info - Streitkräfte und Strategien -

Marco Thiele vom Bundeswehrverband bemängelt, dass die F125-Besatzungen vorerst nicht an Land ausgebildet werden können. Die Anlagen dafür seien nicht rechtzeitig bestellt worden.

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Künftig viele Schiffe, aber  zu wenig Personal?

Der Marine-Kenner Heinz Dieter Jopp geht zudem davon aus, dass bei den F125-Fregatten IT-Experten und andere Spezialisten auch nach vier Monaten an Bord bleiben werden, weil diese Experten an allen Ecken und Enden fehlen. Das Personal- und Spezialistenproblem der Marine könnte sich noch weiter verschärfen. Denn neben den vier F125-Fregatten sind noch weitere Kampfschiffe im Bau beziehungsweise in Planung. In Wolgast ist die erste von fünf weiteren Korvetten der K130-Klasse auf Kiel gelegt worden. Von 2022 an soll jährlich ein Boot ausgeliefert werden. Gesamtkosten zurzeit: 2,5 Milliarden Euro.

Geplant ist außerdem die Beschaffung von vier bis sechs Mehrzweckkampfschiffen MKS180. Diese Schiffe mit jeweils 180 Soldaten Besatzung sollen erheblich schlagkräftiger als die F125 werden. Die Kosten für das rund 170 Meter lange Schiff werden auf mehr als fünf Milliarden Euro geschätzt. Die U-Boot-Flotte soll von sechs auf acht Boote aufgestockt werden. Gerade bei den U-Booten gibt es große Personalprobleme. Weil Spezialisten fehlten, konnten Boote nicht auslaufen und waren nicht einsatzbereit. Die Marine wird zwar mehr Dienstposten bekommen, allerdings können bereits jetzt viele Stellen nicht besetzt werden.

Trotz vieler Werbekampagnen und offizieller Erfolgsmeldungen der Marine ist nicht erkennbar, dass die Seestreitkräfte das Rekrutierungsproblem in den Griff bekommen.

Kampfschiff zweiter Klasse?

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Die Fregatte F125 ist nicht für die U-Boot-Bekämpfung ausgelegt.

Als die Fregatte F125 entworfen wurde, war Russland noch Partner der NATO. Das hat sich mit der Annexion der Krim 2014 geändert. Die Streitkräfte sollen inzwischen auch Russland abschrecken. Die "Baden-Württemberg" ist allerdings nicht für eine symmetrische Konfrontation mit der russischen Marine ausgerichtet. Damals standen andere Einsatzszenarien im Vordergrund: Seeraum- und Embargoüberwachung und die Bekämpfung der Piraterie. Für die Deutsche Marine ging es vor allem um sogenannte Stabilierungsmissionen fernab von Deutschland.

Seit der Krim-Annexion steht jedoch auch der Ostseeraum wieder im Vordergrund. Benötigt werden dabei auch klassische militärische Fähigkeiten wie Luftverteidigung oder die U-Boot-Jagd. Doch "dafür ist die F125 nicht geeignet", sagt Heinz Dieter Jopp. Die Fregatte ist nicht für den Kampf gegen feindliche Kriegsschiffe ausgelegt. Zur kollektiven Verteidigung können die über drei Milliarden Euro teuren F125-Fregatten nur einen begrenzten Beitrag leisten. Allerdings kann ein Marineschiff niemals über alle militärischen Fähigkeiten verfügen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 01.06.2019 | 19:20 Uhr