Stand: 19.11.2018 11:32 Uhr

Erinnerungen an Wolfgang Schlüter

von Stefan Gerdes

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich Wolfgang Schlüter in den 1970er Jahren das erste Mal auf einer Bühne erlebte. Ich war damals 14. Mein Vater arbeitete als Toningenieur beim NDR. Zu seinen liebsten Aufgaben gehörte es, mit der NDR Bigband unterwegs zu sein und im Saal den Klang auszusteuern. Er nahm mich an jenem Abend auf seine Knie. Ich durfte direkt hinter dem riesigen Mischpult sitzen und hatte buchstäblich heiße Ohren vor Aufregung.

Der Vibrafonist Wolfgang Schlüter (links) bei einem NDR Jazz-Workshop im März 1959.

Mein Vater war ein großer Fan vom Modern Jazz Quartet - vor allem von Milt Jackson. Immer wenn Wolfgang Schlüter am Vibrafon zum Solo ansetzte, stupste er mich an und sagte: "Jetzt hör' dir das mal genau an." Im Jazz ist ja immer vom "Personalstil" die Rede. Der Mensch und sein Instrument sind eins. Unverwechselbar. Wolfgang Schlüter war ein solches Original. Natürlich hatte auch er Vorbilder. Lionel Hampton oder eben Milt Jackson. Aber er hat sie nicht kopiert, nicht imitiert. "Ich muss mein Ding machen", sagte er immer. "Ich muss mich spielen. Ich muss so spielen, wie ich empfinde."

Von großer Kunst bis zu Unterhaltung

Wolfgang Schlüter erlebte und prägte viele Epochen des Jazz. Vom Swing der Nachkriegszeit über den Bebob und den Cool Jazz der 1950er bis zu den freieren Experimenten. Er spielte dabei in allen erdenklichen Besetzungen: vom Duo über das Quartett, bis hin zum größten Format, der Bigband. Er betrat die Orte des Lichts und des Schattens, die glanzvollen Hallen und die stickigen Keller. Jede Art von Musik: die große Kunst, aber auch jene, die das Publikum lediglich zerstreuen oder - wie man so schön sagt - unterhalten soll. Bei der den Musikern selbst allerdings das Lachen vergeht. Die waren für ihn die "Moneymaker". So hat er diese Arbeit einmal getauft. Aber was sollte man tun, wenn die Unterhaltung dem Unterhalt dient, wenn sie die Miete zahlt?

All das konnte seinem Spiel nichts anhaben. Mit jedem Stil, jedem Ort und jeder Bezahlung ging er so um, als wäre gerade dieses Konzert, dieses Stück, dieses Solo das wichtigste. Als wäre das verrauchte Kellerloch die Carnegie Hall. Er gab immer das Beste und verwandelte am Ende sogar die Unterhaltung in Kunst.  
Das ist nur möglich, wenn die Freude am Spielen der tägliche Antrieb ist. "Ich bedaure es sehr, dass die Jungen heute nicht mehr die Möglichkeiten haben, wie wir sie hatten", sagte er einmal: "monatsweise Engagements in Jazzclubs. Das Spielen im dunklen Jazzkeller, das war zwar wie eine Arbeit im Bergwerk: Jeden Abend haben wir von halb 9 bis halb 4 nachts gespielt. Jede Nacht, bei zwei freien Tagen im Monat. Aber wir haben 12 Mark 50 pro Tag bekommen, wir waren die Fürsten damals. Wir lebten für die Musik, wir haben nachts gearbeitet, tagsüber geschlafen und geprobt. Und es hat gefruchtet: wir waren irgendwann technisch fit." Dieses Bergwerk, wie er es nannte, brachte jenen einzigartigen Musiker hervor, den man schon nach wenigen Tönen erkannte. Niemand konnte so swingen wie er.
Dabei hatte er ursprünglich eine Karriere in der Klassischen Musik angestrebt. 1949 begann er an der Hochschule für Musik in Berlin das Studium von Pauke und Schlagzeug. Dann verletzte er sich das Knie, sein Bein wurde steif. Eigentlich das Ende der Laufbahn, denn an der Pauke muss man auch kraftvoll mit den Füßen arbeiten. "Ich hatte einen kleinen Depri", sagte er in der Rückschau auf seine typisch lakonische Art. Dann also keine Pauke, sondern Schlagzeug und Marimbafon.

Der Bazillus Jazz ließ ihn nicht mehr los

1952, noch als Musikstudent, ging es abends in die Clubs, zur "Mucke". Mit dem Geld unterstützte er Mutter und Bruder. Die Schlüters wohnten in Ostberlin, Wolfgang spielte im Westen. Das war lukrativ: Man verdiente gutes Westgeld und tauschte es 1:5 um. Als in einer Band der Vibrafonist fehlte, wurde Wolfgang Schlüter gefragt. Der hatte das Instrument zwar noch nie gespielt, aber das Jobangebot war zu gut: ein Ball in den Berliner Zoo-Festsälen. Drei Abende hintereinander, pro Abend 25 Mark. Er rechnete kurz um - das waren 125 Mark Ost - und sagte: "Ja klar spiele ich das Vibrafon".

Im Herbst 1952 dann Lionel Hamptons Konzert im Sportpalast in Berlin. Für den jungen Wolfgang war das "der Wahnsinn". Der "erste Bazillus" erwischte ihn, und der hieß Jazz. Kurz darauf fragte der Pianist Michael Naura, ob er in dessen neues Quintett einsteigen wolle. Naura wurde sein "zweiter Bazillus". Ein halbes Jahrhundert sollten die beiden zusammen spielen, oft an der Seite des kongenialen Dichterfreundes Peter Rühmkorf.
Im Sommer 1955 erlebte Wolfgang Schlüter eine Dürreperiode. Es gab plötzlich keine Jobs mehr. Die Familie musste ernährt werden. Nach der Abschlussprüfung an der Hochschule bekam er ein Probespiel beim Sinfonieorchester von Radio Dublin. Er bestand und wollte im Januar 1956 anfangen. Der Jazz ließ ihn aber nicht mehr los. Den Vertrag schickte er ohne Unterschrift nach Dublin zurück. Naura hatte wieder angerufen: Es gab ein neues Angebot, im Hamburger Jazzclub "Barett".

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Die NDR Studioband, Vorläufer der NDR Bigband, mit Dieter Glawischnig (auf der Bühnenkante sitzend, rechts), Heinz Sauer (links daneben), Günther Lenz (Bass) und Wolfgang Schlüter (Vibrafon).

Im Herbst 1963 hatte der Frondienst im Jazzkeller den Pianisten Naura geschafft. Schwerkrank löste er sein Quintett auf. An Schlüters Haustür begann das Dauerklopfen: Erwin Lehn, Kurt Edelhagen, Paul Kuhn und später auch James Last.
1965 rief dann der NDR. Eine feste Stelle im Tanzorchester war frei. Wolfgang Schlüter nahm dankbar an und hatte in den folgenden 30 Jahren maßgeblichen Anteil an der Entwicklung des Unterhaltungs-Orchesters zu einer Weltklasse-Bigband: der NDR Bigband. Seine Soli veredelten buchstäblich tausende von Aufnahmen, nicht wenige von ihnen an der Seite von internationalen Jazz-Größen: Joe Pass, Dexter Gordon, Chet Baker. Sie alle kamen in den NDR und genossen das Spiel mit Wolfgang Schlüter. Einige von ihnen hätten den Vibrafonisten sicherlich am liebsten mitgenommen, denn sein Ruf wurde auch jenseits des Atlantik wahrgenommen: Neben Albert Mangelsdorff war Wolfgang Schlüter der einzige deutsche Jazzmusiker, der vom amerikanischen Magazin "Downbeat" im berühmten "Critics' Poll" erwähnt wurde.

Aber der Hochgelobte war und blieb ein bodenständiger Mensch. Einer, der sich in seinem Zuhause am wohlsten fühlte. Anstatt sich durch den Dschungel der Metropolen zu kämpfen, genoss er es, den heimischen Garten zu beackern und geduldig zum Wachsen zu bringen. So, wie er es an der Hamburger Musikhochschule mit seinen Schülern tat, die es ihm dankten. Einer von ihnen, Wolf Kerschek, leitet heute als Professor den Jazzstudiengang an der Hochschule.

"Ich werde weiterspielen"

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Wenn man Wolfgang Schlüter live hörte, glaubte man sein Alter nicht. Die Präzision und Beschwingtheit des über 80-Jährigen vermittelten den Jazz ganz jung und mitreißend.

Die Aufs und Abs der ersten Jahrzehnte zogen sich auch durch Wolfgang Schlüters späteres Leben. Eine schwere Erkrankung seiner Augen machte ihm zu schaffen, aber auch die konnte ihn nicht aufhalten. Es wurde mühsamer, das Vibrafon aufzubauen. Es wurde immer schwieriger und schließlich unmöglich, die Noten zu lesen - nicht aber zu spielen. 2007 erfuhr Wolfgang Schlüter die schwerste Prüfung. Bei einem tragischen Verkehrsunfall starb seine Frau. Er hatte damals gerade ein Konzert mit seinem Quartett bei den Hamburger Jazztagen in der FABRIK geplant. Es sollte ein Höhepunkt des Festivals werden. Nach einigen Tagen der Stille rief er an: "Ich werde weiterspielen. Ich trete auf." Das Konzert mit einer jungen, hochbegabten Generation Hamburger Musiker (Boris Netsvetaev, Philip Steen und Kai Bussenius) erschien später auf CD unter dem Titel "Four Colours". Beim Label Skip Records fand er neue, begeisterte Freunde. Es sollte das erste Album sein, das Wolfgang Schlüter in seiner langen Karriere unter eigenem Namen aufnahm. Und was für eins! Auch der NDR Bigband blieb er weiter verbunden. Mit seinen früheren Kollegen nahm er die CD "Visionen" auf - und wurde dafür 2013 mit einem ECHO Jazz ausgezeichnet. 2017 folgte mit dem Hamburger Jazzpreis eine weitere wichtige Ehrung. Er nahm sie freudig an und ging ins Studio, um sich einen großen Traum zu erfüllen: ein Album mit seinem Quartett und einem Streichorchester. Für 2019 - zur Veröffentlichung - waren bereits einige Konzerte geplant. Diese CD wird nun sein Vermächtnis sein.

"Ich wollte immer nur Musik spielen", sagte Wolfgang Schlüter einmal. Die Musik dankte es ihm und trug ihn über alle Beine hinweg, die das Leben ihm zu stellen versuchte. Entgangene Möglichkeiten? Die gab es sicherlich, aber das Solo spielt sich hier und jetzt ab, nicht gestern, nicht morgen. Das beste Jazz-Solo ist immer einzigartig, und es ist nur wirklich gut, wenn es bedingungslos gespielt wird. Ist ein Solo etwa deshalb besser, weil es in New York erklingt und nicht in Hamburg oder Henstedt-Ulzburg?

Auf die Frage nach seinem größten Fehler antwortete Wolfgang Schlüter einmal: "Vielleicht etwas zu viele Selbstzweifel". Man könnte es positiv auch Bescheidenheit nennen. Eine Eigenschaft, die es anderen - vor allem auch den Jüngeren - ermöglichte, ihm trotz seines Ausnahme-Könnens auf Augenhöhe zu begegnen, als Musiker und Freund.

Wir trauern um Wolfgang Schlüter und wünschen Christiane und seinen Kindern Nadja und Frank viel Kraft.

Hier der Nachruf von NDR Info zum Nachhören: