Stand: 08.01.2019 13:59 Uhr

E-Gas - eine echte Alternative?

von Markus Plettendorff, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Aus Strom, Wasser und Kohlendioxid (CO2) neue Kraftstoffe produzieren - das funktioniert nicht nur in der Theorie. Der Autohersteller Audi betreibt im niedersächsischen Werlte eine solche Anlage für sogenanntes E-Gas, die weit über das Versuchsstadium hinausgeht.

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In der Biogasanlage von Audi in Werlte (Landkreis Emsland) werden Abfälle in einspeisefähiges Erdgas umgewandelt und die Energie zum Antrieb für Fahrzeuge nutzbar gemacht.

Knapp 50 Kilometer von der holländischen Grenze entfernt und anderthalb Kilometer außerhalb der gut 10.000 Einwohner zählenden Stadt Werlte findet sich - mitten zwischen Feldern - die Power-to-Gas-Anlage von Audi. Ein größeres Gebäude, ein Gasspeicher, ein Container, ein Reaktorturm und ein paar Rohre: Die Zukunft der Kraftstofferzeugung wirkt nicht besonders imposant. Tolga Akertek, Betriebsleiter der Anlage, erklärt: "Auf der rechten Seite sehen Sie die Biogasanlage. Hier werden Substrate aus der Landwirtschaft als Rohstoff verwendet. Die Biogasanlage hat eine Kapazität von 1.000 Kubikmeter pro Stunde, circa zwei Drittel davon ist Methan. Ein Drittel ist CO2. Das CO2 ist quasi das Abfallprodukt aus dem Biogasprozess." Und zugleich ein Rohstoff für die Produktion von E-Gas.

Abgas quillt aus dem Auspuff eines Autos im Straßenverkehr. © avanti Foto: avanti

Die Suche nach dem Antrieb der Zukunft

NDR Info - Wirtschaft -

Die Autoindustrie kritisiert die verschärfte EU-Regelung für CO2-Ausstoß. Diese sei mit herkömmlichen Antrieben nicht zu erreichen. Nun wird nach alternativen Lösungen gesucht.

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Wie funktioniert die Umwandlung von Strom in Gas?

Im Rahmen von Audis E-Gas-Projekt soll mithilfe von Ökostrom per Elektrolyse zunächst Wasserstoff produziert werden. Damit lassen sich mittelfristig Brennstoffzellenautos betreiben. Aber Audi nutzt den Wasserstoff außerdem, um daraus in einem weiteren Schritt unter Zuführung von CO2 Methan zu erzeugen. Dieses Methan wird auch synthetisches Erdgas genannt oder E-Gas. Der besondere Nutzen der Methanisierung liege laut Betreiber darin, dass die Reaktion mithilfe von CO2 abläuft, das damit nicht in die Atmosphäre gelangt. So ergebe sich ein geschlossener CO2-Kreislauf, der klimafreundliche Langstreckenmobilität ermögliche. Der regenerativ erzeugte Strom werde über die Erzeugung von Methan an das Erdgasnetz angekoppelt. Damit könne das Projekt dazu beitragen, das Problem der Speicherung überschüssigen Wind- oder Solarstroms zu lösen.

Quelle: http://www.powertogas.info/

Endprodukt: einspeisefähiges E-Gas

Der Standort in Werlte sei bewusst gewählt, erzählt Akertek. Zum einen wegen der benachbarten Biogas-Anlage, aber auch weil ein Knotenpunkt es ermöglicht, das Endprodukt E-Gas direkt ins öffentliche Gasnetz einzuspeisen. Zudem finden sich in direkter Nachbarschaft etliche Windräder, die den grünen Strom liefern, von dem die Anlage reichlich benötigt: "Wenn wir in Betrieb sind, können wir sechs Megawatt elektrische Leistung aus dem Netz ziehen. Wenn Sie schlechtes Wetter haben, sehr viel Wind, können Sie davon ausgehen, dass die Anlage läuft", sagt Akertek.

Überschüssiger Strom aus Windenergie

Es summt und brummt in der großen Halle, in der die stromfressenden Elektroliseure stehen, die den zweiten Rohstoff des E-Gases liefern: Wasserstoff. Die gesamte Anlage ist nur in Betrieb, wenn überschüssige Windenergie im Stromnetz zur Verfügung steht und die Strompreise niedrig sind. Denn noch ist die Produktion von E-Gas teuer und das Endprodukt nicht konkurrenzfähig.

Zudem soll durch den wetterabhängigen Betrieb verhindert werden, dass Windräder abgeschaltet werden müssen, wenn ein Überangebot die Netze überlastet: "Wir können nicht überall Windräder bauen und die erneuerbaren Energien ausbauen, ohne ein Speicherkonzept für diesen Strom zu haben", sagt der Betriebsleiter. Auch hierzu könnte die Power-to-Gas-Technologie langfristig genutzt werden.

Flüssiger Kraftstoff für Gasautos

Bei Audi in Werlte aber produziert man in erster Linie das Gas, das Kunden verbrauchen, die sich für ein gasbetriebenes Auto der Marke entschieden haben. Grünes E-Gas oder synthetische Kraftstoffe zu nutzen, ist für Tolga Akertek ein sinnvoller Zwischenschritt auf dem Weg zur emissionsfreien Mobilität: "Da brauchen wir keine Umstellung. Die Autos sind auf dem aktuellen Stand der Technik, das sind keine Prototypen. Und auch wenn sie mit fossilem Erdgas fahren, haben sie direkt 80 Prozent weniger CO2- Ausstoß und deutlich weniger Schadstoffe."

Politiker müssten rechtliche Rahmenbedingungen schaffen

Für eine großindustrielle E-Gas-Produktion und um mit den Preisen fossiler Energieträger konkurrieren zu können, fehlen aber zum Teil die rechtlichen Rahmenbedingungen, sagt Andreas Kuhlmann, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur: "Wenn man das wirklich voranbringen will, wird man sich irgendwann einmal um Marktsegmente kümmern müssen. Sei es durch eine Quote, sei es durch eine Anrechenbarkeit auf die Treibhausminderungsquoten. Da gibt es viele kleine Stellschrauben, aber die Politik hat sich da noch nicht so richtig durchgerungen. Wir werben aber dafür."

Bei Störungen Handyalarm

Noch kann Audi sich das quasi recycelte CO2 nicht auf seine Flottenemissionen anrechnen lassen. Tolga Akertek schaut aber dennoch optimistisch in die Zukunft. So wird der produzierte Wasserstoff aus Werlte bereits direkt verkauft, die Produktion von Flüssiggas ist in Vorbereitung und die Betriebskosten solcher Anlagen sinken, erklärt Akertek in der Leitwarte der E-Gas-Anlage. "Hier ist alles automatisch und die Steuerung ist mit unseren Handys verbunden. Wenn irgendetwas schief läuft, werden wir sofort von der Anlage informiert." Und das würde auch bei weitaus größeren Anlagen funktionieren, sagt er und freut sich schon auf den nächsten Tag mit viel Wind und günstigen Strompreisen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 08.01.2019 | 06:38 Uhr

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